Trennungs-Tagebuch (4): Why’d you lie to me

von Paula Z.

Was’n Glück, …

dass wenigstens nicht alle miesen Gefühle, die einen – laut des bereits mehrfach erwähnten Trennungs-Ratgebers – als Verlassene heimsuchen können, über mich hereingebrochen sind.

Selbstzweifel und Wut auf mich selbst, beispielsweise, sind mir bislang erspart geblieben.

Das hängt sicher damit zusammen, dass diese Gefühle in den letzten Jahren unserer Ehe meine ständigen Begleiter waren.
Während mein Gatte – wie ich heute weiß – längst damit begonnen hatte, sich innerlich zu verabschieden, war ich ja immer noch der Meinung, unsere Partnerschaft befände sich bloß in einer beschwerlichen Phase, die man gemeinsam durchstehen müsse.
Denn obwohl ich vor lauter Aufregung von der Rede des Standesbeamten bei unserer Trauung nicht viel mitbekommen habe und gar nicht mehr weiß, ob die Zusage, “in guten wie in schlechten Zeiten” füreinander dazusein, überhaupt zu den Dingen gehörte, zu denen wir damals “Ja” gesagt haben, gehörte dieses Versprechen (neben dem von Aufrichtigkeit und Loyalität) für mich zu den Grundlagen unserer Ehe.

Und die Verantwortung dafür, dass trotz aller von mir organisierten gemeinsamen Reisen und Unternehmungen der Abstand zwischen uns stetig größer wurde, habe ich immer nur bei mir gesucht. Nach zwei Jahrzehnten als Hausfrau und Mutter, dachte ich, sei ich ihm einfach zu langweilig geworden, zu träge, zu spießig, zu unattraktiv…
Während er unter der Distanz zwischen uns nicht sonderlich zu leiden schien – kein Wunder, seine Bedürfnisse nach physischer und emotionaler Nähe wurden ja bereits regelmäßig ‘außer Haus’ befriedigt! – war ich nicht nur ungeheuer frustriert, sondern gab auch noch mir selbst die ganze Schuld an meinem Frust.

Damit dürfte ich das Feld der Selbstvorwürfe so ausgiebig beackert haben, dass ich mich damit jetzt nicht mehr abplagen muss.

Was sollte ich mir auch schon vorwerfen?

Dass ich mich nicht engagiert, nicht genug für das Fortbestehen unserer Partnerschaft gekämpft hätte?
Lächerlich.
Bei meinen unzähligen Versuchen, wieder näher an diesen Mann heranzukommen, bin ich so oft mit Volldampf gegen einen Eisberg geknallt, dass man mich zur “Miss Titanic” küren sollte.

Dass ich nicht merken wollte, wie ich jahrelang hintergangen wurde?
Keine Frage, ich habe es ihm leicht gemacht, mich zu belügen.
Aber das ändert nichts daran, dass nichts und niemand ihn zwang, es zu tun… Die Entscheidung für die Lüge hat er allein getroffen – deshalb bin ich nicht bereit, auch nur einen winzigen Teil der Verantwortung für diese Entscheidung zu übernehmen!

Wütend auf mich selbst war ich lange genug.
Jetzt erlaube ich mir ausdrücklich, wütend auf ihn zu sein.

Dabei ist es mir wurscht, wenn dieses Bekenntnis einer sozial weniger erwünschter Emotion, wie Freund vagus vermutet, Kommentare der Sorte “Pfui!” provoziert…
Übrigens denke ich auch nicht, lieber vagus, dass Wut und Zorn sich unter dem “Schleier der Trauer” verstecken.
In ‘Phase II’ der Trennungsarbeit brechen alle diese Gefühle auf und wechseln sich ab; sie alle haben ihre Berechtigung und müssen durchlebt bzw. durchlitten werden.

Das Zulassen der Wut (die sich bis zu Hass steigern kann) ist für den mühsamen Prozess der Lösung aus einer emotionalen Abhängigkeit mindestens ebenso nützlich wie die akzeptierte und durchlebte Traurigkeit.
Um sich innerlich befreien zu können, muss die / der Verlassene damit aufhören, den Ex-Partner zu lieben (Annie Lennox: “I’m gonna leave this love behind….”). Und wohl kaum etwas löscht Liebe schneller und effektiver aus als eine Kombination aus Zorn und Verachtung.

Darüber hinaus finde ich es sinnvoll, zu hinterfragen, warum ich diese sozial weniger erwünschten Emotionen habe. Wäre ich beispielsweise wütend, weil mein Ex mir ewige Liebe versprochen und dieses Versprechen gebrochen hätte, käme ich mir mittlerweile (nachdem der erste Sturm der Gefühle etwas abgeflaut ist) ziemlich albern vor.
Aber das ist eben nicht der Grund, warum in mir immer wieder dieser heiße Zorn aufwallt, sondern ich bin so furchtbar wütend, weil er mich ungemein routiniert und viele Jahre lang belogen hat!

Mit so einer Begründung fällt es wesentlich leichter, Wut und Zorn als notwendige Etappen auf dem Weg zu einem neuen Lebenskonzept zu akzeptieren.

Denn wenn zwei Menschen einander lieben und miteinander zu leben beschließen, und nach einigen (oder vielen) Jahren hört einer auf, den anderen zu lieben, dann ist das wohl immer schmerzlich, vor allem für den “Verlierer”, der noch liebt, aber trotzdem verlassen wird.
Doch ein “guter Grund” für Wut oder gar Hass ist so etwas meiner Meinung nach nicht, denn es gibt nun mal keine Garantie auf Liebe fürs ganze Leben.
Gefühle lassen sich weder erzwingen noch abonnieren. Wer liebt, muss mit dem Risiko leben, dass er den geliebten Menschen verlieren kann – durch Trennung oder durch Tod.

Nur weil mein Ex und ich uns vor einer kleinen Ewigkeit ineinander verliebt haben, ist er nicht verpflichtet, mich zu lieben bis ans Ende seiner Tage.

Aber: Als er irgendwann nicht mehr genug für mich empfand, um den Reizen anderer Frauen widerstehen zu können, hätte er mir das sagen müssen.
Das ist etwas, wozu er meiner Meinung nach sehr wohl verpflichtet war!
Einen Menschen, insbesondere einen, der einen liebt und den man selbst auch einmal geliebt hat, jahrelang zu hintergehen – nein, das finde ich nicht in Ordnung.
So ein Verhalten finde ich mies und erbärmlich, und es wird viel Zeit vergehen, bis ich das verzeihen kann.

Zusätzliche Nahrung meines Grolls ist die Überlegung, dass ich es scheinbar bloß einem Eifersuchtdrama zwischen den letzten beiden Gespielinnen meines Noch-Ehemannes verdanke, dass ich endlich über seine langjährigen außerehelichen Aktivitäten aufgeklärt wurde.

Als mein umtriebiger Ex nämlich seine derzeitige Freundin A. (nur ein paar Jahre älter als unser Erstgeborener…) eroberte, war er auch noch mit ihrer Vorgängerin B. liiert.
Einige Monate lang hatte er zwei “Verhältnisse” gleichzeitig, bis er sich schließlich so sehr in A. verliebt hatte, dass er B. den Laufpass gab.
B. scheint sich damit nicht so recht abgefunden und immer wieder nach dem Grund seines Sinneswandels gefragt zu haben, bis er – kaum zu glauben – ihr von seinen Gefühlen für A. erzählte.

Warum er B. offenbarte, dass sie durch eine Jüngere ersetzt worden war, ist mir unbegreiflich. Der Mann ist doch sonst nicht so tollpatschig.
War es der unbändige Stolz eines über 50-Jährigen auf diese Eroberung?
Die Hoffnung, B würde angesichts einer so knackigen Rivalin ihre Chancenlosigkeit einsehen und endlich Ruhe geben? Ihm möglicherweise sogar noch gratulieren und alles Gute für die Zukunft wünschen?
Oder wollte er – unbewusst – vielleicht doch das von ihm selbst errichtete Lügengebäude zum Einsturz bringen, wusste aber nicht, wie – und überließ es kurzerhand der gedemütigten, ‘abservierten’ Ex-Geliebten?

Wie dem auch sei, B. ließ ihre Nachfolgerin daraufhin nicht nur wissen, dass unser Held mit ihr ebenfalls ein Verhältnis gehabt, sondern auch, dass er – zumindest zeitweilig – sie beide gleichzeitig beglückt hatte. Die neue Favoritin A. reagierte prompt und B.s Erwartungen entsprechend: Sie warf meinen Ex aus ihrer Wohnung und ihrem Bett.

Dass ihr Lover seine Ehefrau betrog, wusste A. sehr wohl.
Dass aber sie selbst ebenfalls von ihm betrogen worden war, muss für die junge Dame dennoch eine ganz schlimme Überraschung gewesen sein.
Und so kam es, dass just in dem Moment, als mein Ex zum ersten Mal einer seiner Geliebten nicht nur seinen Schniedel, sondern auch sein Herz auf einem silbernen Tablett zu servieren bereit war, diese ihm ihre Gunst entzog.

Auf einmal funktionierte sein bis dato komfortables Doppelleben – die Ehefrau für Kinder, Haushalt und Alltag, daneben eine Geliebte für Spaß, Spiel und Spannung – nicht mehr.
Die Angst, A. zu verlieren (und damit auch die Möglichkeit, sich wieder herrlich jung zu fühlen), muss schließlich größer gewesen sein als die vor meinen möglichen Reaktionen auf seine “Beichte”.

Dieser Angst verdanke ich es offenbar, dass ich nicht noch mehr Jahre meines Lebens damit verschwenden werde, zu warten, zu hoffen und ein längst verrecktes Gefühl wiederbeleben zu wollen.

Ich sollte dem Fräulein A. dankbar sein.
(Und in ein, zwei Jahren werde ich die dafür nötige Souveränität gewiss auch aufbringen…)
;)
Ohne ihre Empörung darüber, von meinem Ex belogen worden zu sein, würde ich seine Lügen immer noch schlucken – und wäre bestimmt eines Tages daran erstickt.


-1 Kommentare zu "Trennungs-Tagebuch (4): Why’d you lie to me"

  1. „Aber das ist eben nicht der Grund, warum in mir immer wieder dieser heiße Zorn aufwallt, sondern ich bin so furchtbar wütend, weil er mich ungemein routiniert und viele Jahre lang belogen hat!“

    Irgendwann mal hat er damit angefangen. Die erste Lüge, sie hättest du merken müssen. – Sollen?
    Meines Erachtens sind wir Männer normalerweise einfach zu faul, fremdzugehen. Wenn zuhause alles stimmt, wir uns beachtet, anerkannt und geliebt fühlen, manchmal etwas betüdelt; wenn der Sex – zumindest für uns – einigermaßen stimmt, dann geht kein Mann fremd. (Mal von sporadischen ‚Unfällen’, Fällen von Verführtwerden, abgesehen.)

    Was fehlte deinem Ex damals? Hat er sich vielleicht von den Kindern in die 2., 3. Reihe gedrängt gefühlt?
    Ein sehr häufiger Grund, dass Männer fremdgehen. Er ging fremd und du hast ihn nicht ‚erwischt’.
    Eine sehr infantile Handlungsweise von Männern, bleibt auch oft unbewusst.

    „Ich war böse und Mami hat es nicht mal bemerkt. Liebt Mami mich denn nicht mehr?“
    Zweiter Versuch. Dritter, vierter, fünfter versuch. Von da ab war es kein Experiment mehr, kein Versuch der Provokation, sondern ein Rachefeldzug. Du, Paula, bliebest blind. Du hast es nicht wahrgenommen, du hast ihn nicht wahrgenommen. Routiniert und viele Jahre lang.

    „Keine Frage, ich habe es ihm leicht gemacht, mich zu belügen.“ – Warum?

    *duck*

    vagus

    ___________________________________________________________

    „Ich war böse und Mami hat es nicht mal bemerkt. Liebt Mami mich denn nicht mehr?“

    Lieber vagus, ich kann nach wie vor die deiner Erklärung zugrunde liegende Idee nicht akzeptieren, dass Männer derart infantil “ticken” – und von Frauen behandelt werden möchten wie Kleinkinder von ihren Mamis.

    “”Keine Frage, ich habe es ihm leicht gemacht, mich zu belügen.” – Warum?”

    Diese Frage habe ich m.E. bereits beantwortet :

    “Weil ich nichts merken wollte.
    Weil ich es vorgezogen habe, ihm bedingungslos zu vertrauen – mir selbst und meiner Intuition (die mir oft genug signalisierte, dass da irgendwas nicht stimmen konnte…) aber nicht. Weil ich zugelassen habe, dass er zum Mittelpunkt meines Lebens wurde, und deshalb zu feige war, ihn ohne rosa Brille zu betrachten.”

    Paula

  2. Liebe Paula!

    Mir steht auch bald die Scheidung bevor, allerdings habe ich mich von meinem Mann getrennt und die Gründe hatten auch nichts mit einer anderen Frau zu tun.
    Aber einiges, was Sie hier geschrieben haben, paßt auch auf mich, z.B.:

    “Weil ich nichts merken wollte.
    Weil ich es vorgezogen habe, ihm bedingungslos zu vertrauen – mir selbst und meiner Intuition (die mir oft genug signalisierte, dass da irgendwas nicht stimmen konnte…) aber nicht. Weil ich zugelassen habe, dass er zum Mittelpunkt meines Lebens wurde, und deshalb zu feige war, ihn ohne rosa Brille zu betrachten.”

    Ich habe nun, genau wie Sie, viel zu tun damit, mein eigenes Leben wieder selbständig zu ordnen, aber in den letzten Tagen habe ich gemerkt, daß es zu schaffen ist, und ich freue mich sehr auf mein neues Leben!

    LG von
    Anja

    P.S.: Ich habe Ihren Blog übrigens auf meinem in die Linkliste gesetzt und hoffe, das ist o.k.!:)

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    Klar ist das o.k. ! :-)

    Und wie wär’s mit der url von Ihrem Blog (für alle am Thema “Trennung” u.a. Interessierten)?

    Liebe Grüße, Paula

  3. Liebe Paula!

    Nun, mein Blog ist kein “Trennungs-Tagebuch”, sondern einfach mein persönlicher Blog, in dem es um vieles geht (Bücher, Politik, Feminismus, etc.), aber oft auch um Persönliches, momentan also auch um die Trennung/Scheidung und die ganzen Folgen, die sich für mich daraus ergeben.
    Schauen Sie ihn sich einfach einmal an und entscheiden dann, ob Sie die URL hier veröffentlichen wollen oder nicht.

    LG von
    Anja

    http://anja-lesenstattputzen.blogspot.com/

  4. Hallo Paula!
    Wie geht es Ihnen mittlerweile?
    LG von
    Anja

    _______________________________________________

    Hallo Anja,

    in meiner Familie gab es gerade einen Trauerfall und
    ich habe daher momentan leider nicht die Zeit und
    die Energie, viel online zu sein…

    Gruß, Paula 

  5. Oh…herzliches Beileid!

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