Trennungs-Tagebuch (5): Season of the witch

von Paula Z.

Was’n Glück, …

dass für das Getrenntsein von einem Menschen, an dessen Seite man eigentlich bis ans Ende seiner Tage bleiben wollte, das Gleiche gilt wie für alle anderen Aufgaben, die das Leben so für uns bereit hält:
Übung macht den Meister.

Einerseits gibt es sie nach wie vor, die Panikattacken, die Wogen der Verzweiflung und die Wutanfälle, und sie überfallen mich in der Regel genau dann, wenn ich mich gerade richtig cool finde und mir einbilde, wieder ein ordentliches Stück Distanz zu meinem Noch-Ehemann und unserer gescheiterten Ehe gewonnen zu haben.

So wie neulich z.B., als mir beim Aufräumen eine Telefonrechnung vom letzten Jahr in die Hände fiel und ich feststellte, dass mein Ex es sich sogar am Abend meines Geburtstags (an dem er leider, leider, zu einer seiner vielen “Geschäftsreisen” aufbrechen musste) nicht verkneifen konnte, seine Geliebte (zu der die “Geschäftsreise” ging) von unserem Festnetzanschluss aus anzurufen…
Schon klar: dass er mich betrogen hat, das weiß ich nun schon seit einer ganzen Weile. Trotzdem tat dieser neuerliche Beweis für Lug, Trug und Lieblosigkeit doch überraschend weh. Mein Geburtstag ist halt immer noch ein besonderer Tag – für das Kind in mir…

Andererseits: wegen so etwas nächtelang schluchzen, statt zu schlafen? Nee, das kommt nicht mehr in Frage.
Lieber eine halbe Stunde lang volle Kanne Rotz und Wasser heulen, bis man erschöpft, leer und irgendwie ziemlich dehydriert ist, – oder zwanzig Minuten herumhopsen wie von der Tarantel gestochen und dabei die übelsten Beschimpfungen des (natürlich nicht anwesenden) treulosen Ex brüllen!
Und schon ist der Anfall wieder vorbei.

Solche Gefühle rauszulassen, fällt (mir) leichter, wenn passende Musik dazu läuft.

Und so folgt hier die zweite Hälfte von ‘Paulas Top Twenty bei Herzschmerz’:

11. “Comptine d’un autre Eté l’après Midi” von Yann Tiersen (aus dem Soundtrack zum Film “Die fabelhafte Welt der Amélie”) ist ein so trauriges und zugleich so wunderschönes Stück, dass es mir selbst bei allerbester Laune das Wasser in die Augen treibt.
Wenn man sich richtig “ausheulen” möchte, ist es ein hervorragender Einstieg – besonders, wenn man die Musik zusammen mit dem kongenialen Trickfilm “The Piano” von Aidan Gibbons genießt. (Das Video – im Quicktime-Format – kann man sich auf der Homepage des Filmemachers auch herunterladen.)

12. “Crazy english Summer” von Faithless lässt einen ebenfalls in bildschöner Traurigkeit schwelgen.
YouTube bietet dazu zwar kein Original-Musikvideo der Künstler, aber ein mit dem Song unterlegtes Amateurfilmchen. Na ja, die sich im Leoparden-BH räkelnde, rothaarige junge Dame scheint mir nicht ganz zu der sentimentalen Geschichte zu passen, die das Lied erzählt – aber zumindest sieht sie irgendwie britisch aus. Und sie behält den BH an.
Es hätte schlimmer kommen können.

13. “Down to you” von Joni Mitchell.
Vor einigen Wochen lief der Episodenfilm “Tatsächlich … Liebe” im Fernsehen, in dem die großartige Emma Thompson die Ehefrau und Mutter Karen spielt, deren Mann (Alan Rickman) grad dabei ist, den Avancen seiner schicken jungen Kollegin (Heike Makatsch) zu erliegen. Da diese sich “etwas Schönes” von ihm wünscht, kauft er ihr ein teures Weihnachtsgeschenk.
Karen, die das Schmuckstück in seiner Jackentasche entdeckt, nimmt zunächst natürlich an, es sei für sie gedacht… Aber dann bekommt sie bei der Bescherung von ihrem Gatten eine CD (mit Liedern ihrer Lieblingssängerin Joni Mitchell) überreicht und muss zutiefst verletzt erkennen, dass er die Goldkette gar nicht für sie gekauft hat.
Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass ich mich sehr, sehr gut mit Karen identifizieren konnte und beim Anschauen der Episode bestimmt eine halbe Packung Papiertaschentücher verbraucht habe.
Dieses Erlebnis hat mich jedenfalls dazu gebracht, meine zwei Joni Mitchell-CDs mal wieder hervorzukramen. Definitiv trennungstauglichster Song ist da “Down to you” von “Court and Spark”, dicht gefolgt von “I had a King” von der ersten Scheibe der Kanadierin (“Joni Mitchell”).
Mit YouTube-Links kann ich nicht dienen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um Songs aus der Vor-Musikvideo-Ära handelt, verwundert das wohl nicht.
Stattdessen habe ich eine Übersetzung der Lyrics ins Deutsche (?) gefunden – die jedoch allenfalls für Lachtränen sorgen dürfte: “you brush against a stranger” wird da zu “Sie bürsten gegen einen Fremden”, “love is gone” zu “Liebe wird gegangen”…

14. “My Skin” von der unvergleichlichen Natalie Merchant.
Auch hierzu konnte ich kein Original-Musikvideo finden, aber wenigstens ein – offenbar von einem echten Fan – liebevoll selbstgemachtes, für ein “college project”…
Wer sich die Ausnahme-Künstlerin Natalie Merchant mal im eigenen Video anschauen möchte, dem sei das zu ihrem Song “Ophelia” empfohlen.

15. “Hyde and Seek” ist ein mystisch-melancholischer Song einer jungen englischen Sängerin mit dem schönen Namen Imogen Heap, von der man sicher noch (mehr) hören wird.

16. “Dreams”, gesungen von der damals wie heute feenhaften Stevie Nicks von Fleetwood Mac.
Die bei YouTube abrufbare Live-Version gefällt mir nicht annähernd so gut wie die Studio-Aufnahme auf “Rumours”, aber wie bereits bemerkt, findet man ältere Sachen bei YouTube ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Glück…
Dafür allerdings einen Remix, der sich zumindest – nun ja – interessant anhört.

17. “Fighter”.
So, jetzt haben wir genug musikalisch getrauert.
Jetzt wird es Zeit, sich vom stimmgewaltigen Fräulein Christina Aguilera an eine Binsenweisheit erinnern zu lassen:
“Was uns nicht umbringt, macht uns stärker!”

18. “Left outside alone” von Anastacia.
Dass Eifersucht und Wut so rocken können! :)
Memo an mich selbst (zu diesem Video): “Sobald die nächsten 5 Kilo runter sind, schwarze Lederhose zulegen!”

19. “Forever yours” von der Newcomer-Band Sunrise Avenue.
Die Finnen sind derzeit mit “Fairytale gone bad” in den Charts – das ist noch so ein Song über eine Trennung, aber über eine filmreife Bilderbuch-Trennung mit fights and shouts and tears… Nicht so ein stilles, klammheimliches Absterben wie im Falle meiner Ehe.
Bei “Forever yours” gefällt mir besonders die optimistische Textzeile “I will find something more, someone I am made for….”

20. “Let the Sunshine in” von – yep, jetzt wird tief in die Mottenkiste gegriffen – Julie Driscoll, einer Lady, die ihre größten Erfolge feierte, als die neue Lebensabschnittgefährtin meines Ex noch gar nicht geboren war!
Das ist für mich die ultimative, die beeindruckendste Version dieses 70er-Jahre-Gassenhauers aus dem Musical “Hair”. Dank der Gruppe 5th Dimension wird das Stück ja gern mit “Age of Aquarius” (auch aus “Hair”) verwechselt, weil die Damen und Herren aus der fünften Dimension damals die beiden Stücke zu einem Medley verwurstet und damit einen großen Hit gelandet hatten.
Aber bei Julie wird aus “Let the Sunshine in” ein unwiderstehlich swingender, in Brian Augers rhythmisches Orgelspiel eingebetteter Song, aus dem einem die Sonne geradezu entgegen strahlt. Ein wenig davon ist sogar noch dem ziemlich einfallslosen Remix anzumerken…
Aber ich hab’s gut. Ich habe eine “Best of” CD des Dreamteams Driscoll / Auger.
Und wenn ich mir dann auch noch “Season of the Witch” und “Wheels on Fire” angehört habe, dann spüre ich sie selbst im grauen Februar – die Sonne.


5 Kommentare zu "Trennungs-Tagebuch (5): Season of the witch"

  1. Hallo Paula!

    Noch ein paar Vorschläge von mir (alle selber ausprobiert! ;) ):

    “You oughta know” von der göttlichen Alanis Morissette (Die schreit ihre Wut auf ihren Ex da auch raus)
    “Du liebst mich nicht” von Sabrina Setlur
    und zum Schluß was Klassisches:
    Bachchoräle (sind eher was für die Heulphase).

    Ansonsten wünsche ich Ihnen weiterhin alles Gute für Ihr neues Leben!

  2. Hallo Paula!
    Habe gerade entdeckt, daß es das Video zu “You oughta know” auch im Netz gibt, und zwar unter alanis.com unter “music”.
    Außerdem ist mir noch was zu Ihrer Herzschmerz-Musik-Liste eingefallen:
    “I will survive” von Gloria Gaynor natürlich! Das habe ich erst am WE einer Freundin empfohlen, die ähnliche Probleme hat wie Sie und auch mir selber hat das Lied bei einer früheren Trennung sehr geholfen!
    LG von
    Anja

  3. Hallo Paula,

    Falls Sie denn – und ich denke, das wird so sein – auch einen Herzschmerz-Lied-Tipp von einem Mann akzeptieren: “Better Things” von Tracy Thorn & Massive Attack ist eine sehr gelungene Mischung aus Melancholie und Selbstbehauptung: “Hear me say, better things will surely come my way”.

    Schöne Grüße,

    Helge

    P.S.: Falls gewünscht, kann ich bestimmt einen kleinen MP3-Link zum Stück nachliefern

  4. Liebste Paula,

    ich schaue hier jeden Tag her. Jeden Tag klicke ich mich so durch Deine Zeilen. Wie viel Ähnlichkeit. In der Art zu schreiben… so viel Ironie und gleichzeitig mit so viel Ernsthaftigkeit gemeint, die kaum einer erkennt, der nicht dahinter schaut.

    Deine totheulen-Liste ist wunderbar. Natalie kannte ich noch gar nicht, aber “my skin” läuft nun unentwegt. Das Buch von D. Wolf habe ich auch. Aber so viel Theorie konnte ich mit meinem anfänglichen Herzschmerz und später Frust/ Wut gar nicht vertragen. Ich hätte so unendlich Lust, mit Dir zu mailen. Einfach so. Und wenn es um den banalen Tag geht. Ich glaube, Du könntest mir den Weg zum Bäcker unendlich spannend beschreiben. Wenn Du Lust hast, mail mir doch.

    Dann verrate ich Dir auch meine TOP3 der Heul-Songs.

    Bis dahin ganz liebe Grüße

    … und den neuesten Stand zum Trennungstagebuch bitte.

    Sofie

  5. Zu guter Letzt widmen wir uns doch einfach den wesentlichen Dingen des Lebens -denn gäbe es überhaupt Leben ohne Musik? ask the bird on the wire-.

    Liebe Paula,

    eigentlich bin ich, was Musik angeht, kein unbeschriebenes Blatt, da ich aus diversen Quelle (u.a. meine Jüngste-22, aktueller Geheimtipp: The Postal Service) mit den neusten Trends versorgt werde, aber angesichts Deiner Liste fühlte ich mich wie ein Fastfood-Gänger vor dem provencalischen Gewürzregal.
    Ich habe daher, da ich allgemeines Interesse vermute, Deine Linkliste aktualisiert und unter http://www.musikliste.pit-ka.de ins Netz gestellt. Dies ist gleichzeitig mein Dankeschön an Dich Paula für die Fülle von Inspiration, die ich aus deinem Blog ziehen konnte.

    OK, USA-Hochglanzproduktionen übersehe ich geflissentlich, da mir bei Megastars (#1, 2, 17,18) mit Major-Companies und Super-Marketing im Rücken Authenzität und Glaubwürdigkeit abgehen, gäbe es da nicht #7 Johnny Cash, das unerreichbare Vorbild in Traurigkeit und Timbre. Andere Nummern (#14, M.Mena) sind wahre Entdeckungen, mitreißend und voller Gefühl. Damit das ganze nicht zu traurig endet, habe ich übrigens von den gleichen Interpreten Lieder für “bessere Tage” der Liste hinzugefügt.

    Das eigentliche Scheidungslied ist aus meiner Sicht ist #20: Julie und Brian.
    Zusammen waren sie unschlagbar: eine Ikone Ihrer Zeit; aufbegehrend, sinnlich, konventionslos und elegant. Nach ihrer Trennung entpuppte sich Brian als (musikalischer) Langweiler und Julie (Tippett) war nur noch eine nervige Zicke auf falschem Pfad. — Halt! Stopp! Ist das wirklich die Botschaft, die ich hören will ?

    Widmen wir uns doch lieber den schönen Dingen des Lebens. Das es dafür nie zu spät ist beweisst auf charmante Art der Buena Vista Social Club vor allem in seinem Chan Chan, das (nicht zuletzt auch in der, da nur live gespielt, viel zu selten gehörten Version des Bonna Vista Salsa Clubs, wo ein gewisser pk die Gitarre schlägt) auf so anrührende Weise beschreibt, was Frau und Mann verbindet.

    Liebe Grüße
    Pit

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    Tausend Dank für diese Fleißarbeit – und deine wunderbaren Ergänzungen!
    Hatte schon bemerkt, dass ein großer Teil meiner Links mittlerweile im virtuellen Nirvana enden, war aber immer zu bequem, nach neuen Videos zu suchen…
    Ich erlaube mir, einen Verweis auf deine aktualisierte Musik-Linkliste in das “Trennungs-Tagebuch” (welches ich im April mit dem letzten Kapitel abzuschließen gedenke) aufzunehmen, damit diese schöne Liste nicht in den Kommentaren untergeht.

    Hocherfreute Grüße zurück,
    Paula

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