Forever young. Vom diskreten Sexismus alternder Autoren

von Paula Z.

Was ‘n Glück, …

dass ich – obwohl ich das bin, was man in Norddeutschland eine “echte Quasselstrippe” nennt – es nie geschafft habe, als Talkshow-Moderatorin beim NDR unterzukommen.

Denn dann müsste ich damit leben, dass Kritiker nicht nur die Art und Weise beurteilen, wie ich meinen Job mache, sondern auch eine (Ab-)Qualifizierung meiner Person aufgrund anderer Kriterien vornehmen, beispielsweise anhand meines modischen Stylings oder bestimmter biologischer Merkmale.

Schließlich bin ich eine Frau.

Oder haben Sie etwa schon mal erlebt, dass bei der Erwähnung eines männlichen TV-Moderators in der Presse abfällige Bemerkungen über dessen Aussehen oder Outfit gemacht wurden – oder über sein Alter?

Um eins gleich klar zu stellen:

Ich beziehe mich hier nicht auf Presse-Erzeugnisse der Sorte “Bild”.

Von solchen Schreiberlingen kann eine Frau, sofern sie über einen einigermaßen nüchternen Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten verfügt, kaum anderes erwarten, als dass sie weibliche “Personen des öffentlichen Interesses” nach deren äußeren Erscheinungsbild beurteilen.

Da sorgen eben die in einem offenherzigen Décolleté präsentierten Brüste der Kanzlerin bei einer Opernpremiere in Oslo für Schlagzeilen – und nicht etwa die Gespräche über die CCS-Technologie (der umstrittenen und irreversiblen unterirdischen Einlagerung des von Kohlekraftwerken ausgestoßenen CO2s), die Merkel im April 2008 dort mit der norwegischen Regierung geführt hat.

Nein, das jüngste Beispiel für solchen mehr oder weniger diskreten Sexismus bei Vertretern der Medienzunft fand ich vor einigen Tagen ausgerechnet in meiner heiß geliebten taz.

Und zwar in einem Kurzportrait des Gesundheitsministers Philipp Rösler (FDP), jenem 36-jährigen Mediziner aus Niedersachsen, dem in der neuen Bundesregierung die Aufgabe zuteil wurde, als Interessenvertreter von Pharmaindustrie, Ärzten und Privatkassen auch noch die letzten Reste eines solidarischen Gesundheitssystems zu demontieren, die seine Vorgängerin Ulla Schmidt übrig gelassen hat. (Seine im Bild-Interview geäußerte Forderung nach “mehr Wettbewerb” im Gesundheitssystem kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass er bei der Erfüllung dieser Aufgabe keine Zeit verlieren will…)

In sämtlichen mir bekannten Artikeln und Sendungen erscheint Rösler als ein Mensch, der bei anderen unbedingt einen sympathischen, lustigen (früher machte er für kleine Patienten den Bauchredner, heute in Talkshows), aufrichtigen und kompetenten Eindruck machen möchte. Trotz all dieser Bemühungen wirkt er auf mich aber immer ein wenig unecht und langweilig – ein angepasster Streber, der sich anbiedern will.

“Schwiegermamas Liebling” wird dieser Typ häufig genannt. Obwohl ich persönlich ja glaube, das Mütter, die sich derartig gestrickte junge Männer als Schwiegersöhne wünschen, im Aussterben begriffen sind. Zumindest wäre ich alles andere als begeistert, wenn mir meine Tochter so ein aalglattes Karrierejüngelchen als künftigen Vater meiner Enkel präsentieren würde!

Auch im oben genannten Kurzportrait in der taz nord charakterisiert der Autor Michael Quasthoff den politischen Senkrechtstarter als smart und redegewandt, hinsichtlich seiner “politischen Potenz” aber als schwer einzuschätzen.

Der Absatz, über den ich beim Lesen stolperte und der mich schließlich zum Verfassen dieses Blog-Beitrags animierte, lautet:

“Was den Udo-Jürgens-Fan dafür qualifiziert? Immerhin hat Rösler Medizin studiert und weiß, was zu tun ist, wenn nach einer Bypass-OP die Pumpe stottert. Ansonsten werden gern sein Lausbubencharme, gute Manieren und die Handpuppe Willi angeführt, mit denen der Hobbybauchredner alternde NDR-Talkshow-Moderatorinnen entzückt.”

Sie ahnen es – es war der Hinweis auf die “alternden NDR-Talkshow-Moderatorinnen” (Plural!), der meine Aufmerksamkeit erregte. Und meine Neugier weckte – welche der in “meinem” Regionalsender tätigen Damen könnten damit wohl gemeint sein?

Der Seitenhieb auf diese von geistigem und körperlichem Verfall bedrohten Frauen – so ist “alternd” in diesem Zusammenhang doch wohl zu verstehen – muss dem Verfasser und / oder der Redaktion jedenfalls außerordentlich gefallen haben, denn er findet sich auch im Untertitel des Rösler-Artikels:

“KARRIERESPRUNG – Niedersachsens Wirtschaftsminister Phillip Rösler (FDP) ist der Schwarm alternder Talkshowmoderatorinnen. …”

Meine Recherchen förderten drei NDR-Mitarbeiterinnen zutage, die als Rösler-Fans in Frage kommen, da sie den FDP-Hoffnungsträger in diesem Jahr mal in ihrer Sendung hatten oder sich über ihn geäußert haben. Diese Moderatorinnen sind allesamt unter 50 – wenn das in des Autors Augen “alternde Frauen” sind, bin ich für ihn vermutlich ein Fall fürs Pflegeheim.

1. Bettina Tietjen, 49. In ihrer Talkshow, die damals noch “Die Tietjen und Dibaba” hieß (inzwischen ist ihr Co-Moderator Eckart von Hirschhausen), war Philipp Rösler am 6. März 2009 zu Gast. Leider habe ich die Sendung nicht gesehen, und dem NDR-Text lässt sich nicht entnehmen, ob und wie er sie “entzückt” hat.

2. Susanne Stichler, 40. In dem von ihr moderierten Magazin “Menschen und Schlagzeilen” wurde der neue Gesundheitsminister am 28. Oktober 2009 vorgestellt. Allerdings beschränkt sich ihre Rolle dabei auf eine kurze An- und Abmoderation, und den Grundtenor des filmischen Rösler-Portraits würde ich nicht gerade als euphorisch bezeichnen – in den Aussagen von Kollegen und journalistischen Beobachtern schwingt vielmehr eine gehörige Portion Skepsis mit.  Susanne Stichler moderierte auch am 21. Januar 2008, im Vorfeld der niedersächsischen Landtagswahl, ein Streitgespräch zwischen Philipp Rösler und Stefan Wenzel, den Spitzenkandidaten von FDP und Grünen. Nach dem, was sich auf den NDR-Seiten darüber nachlesen lässt, hat Rösler bei dieser kontroversen Diskussion aber wohl auf den Einsatz seines “Lausbubencharmes” oder seiner Bauchredner-Handpuppe verzichtet.

3. Ina Müller, 44. In “Inas Norden” oder in ihrer Last-Night-Show “Inas Nacht” hatte Rösler zwar noch nie einen Auftritt, aber die Sängerin, Kabarettistin, Autorin und Moderatorin hat sich in der Tat (als einzige der drei Vorgestellten, soweit ich feststellen konnte) erfreut und “total begeistert” zu seiner Ernennung geäußert, und zwar im Radio, auf NDR 90,3.  Ihre – von keinerlei politischem Bewusstsein getrübte – Begründung für diese Begeisterung lässt m.E. allerdings wenig Rückschlüsse auf ihr Alter zu, sondern zeugt eher von geradezu kindlicher Naivität…

Das Ergebnis meiner Nachforschungen überrascht mich nicht wirklich – es gibt sie gar nicht, diese Horden von “alternden NDR-Talkshow-Moderatorinnen”, die einen Philipp-Rösler-Fanclub gegründet haben.

Es gibt offenbar nur einen Journalisten, der aus irgendeinem Grund (vielleicht, weil er auch gern so häufig auf dem Bildschirm zu sehen wäre wie die vorgestellten Damen?) etwas gegen TV-Moderatorinnen über 40 hat. Und in der Redaktion der taz-nord gibt es anscheinend Entscheidungsträger, die einen dummen Schnack wie den von “alternden Talkshowmoderatorinnen” witzig finden. Oder denen zumindest nicht auffällt, was für ein sexistischer Sch… das ist.

Übrigens:

Bettina Tietjen wurde 1960 geboren, Susanne Stichler 1969 und Ina Müller 1965.

Der Verfasser des Artikels, Michael Quasthoff, im Jahre 1957.


3 Kommentare zu "Forever young. Vom diskreten Sexismus alternder Autoren"

  1. Handet es sich hier nicht eher um eine diskrete Sexmismus-Paranoia?

    Was hat das Attribut “alternd” mit ” sexistischer Sch…” zu tun? Diese Zuschreibung kann man genau so gut bei Männern finden, diese wird z.B. oft gebraucht, wenn ein sehr großer Alters-Unterschied zwischen Paaren besteht, und auf das Klischee des alternden, aber nie reif werden wollenden Lüstlings zurückgegriffen werden soll.

    Bei Frauen steht “alternd” aber nicht bloß für eine alternde, jedoch nie reif werden wollende “Lustgreisin”, sondern es kommt auch noch das Klischee der dahinwelkenden, verzweifelt und in peinlicher Weise um (künstliche) Jugendlichkeit und Attraktivität bemühten “alten Schachtel” hinzu.
    Denn gerade bei weiblichen “Personen des öffentlichen Interesses” wird sich viel stärker auf das äußerliche Erscheinungsbildes bezogen als bei Männern.
    (Beispiel: Angela Merkels Décolleté in der Osloer Oper, zu dem sich am Ende sogar der Regierungssprecher zu einem Kommentar genötigt sah. Man stelle sich nur mal vor, Alphamännchen Schröders italienische Designer-Anzüge oder seine Haarfarbe wären seinerzeit Thema einer Bundespressekonferenz gewesen…).

    Und wann das “alternd” beginnt, darüber lässt sich trefflich streiten. Es ist aber wohl Konsens, dass mit 30 so langsam die Jugend endet. Und spätestens mit 40 ist dann für die meisten “Halbzeit”. Was ja überhaupt nicht gegen ein erfülltes Leben spricht.

    Worüber sich allerdings überhaupt nicht streiten lässt, ist die Tatsache, dass das Adjektiv “alternd” – insbesondere in Fällen wie dem von mir beschriebenen – negativ besetzt ist.

    “Älter werden” ist eine neutrale Beschreibung dessen, wovor niemand, egal ob Männlein oder Weiblein, gefeit ist. Bei “alternd” hingegen wird mitnichten ein “erfülltes Leben” assoziiert, sondern Verfall – so nach dem Motto “von nun an geht es nur noch bergab”.

    Also lieber Autor, bitte noch mal die Definition von Sexismus nachschlagen.

    Aber gerne doch.
    Wikipedia definiert Sexismus als “Diskriminierung oder Unterdrückung von Menschen allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit”.
    Und es findet sich auch der Hinweis: “Im postfeministischen Diskurs wird Sexismus sehr viel weitgehender definiert. Hier wird es als Sexismus betrachtet, von anderen zu erwarten oder zu verlangen, dass sie Geschlechternormen verkörpern.”

    Wenn ein – in einer linken Tageszeitung schreibender! – Autor Fernseh-Moderatorinnen, die älter als 40 sind (aber immer noch jünger als er selbst…) als “alternd” abqualifiziert, dann kann daraus gefolgert werden, dass er es vorziehen würde, nur die faltenlosen Gesichter junger Frauen in der Glotze zu sehen. Und wenn man das keine “Geschlechtsnorm” nennen kann, was dann?
    Keine Ursache, gern geschen! Paula

  2. Vielen Dank! Dem ist nichts hinzufügen … außer vielleicht eine Reaktion von Seiten Herrn Quasthoffs?

  3. Hallo Paula, schön, dass es hier weitergeht. Warte auch schon sehnsüchtig auf eine Fortsetzung des Reisetagebuchs :-)

    Ist zwar etwas Offtopic – finde es aber dennoch erwähnenswert:
    Der Herr Rösler ist ein Paradebeispiel für “gelungene” Integration in Deutschland.
    Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass er in ein reiches Haus hinein adoptiert wurde. Ali und Mehmet (Namen beliebig erweiterbar) von nebenan, deren Eltern sich acht Stunden am Tag am Fließband abrackern oder versuchen, sich irgendwie mit Hartz IV über Wasser zu halten, hätten nie im Leben eine Chance, solch eine Position zu erreichen.
    Mit Rösler wird das Bild impliziert, dass es jeder schaffen kann; wer es nicht schafft, ist selbst schuld! Ein den Oberen sehr willkommener Umstand, der sich wunderbar in unsere kalte, uniformierte Gesellschaft einfügt.

    Liebe Grüße,
    Zaza

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