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vonChristian Ihle & Horst Motor 15.12.2006

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Eigentlich trifft der Satz „eine Dokumentation über eine ‚lost generation’“ über den gestern in deutschen Kinos gestarteten Film von Paul Rachman gleich in zweierlei Hinsicht nicht ganz zu: erstens ist Hardcore-Punk ja bei weitem nicht in Vergessenheit geraten, lediglich die pure reine Form, die vor einem Vierteljahrhundert existierte hat sich nach und nach in verschiedene Subgenres aufgeteilt und ist gerade in den letzten zehn Jahren durchaus in Teilen in den Mainstream diffundiert. Dennoch ist natürlich richtig, dass außer den drei großen Namen – Bad Brains, Black Flag und Minor Threat – die meisten der ursprünglichen Hardcore-Bands außerhalb von Fanzirkeln wenig Klang haben (zum Teil auch wenig verwunderlich, heißt es doch zur Hinterlassenschaft von Negative FX: „sechs Flyer, fünf Konzerte, ein Album und 18 Songs“

Genau genommen stellt American Hardcore auch mehr eine Chronik, denn eine Dokumentation dar. Rachman kommentiert nie, sondern lässt ausschließlich die damaligen Protagonisten zu Wort kommen und schneidet Originalkonzertaufnahmen dazwischen. So werden kritische Punkte natürlich nur angeschnitten (Sexismus und Homophobie), lediglich der Aspekt der ständig zunehmenden Gewalt innerhalb der Hardcore-Szene, die anfangs eher belustigt von Henry Rollins und TSOLs Jack Grisham („I was fucked up. I was evil. I pissed on this girl’s face. And that’s just the way it was.”) nacherzählt wird, nimmt einen größeren Raum ein und wird letzten Endes für den Abstieg von Hardcore mitverantwortlich gemacht. Minor Threat Frontmann und Vordenker Ian MacKaye, der auch hier wieder beweist, dass er der wohl integerste Mann im Rock’n’Roll der letzten 30 Jahre ist, benennt dies ohne Umschweife: „Nicht ich bin aus dem Hardcore ausgestiegen, Hardcore ist ausgestiegen, hat sich durch die ständige Gewalt verändert. Davon wollte ich kein Teil mehr sein.“ 

Hervorragend gelungen ist Rachman aber die Einheit von Präsentation und Sujet: genau wie Hardcore durch seine unablässige Geschwindigkeit und Aggressivität Adrenalin ohne Halten freisetzte, funktioniert der Film. Rachman schneidet in aberwitziger Geschwindigkeit Interviewpartner an Interviewpartner, nur unterbrochen von wunderbar wilden, originalen Konzertaufnahmen, die in Ton und Bild in keinster Weise den heutigen Sehgewohnheiten entsprechen und gerade hier wiederum das Ideal des Hardcore aufs neue aufnehmen. Du hast eine Idee, geh ran, mach es und fertig. 

Ebenfalls gut dargestellt ist die Ausbreitung, die Hardcore nimmt: gleich einem Virus, der sich über die ganzen Vereinigten Staaten nach und nach erstreckt und in jeder infizierten Stadt eine Band, eine Szene schafft, die wiederum durch gegenseitiges Handreichen Stärke gewinnen. 

Neben dem bereits erwähnten Ian MacKaye, dem zuzuhören eine reine Freude ist, stehen vor allem die Bad Brains im Fokus des Films. Bad Brains Sänger HR stellt eine Art Übervater der Szenen dar, dem nur Ian MacKaye wiederum folgen kann. Hier gelingen Rachman die faszinierendsten Bilder: definitiv zeitlose, atemberaubende Livebilder alter Bad Brains Gigs werden zwischen ein Interview mit einem in weißem Anzug auf einer grünen Wiese liegenden, wirre Dreadlocks tragenden HR geschnitten, der leicht onkelhaft aber immer mit Attitude (zweifellos das Stichwort!) und Leidenschaft von der Geburt des Hardcore erzählt. 

Rachman entscheidet sich bei American Hardcore für Aggressivität und Schnelligkeit, bevorzugt eindeutig das Schlaglichthafte und lehnt in vielen Punkten eine Vertiefung ab. Das gereicht American Hardcore in zwei Punkten zum Vorteil: erstens spiegelt es perfekt den Sound und die alten Konzertaufnahmen wider, zweitens umreißt er in 100 Minuten ein ganzes Genre und bereist ein ganzes Land. Ein trotz des einen oder anderen Mangels ohne Abstriche zu empfehlender Film. 

Christian Ihle 

P.S.: ach, und wer ein Freund von Kevin Smiths “Jay & Silent Bob” Filmepisoden ist, darf hier einem tatsächlich existierenden Musiker in einem Interview lauschen, der Jays eigentlich unnachahmliche Art zu reden nahezu 1:1 widerspiegelt. Hier allerdings weder parodistisch noch ironisch gebrochen… 

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kommentare

  • Tja – ich würde an dieser Stelle aber gerne bemerken, dass sehr viele der im Film zitierten Bands sehr früh und sehr massiv gegen Homophobie und Sexismus auftraten. Die Hardcoreszene als rein gewalttätige Männerdomäne darzustellen ist definitiv zu kurz gegriffen. Viele der Parolen, die auch heute noch in der Linken als Grunpfeiler gelten (Anti-Sexismus,Anti-Rassismus,Anti-Homphobie etc.) waren bereits damals (und das nicht nur in den Liedtexten) wesentlicher Bestandteil der Hardcoreszene. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Szene deshalb keine agressive Männerdomäne war – aber zumindest wurde darüber sehr wohl reflektiert.

  • doch, die jungszentrierung ist fraglos zu bemerken. ich hatte das ja auch schüchtern kritisiert, dass die fragwürdigen punkte wie sexismus und homophobie in der dokumentation kaum angesprochen und schon gar nicht gewertet werden.

    lediglich dass gewalt ein bestandteil war, wird ja dann doch mal etwas gezielter angesprochen, auch dank der recht eindeutigen aussage von Ian MacKaye.

  • Ich finde es ja sehr erstaunlich, dass es wirklich niemanden zu geben scheint, der bemerkt, in was für einer Jungshölle dieser Film spielt. Mir kam „American Hardcore“ ja wirklich vor wie die Film-Doku-Variante von Mel Gibsons „Apocalypto“. Junge Kriegerkörper, die sich schwere Verletzungen zufügen – in so einem ganz eigenartig (bis auf einmal) unsausgesprochen homoerotisch unterfütterten Milieu, das mir fast Freicorps-artig vorkam. Da macht es auch kein Unterschied ob Straight Edge oder Fucked Up. Überall diese Trupps, die aus dem Nichts entstehen, einen entschiedenen Kampf gegen Kommerzialisierung und Verweiblichung führen. Überall diese Idee, sich im Kriegszustand zu befinden, in so einer Art popkulturellem Bürgerkrieg, wo man sich Nacht für Nacht in Schützengräben begibt.

    Nicht dass daran etwas schlimm wäre: von Iggy Pop über Industrial bis zu Gabba gab es diese Idee des popkulturellen Kriegers ja in vielen Ausformungen. In „American Hardcore“ springt es einem aber wirklich an: und niemand scheint es zu sehen.

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