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vonChristian Ihle & Horst Motor 19.12.2006

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die Vorgeschichte 

Schon seit längerem hielten sich hartnäckig die Gerüchte, dass mit der Kölner Zeitschrift Spex eine Institution der deutschen Independent-Landschaft, die wie wohl keine andere in den letzten 25 Jahren deutsche Musikzeitschriften geprägt hatte, 2006 das zeitliche segnen würde.
 
Ende letzter Woche nun die offizielle Pressemitteilung des Spex-Eigners Piranha Medien, die zunächst aufatmen lässt, denn Spex wird definitiv nicht eingestellt werden. Dennoch kündet die Pressemitteilung von der größten Zäsur in der Spexgeschichte: sowohl eine Trennung von der kompletten alten Redaktion inklusive ihres Chefredakteurs Uwe Viehmann als auch die Zusammenlegung der Piranha-Musikredaktionen am Standort Berlin steht an, was wohl einer der entscheidenden Gründe für das Zerwürfnis der Redaktion mit dem Eigner war.


Zunächst die (leicht gekürzte) Pressemitteilung von Piranha Media:

„Spex zieht nach Berlin, die alte Redaktion um Uwe Viehmann hat sich entschieden, nicht mitzuziehen. taz-Autor Max Dax wird mit sofortiger Wirkung neuer Chefredakteur, er wird in den nächsten Tagen die Zusammensetzung der neuen Redaktion bekannt geben. Mit diesen Entscheidungen geht eine mittlerweile fast ein Jahr andauernde Hängepartie zu Ende, die zunehmend auch in den Ausgaben der Spex selbst thematisiert worden ist.Spex-Herausgeber Alex Lacher: „Der Umzug war betriebsbedingt notwendig. Der Piranha-Verlag kann sich spätestens mit dem Inkrafttreten des Tabakwerbeverbots ab dem 01.01.2007 keine drei Verlagsstandorte mehr leisten, die hierdurch entstandenen Umsatzeinbußen bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Die Entscheidung, mit der Spex von Köln nach Berlin zu ziehen, war kein Votum pro Berlin oder contra Köln – es war ein Votum pro Spex. Mit dieser Entscheidung ist das Erscheinen der Spex für die Zukunft gesichert.Allen Mitarbeitern wurde ein Jobangebot für Berlin unterbreitet, das die einzelnen Redakteure dann aus individuellen Gründen nicht annehmen wollten/konnten. Wir haben Verständnis für die jeweiligen Entscheidungen und bedauern dies. Die Grafik um Mario Koell wird mit nach Berlin ziehen und Andrea Pritschow wird von Köln aus weiter die Bestückung der Heft-CD übernehmen. Mit Ex-Alert-Herausgeber Max Dax als neuem Chefredakteur wird zudem sichergestellt, dass die Spex ihren journalistischen und thematischen Schwerpunkten auch in Zukunft treu bleibt – auch wenn in der 26-jährigen Geschichte der Spex erstmals mit der Tradition gebrochen wird, dass ein neuer Chefredakteur stets aus den Reihen der Redaktion gewählt wird.“


Und das bedeutet…
 
So weit, so eindeutig, was die Zukunft angeht. Wir halten fest: Spex wird nicht mehr die gleiche sein. Ein neuer Standort, ein neuer Chefredakteur, eine komplett neue Redaktion sowie, was in der Pressemitteilung nicht steht, eine Änderung auf ein zweimonatiges Erscheinungsintervall.
 

Leider wurde bisher nicht so wirklich klar, was die alte Redaktion nun bewog, sich gegen ein Weiterarbeiten innerhalb der Spex zu entscheiden. Lediglich der oftmals thematisierte avisierte Umzug nach Berlin steht als Scheidungsgrund im Raum.

Zwei Seiten, zwei Meinungen 

Etwas erhellend war ein Interview, das die taz mit dem bisherigen Welt am Sonntag wie taz – Schreiber und nun künftigen Spex-Chefredakteur Max Dax (was, nebenbei bemerkt, ein hervorragender Name für den Sänger einer deutschsprachigen Fun-Punk-Band wäre) führte wie eine indirekte Antwort des Spex-Redakteurs Stephan Glietsch in dessen myspace-blog und im Rahmen einer Diskussion im intro-Forum.


Da kaum absehbar ist, dass beide Parteien ein gemeinsames Interview führen werden, nun der Kunstgriff, aus den taz-Fragen, den Dax-Antworten und den Glietsch-Repliken ein „fiktives“ Doppelinterview zusammenzustellen, um beide Seiten nebeneinander zu Wort kommen zu lassen. Angemerkt werden muss natürlich, dass Glietsch auf die Dax-Aussagen antworten konnte, was Max Dax nicht möglich war.
 
Das Interview

taz: Herr Dax, Ihr Verlag spricht von einem „völligen Neuanfang“ mit Ihnen als SPEX-Chefredakteur. Wie soll der aus Ihrer Perspektive aussehen?
Max Dax: Der völlige Neuanfang ist ganz und gar unabhängig von meiner Person notwendig geworden, angeblich aus ganz profanen Gründen: dem am 1. 1. 2007 in Kraft tretenden Tabakwerbeverbot. Eine absurde Situation, die dazu führte, dass der mittelständische Piranha-Verlag gezwungen war, den Standort Köln wegen zu hoher Overhead-Kosten zu opfern – um das Erscheinen von SPEX in der Zukunft zu sichern. Der Redaktion war das wohl schwer vermittelbar. Ein Neuanfang bedeutet daher: eine neue Redaktion, eine neue Stadt und ein glasklares Bekenntnis zu der Tradition, die die SPEX in den letzten 26 Jahren geprägt hat: politischer Mut, ein klares Auftreten in Wort, Bild und Gestaltung, ein Bekenntnis zu einer politischen und kulturellen Avantgarde in Musik, moderner Kunst, Fashion, Fotografie, Kino und Literatur.
Stephan Glietsch: Nun ist es klar: mit dem 31.12.2006 tritt die jetzige Redaktion geschlossen ab.
Neuer Standort des Magazins ist Berlin, neuer Chefredakteur Max Dax. Eine eindeutige Zäsur, denn Zeit ihres Bestehens wurde der Chefredakteur der Spex von der bestehenden Redaktion erwählt, und nicht – wie in diesem Fall geschehen – hinter ihrem Rücken und ohne mit ihr Rücksprache zu nehmen installiert.


 

taz: Bedeutet Ihre Verpflichtung eine Abkehr vom zuletzt sehr Service-orientierten Konzept?
Max Dax: Die großen kulturellen und politischen Leitthemen werden in der SPEX wieder stattfinden. Episch. Deep. Leidenschaftlich. Als ich mit 16 angefangen hatte, SPEX zu lesen, hat sie mich ganz selbstverständlich über viel mehr als nur Musik informiert. Die Redaktion um Diedrich Diederichsen, Jutta Koether, Clara Drechsler, Christoph Pracht und Dirk Scheuring berichtete über „Musik zur Zeit“. Da wird es mehr Kontinuität als Bruch geben.
Stephan Glietsch: (…) Dax stellt sich heute allerdings in die Tradition von „Diedrich Diederichsen, Jutta Koether, Clara Drechsler, Christoph Pracht und Dirk Scheuring“ im Dienste einer „SPEX die größer ist als ich, du und die alte Redaktion“ und kündigt an zukünftig „politischen Mut“ beweisen zu wollen. Wie der für ihn aussieht, definiert er wenige Zeilen zuvor, in dem er polemisiert: „dass der mittelständische Piranha-Verlag gezwungen war, den Standort Köln wegen zu hoher Overhead-Kosten zu opfern – um das Erscheinen von SPEX in der Zukunft zu sichern“ wäre uns, der bisherigen Redaktion, wohl „schwer vermittelbar“ gewesen. Chapeau!


 

taz: Die gesamte alte Redaktion scheidet aus. Ist so überhaupt eine Übergabe möglich?
Max Dax: Warten wir das erste Heft ab, das Ende Februar erscheinen wird. Ich erinnere daran, dass Anstrengungen unternommen worden sind, Redakteure zu halten – allerdings unter der Bedingung, nach Berlin zu ziehen. Nur zwei haben es gemacht: Einer davon ist der Grafiker Mario Koell.
Stephan Glietsch: Zur Person des Alert-Redakteurs und Herausgebers und Die Welt-Autors Max Dax können wir wenig sagen: er wurde uns persönlich niemals vorgestellt. Die Spex bekommt also einen Chefredakteur, der sich selbst zum Märtyrer erklärt, weil er sich im Dienste einer höheren Sache in die Niederungen des Neoliberalismus begibt – und derart vorgeblich auch noch die Tradition dieses Magazins weiterführen will


 taz: Warum machen Sie den Job – trotz Schlammschlacht?
Max Dax: Weil ich die SPEX liebe und die Vorstellung, die Zeitschrift wäre wegen zu hoher Overhead-Kosten beerdigt worden, schrecklich ist. Die SPEX ist größer als ich, du und die alte Redaktion.
Stephan Glietsch: Einer von vielen scheußlichen Höhepunkten (des Interviews): die bis dahin nicht existente Schlammschlacht, der er sich angeblich zu stellen hat.


 taz: Werden Sie nur mit neuen Leuten oder auch mit alten Bekannten arbeiten?
Max Dax: Das werden der Verlag und ich in den nächsten Tagen bekannt geben. Ich gehe aber davon aus, dass viele freie Autoren, die regelmäßig für die SPEX geschrieben haben, auch in Zukunft dabei sein werden.
Stephan Glietsch: Ich werde, wie auch der Rest der Redaktion, in Zukunft nicht mehr für Spex schreiben, werde aber als Autor und Redakteur weiterarbeiten – zwar nicht mehr als Teil der der zukünftigen Spex-Redaktion, wenn alles so läuft wie die Kollegen Wolfgang Frömberg, Markus Hablizel, Tobias Thomas, Uwe Viehmann und ich es uns vorstellen aber doch als Teil dieser Redaktion.


 taz: Die Erscheinungsweise soll auf zweimonatlich umgestellt werden. Führt das den Diskursstifter SPEX nicht geradewegs in die Bedeutungslosigkeit?
Max Dax: Das Gegenteil ist der Fall. Die SPEX wird erst so den Raum, die Zeit und die Recherchetiefe aufweisen, um Diskurse nicht nur zu stiften, sondern auch die Hoheit über sie zu behaupten.


 taz: Sie selbst sind ein ausgezeichneter Interviewer. Werden Interviews also auch in der neuen SPEX wichtiger?
Max Dax: Ja. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, weshalb ein so direktes Format wie das Interview in der SPEX zuletzt kaum auftauchte. Wir werden die besten Interviews in der SPEX drucken, und wir werden ihnen den nötigen Raum geben.
Stephan Glietsch: Das Konzept, die Massen von 1- bis 2-Seitern zugunsten deutlich mehr ausführlicher Interviews, Geschichten, Essays (auch weg vom Focus auf Band- u. Künstlerberichterstattung) über Bord zu werfen, uns nicht mehr an den hiesigen VÖs der Plattenfirmen zu orientieren, sondern über etwas dann zu schreiben wenn es uns interessiert, bewegt, aufregt – ganz gleich ob vorgeblich „zu früh“ oder „zu spät“ und den „Review-Teil“ einzudampfen bzw. ins Netz verlegen, haben wir (die noch bestehende Redaktion) dem Verlag bereits vor mehr als anderthalb Jahren als Konzept für einen Relaunch vorgelegt. Der ist nie freigegeben worden – u. a. auf Grund eines zig mal verschobenen Umzugs nach Berlin. Seitdem stagniert die Spex.
 

Christian Ihle

 

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