Die zehn besten Popsongs 2006

Für nichts eignen sich die Tage zwischen den Jahren besser als im exzessiven Listenwahn knietief durch Nerdland zu waten. Das Popblog wirft einen Blick auf 2006 und sagt was war, was bleibt.

Heute: Die zehn besten Popsongs 2006.

10. Kelis – Bossy

Im doch eher schnelllebigen Geschäft des US-Hip-Hop ist das original angry girl Kelis die ewige Rückkehrerin.
Nachdem wir sie vor 7 Jahren mit ihrem „I Hate You So Much Right Now“-Refrain vom ersten Ton des Überhits „Caught Out There“ an ins Herz geschlossen hatten, konnte nicht einmal der Totalflop von Album Nummer Zwei (nicht einmal in den USA veröffentlicht!) die junge Amerikanerin stoppen, so dass sie besser denn je, erneut von den Neptunes unterstützt, mit dem Doppelschlag „Milkshake“ und „Trick Me“ zurückkam. Während Neptunes-Pharrell langsam begann, seinem eigenen Hype zu glauben und etwas an Schärfe verlor, wechselte Kelis die Produzentenpferde und legte mit „Bossy“ erneut eine der besten Hip-Hop-Singles des Jahres vor.

Charts:

D: 64 / UK: 22

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9. Torsun – Ten German Bombers

Gut, man kann darüber diskutieren, ob Egotronic-Sänger Torsun wirklich Pop ist, denn die deutschen Singlecharts bringt er nicht gerade in Aufwallung. Andererseits: in einem Jahr, in dem von Franz Beckenbauer über die deutsche Flagge bis hin zu Robert Huth und Jogi Löw so ziemlich alles Pop war, was mit dem runden Lederdings zu tun hatte, wie sollte da eine Scooter-Techno-Version eines britischen Fangesangs mit der Melodie von „Von den blauen Bergen kommen wir“ NICHT Pop sein?

Charts:

D: – / UK: –

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8. Scissor Sisters – I Don’t Feel Like Dancing

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Scissor Sisters wandeln, denn die schamlose Affirmation der Gay-Disco, der „Studio 54“ Jahre und alter Elton John Songs schwankt beständig zwischen völlig inakzeptabel und großem Pop. Auch wenn „I Don’t Feel Like Dancing“ nicht ganz die Höhen von „Mama“ oder „Comfortably Numb“ erklimmt, ist ihre erste Single-Nummer-Eins doch wieder unwiderstehlich. Der dazugehörige Videoclip ist allerdings die Definition von überkandidelt.

Charts:

D: 1 / UK: 1

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7. Nelly Furtado – Maneater

Das kleine portugiesische Mädchen Nelly, das vor einigen Jahren unverständlicherweise mit dem Schreiben einer Fußballhymne („Forca“) beauftragt wurde und mit einem Ethnopopsong ankam, kehrte in diesem Jahr in voller Poprüstung zurück und hatte mit „Maneater“ von den klaren 80er Jahre Anleihen (allein dieses Michael Jackson Gedenkvideo!) über die Topproduktion von Timbaland eine überraschend gute Single im Gepäck. Hätte Justin Timberlake nicht wenig später mit „Sexyback“ gezeigt, dass man aus exakt den gleichen Zutaten nicht nur einen fantastischen Song basteln, sondern auch noch Stil und Coolness bis zum Abwinken beibringen kann, wäre man noch überraschter von Miss Furtados Comeback gewesen.

Charts:

D: 4 / UK: 1

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6. Pet Shop Boys – Minimal

Nach der überraschenden Zuwendung zu Gitarren und Strickpullovern auf dem letzten Pet Shop Boys Album kamen Neil Tennant und Chris Lowe mit ihrem stärksten und am klarsten dem Pop verhafteten Album seit „Very“ zurück. „Fundamental“ überzeugt vor allem auf Albumlänge während die Single-Auswahl („I’m With Stupid“, „Numb“) ob der Stärken der anderen Songs zur Verwunderung Anlass gab. Auch wenn die zwei besten Songs nicht als Single ausgekoppelt wurden, war die mittlere 7’’ „Minimal“ mit seinem Kraftwerk-KlingKlang auch für alle, die das Album nicht gehört hatten, Beweis genug, dass die Pet Shop Boys auch 2006 wieder die Großmeister des intelligenten Pop waren. Es war ein gutes Jahr.

Charts:

D: 63 / UK: 19

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5. Lily Allen – LDN

Egal, ob Lily nun über ihren Blog und Myspace groß wurde oder der medienerfahrene Papa Keith Allen (verantwortlich für New Orders Fußballsong „World In Motion“ und Hauptdarsteller in Blurs „Country House“ Video) ihre Karriere gut lancierte, die Songs von Tochter Allen waren wichtiger als der ganze Marketingquatsch. Dass die Gute auch noch ein loses Mundwerk besitzt, bewiesen nicht nur die Lyrics, die ihr den Titel „der weibliche Mike Skinner“ einbrachte sondern auch jedes Interview aufs Neue. Ein frischer Wind, der durch die britischen Charts fegte. Selbst dass sich „LDN“ stark an die Songs der Specials vor nunmehr 25 Jahren anlehnte, war unwichtig, denn Lily hatte den Sommerhit des Jahres im Gepäck.

Charts:

D: – / UK: 6
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4. Amy Winehouse – Rehab

Nachdem wir die 70er (Scissor Sisters) und die 80er (Beginn: Lily Allen, Mitte: Nelly Furtado) bereits besucht haben, passt es, dass Amy Winehouse’ Soul direkt aus den 60ern stammen könnte.

Dass sie dazu noch über ihre Einweisung in eine Entzugsklinik singt und mit einer Vorliebe für Alkohol und (einer angeblichen für) Crack wahrlich kein Kind von Traurigkeit ist, lässt sie noch mehr an die großen, immer wieder in Ärger geratenen alten Damen des Soul und Jazz erinnern.

Von den Electro-Lieblingen des Jahres Hot Chip existiert übrigens ein Remix, der das Original intakt lässt, aber auch die tanzenden Füße bedient.

Charts:

D: – / UK: 7
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3. Justin Timberlake – My Love

Eine Ode an Cameron Diaz soll es sein und, ja, die schönste Frau der Welt hat es verdient, dass ihr Angetrauter einen zeitlosen Popsong wie diesen für sie singt. Es war nicht das einzige, was Timberlake in diesem Jahr veröffentlichte und das durchgängig hohe Niveau macht „My Love“ nur noch beeindruckender. Wann hatte zuletzt ein Popstar auf einen welterschütternden Song wie „Sexyback“ mit einem noch besseren antworten können?

Im Vorübergehen gewann er damit auch noch die „bester Song des Jahres“ Wertung der amerikanischen Indiegralshüter Pitchfork Media. Das Musterbeispiel eines Crossoverhits.

Charts:

D: 4 / UK: 2
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2. Mika – Relax, Take It Easy

oder: der beste Popsong des Jahres, den niemand gehört hat.

Die Überraschung der letzten Monate war zweifelsohne Mika. Bisher hat er nur eine Single veröffentlicht, die aber mit so viel Klasse den Gaydisco Bereich durchschreitet, dass er die Scissor Sisters zum Frühstück essen könnte. Allein die Chuzpe die Melodielinie des Mitt-80er-Kuschelrock-Klassikers „I Just Died In Your Arms Tonight“ von Cutting Crew zu Beginn einzusetzen und später Falsetto-Refrains darüber zu singen, würde einem Respekt abnötigen. Dass er dabei aber auch noch einen der unwiderstehlichsten Songs des Jahres geschrieben hat, lässt auf großes Hoffen. 2007 sollte Mikas Jahr werden.

Charts:

D: – / UK: –

Mp3: Mika – Relax, Take it easy

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1. Gnarls Barkley – Crazy

Wenn ein Song für 2006 steht, dann „Crazy“. Ein Monster, das alles überragte. Wer hätte denn gedacht, dass der erfolgreichste Song seit Elton Johns „Candle In The Wind“ in Großbritannien von einem dicken Soulsänger und einem verschrobenen Knöpfchendreher, die sich als Hunter S. Thompson verkleiden, kommen würde?

„Crazy“ war so viele Wochen auf Platz 1 der britischen Single-Charts, dass die Plattenfirma sich entschloss, die Single zu vernichten, damit sie nicht alle späteren Gnarls-Barkley-Releases überragen würde. Hat natürlich nichts geholfen, denn so gut das Mutteralbum auch war, an „Crazy“ kam 2006 niemand vorbei, nicht einmal Gnarls Barkley selbst.

„Crazy“ ist ein Pop-Song, der über Jahre, Jahrzehnte Relevanz haben wird – wie in den letzten Jahren wohl nur Beyonces „Crazy In Love“ oder Kylies „Can’t Get You Out Of My Head“.

Charts:

D: 3 / UK: 1

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Christian Ihle

Kommentare (0)

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  1. schön!
    kommen hier noch mehr rückblicke auf 2006? 🙂