Die Enttäuschungen 2006

5. Razorlight – Razorlight

Dass Razorlight-Sänger Johnny Borrell ein sich selbst überschätzender Opportunist ist, war schon beim Debüt-Album nicht zu übersehen, aber da brachte er so gute schnoddrige New Wave Songs („Golden Touch“, „Stumble & Fall“) mit, dass man leichten Herzens darüber hinwegsehen konnte. Doch ein größenwahnsinniger Opportunist, der bekannt geworden ist, weil er mit Carl Barat und Peter Doherty zusammen ein Haus besetzte und in grauer Vorzeit für geschätzte 5 Minuten Bassist der Libertines war, gibt sich natürlich nicht zufrieden im Indieghetto eine große Nummer zu werden, sondern möchte auch in den großen Charts regieren. Die Folge dieses Bestrebens war das absurd auf Massengeschmack gebürstete Zweitwerk, das Razorlight dann auch tatsächlich mit „America“ zu ihrer ersten britischen Nummer Eins verhalf. Noch schlimmer an diesem eigentlich gänzlich belanglosen Album ist allerdings, dass Borrell so unverschämt eingängige Melodien geschrieben hat, dass man diese verdammten Songs auch wirklich nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

4. Mediengruppe Telekommander – Näher am Menschen

Es ist nicht so genau festzumachen, ob die Mediengruppe schwächer geworden ist oder ob der Genremischmasch aus Hip-Hop, Punk und Electro einfach durch ist. War das Debütalbum „Die ganze Kraft einer Kultur“ noch gerade ob seiner Direktheit und dem lauten Ja zum Slogan eine reine Freude, so schmeckt „Näher am Menschen“ schal. Auch das selbstreferenzielle „Bild dir deine Meinung“, das noch am ehesten an das Debüt erinnerte, war in Teilen eine schwache Kopie des alten Beastie-Boys-Hits „Sabotage“. Hoffen wir, dass die stilistisch ähnlich gelagerten Von Spar 2007 nicht die gleichen Zweitalbum-Probleme haben werden und wieder überzeugen können.

3. Belle & Sebastian – The Life Pursuit

Where did it all go wrong? Vor zehn Jahren noch waren Belle & Sebastian das bekannteste Geheimnis der Welt, eine Bande wunderbarer schottischer Außenseiter, die verträumt ihre Folk-Kleinode auf Gitarren schrammelte und so zur Lieblingsband aller Kunstgeschichte studierenden Erstsemestermädchen wurde. Insbesondere „The Boy With The Arab Strap“ war ein so einzigartiges Werk, dass man nie verstand, warum ausgerechnet als Ende der 90er die Welt „Quiet Is The New Loud“ zu ihrem Sinnspruch erhob, Belle & Sebastian trotzdem nur in ihrer kleinen Nische blieben und dafür Langweiler wie Turin Brakes die eigentlich doch ihnen zustehenden Charts-Erfolge einfuhren. Dann stieg leider Isobel Campbell aus und der verschrobene Songwriter Stuart Murdoch beschloss, sich nun doch auch fotografieren zu lassen. Nach zwei Alben, die beide gut waren, aber nicht ganz das Versprechen der Arab Strap einlösen konnten, folgte 2006 die Zuwendung zum Pop. „The Life Pursuit“ ist überhaupt nicht mehr verhuscht, nicht mehr klein, sondern vielmehr aufwendig konstruiert. Leider ist Murdoch aber auf dem Weg zum Pop auch das Händchen für die Melodien, die Songs abhanden gekommen. Kaum ein Lied hatte eine vernünftige Halbwertszeit so dass Belle & Sebastian mit „The Life Pursuit“ leider in die Bedeutungslosigkeit abrutschten. Kein Wunder, die erste Single hieß ja schon „Funny Little Frog“.

2. Morrissey – Ringleader Of The Tormentors

Nicht, dass der Meister ein schlechtes Album abgeliefert hätte, aber nach dem triumphalen Comeback mit „You Are The Quarry“ vor zwei Jahren hätte man ihn gerne weiter auf diesem Niveau gesehen. Auf „Ringleader Of The Tormentors“ entdeckt Morrissey Rom, die Liebe (etwas) und den Sex (sehr), was zu teilweise bizarren Textstellen wie etwa in „Dear God Please Help Me“ („There are explosive kegs / between my legs“) führt. Nicht gut getan hat dem Mozfather auch die Leadsingle „You Have Killed Me“, die Morrisseymalen nach Zahlen war und einen Abklatsch der Tanzflächenherrscher des Vorgängeralbums darstellte. Auch bei den gefeierten Livekonzerten gegen Ende des Jahres war die Schwäche der neuen Songs nicht zu überhören und minderte die Begeisterung doch beträchtlich.

1. Richard Ashcroft – Keys To The World

Am Ende des Jahres wurde einem noch mehr bewusst, wie unfair diese verdammte Welt da draußen ist: während der große Jarvis Cocker (ehemals Pulp) mit einem intelligenten, wundervollen, kleinen Album in den niedersten Chartregionen sich unterhalten musste, wurde das Album eines anderen Ex-Sängers einer der größten britischen Bands der 90er zu dessen größtem Soloerfolg: der ehemalige The Verve Sänger Richard Ashcroft erreichte mit dem an Belanglosigkeit nun wirklich kaum zu überbietenden Drittwerk in Deutschland erstmals die Top10. Unverständlich wie ein Mann, der noch vor keinen zehn Jahren Übersongs am Stück ablieferte (von „History“ über „Bittersweet Symphony“ zu „The Drugs Don’t Work“) und mit dem letzten Verve-Album „Urban Hymns“ sicherlich eines der größten Brit-Alben der vergangenen Dekade schrieb, sich nun in schlimm produziertem, mittelmäßigen Kaffeehaus-Singer/Songwriter-Quatsch verliert. Dass das Ganze sich auch noch wie warmer Latte Macchiatto auf der Berliner Kastanienallee verkauft, bestätigt dann doch den weisen Jarvis, wieder einmal: The Cunts are still running the world.

Christian Ihle

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