Die zehn besten Songs 2006

Christian Ihle

5. Clap Your Hands Say Yeah – Upon This Tidal Wave Of Young Blood

Das Jahr 2006 begann gleich mit zwei Aufsehen erregenden Debütbands: die britischen Arctic Monkeys und die amerikanischen Clap Your Hands Say Yeah!, die beide hauptsächlich über Internetforen (Arctic Monkeys), Blogs (beide) und dem Internet-Magazin Pitchfork Media (CYHSY) den Durchbruch zur Masse schafften und damit den klassischen Bandaufbau über Plattenfirmen und traditionelle Medien zumindest in der Frühphase ausschalteten. Beide mussten aber auch mit großen Erwartungen bei tatsächlichem Erscheinen der Debütalben leben und im Laufe des Jahres stellte sich eine etwas abweisende Haltung den beiden „Hype“-Bands gegenüber ein, was rätselhaft erscheint, da der Hype ja erstmals von unten kam und nicht oktroyiert wurde.
Clap Your Hands rechtfertigten alleine mit ihrem Albumcloser all die Vorschußlorbeeren: „Upon This Tidal Wave Of Young Blood“, der im besten Sinne ein aggressiver, schneller Folk-Protestsong war. Wie von Sinnen steigert sich der Song unablässig, bis Alec Ounsworth beinahe in Zungen singt. Seine beste Stelle war gegen Ende zu finden: „…with the sex… and the drugs… and therock therock therocknrocknroll”. Und in der Tat, rocknrocknrocknroll war auch “Upon This Tidal Wave Of Young Blood”.

Charts: D: – / UK: –
Album: Clap Your Hands Say Yeah

Upon This Tidal Wave Of Young Blood, live

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4. Guillemots – Trains To Brazil

Eine weitere Band, die 2006 am Debütantenball teilnahm, war das in London stationierte multinationale Kollektiv der Guillemots. „Trains To Brazil“ war das erste Ausrufezeichen, das sie setzten und das ob seiner Güte schwer von ihnen zu übertreffen sein wird. Eine wunderbare, frenetische Bejahung des Blue Eyed Soul, wie man ihn seit Kevin Rowlands großen Tagen in den Dexy’s Midnight Runners nicht mehr gehört hat.
Dass dieser musikalisch unweigerlich aufheiternde Song seinen Titel in Reminiszenz an den fälschlich als Terroristen verdächtigten Brasilianer trägt, der von britischen Polizisten auf dem Weg zu seiner U-Bahn erschossen wurde, fügt nur noch mehr Prägnanz bei.

Charts: D: – / UK: 36
Album: Through The Window Pane

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3. Dirty Pretty Things – Bang Bang You’re Dead

Die andere Band, die aus den Libertines entstand. Während Freund Doherty mit den Babyshambles dem Abgrund entgegentaumelte und dabei Musik machte, die den Hörer in eben jenen blicken ließ, antwortete Carl Barat mit einem Song, der eindeutig auf dem Fundament der Libertines stand: „Bang Bang You’re Dead“. Doch unter der gefälligen musikalischen Oberfläche verbargen sich Lyrics, die als direkte Anklage gegen Doherty gelesen werden konnten („Well I gave you the Midas touch / Oh you turned round and scratched out my heart“), auch wenn Barat das in Interviews immer wieder verneinte.
Auf einem guten Debütalbum der Dirty Pretty Things war „Bang Bang You’re Dead“ der herausragende Song und fast hat man etwas Mitleid mit dem Gentleman Barat, dass sich der wirklich große Erfolg doch nicht einstellen wollte.
Charts: D: – / UK: 5
Album: Waterloos To Anywhere

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2. Love Is All – Spinning & Scratching

2004 erschien auf dem sehr gut kompilierten Rough Trade Shops Indie-Pop-Sampler erstmals „Spinning & Scratching“ und von da an war klar, dass man diese Schweden im Auge behalten sollte. Anfang 2006 wurde in den USA endlich das Debütalbum veröffentlicht und nach langem Warten schließlich im Herbst auch in Deutschland. Unter einer ganzen handvoll fantastischer Songs, die zum Besten gehören, was in diesem Jahr unters Volk gebracht wurde, ragte „Spinning & Scratching“ neben der Single „Make Out Fall Out Make Up“ noch einmal besonders heraus. Mit der perfekten Melange aus X-Ray-Spex’ wildem Punk wie Free-Jazz-Saxophon und der Melodieseligkeit der Wedding Present mit einer Frontfrau, die schreit, kreischt und singt, als gäbe es morgen keine Karen O mehr legen Love Is All drei Minuten fantastischen, perfekten Pop vor.

Charts: D: – / UK: –
Album: 9 Times That Same Song

Spinning & Scratching, live:
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1. The Strokes – Heart In A Cage

Heart In A Cage war ohne Zweifel der Standout-Track auf dem letzten Strokes-Album. Beginnend mit dieser ersten Zeile „Well I don’t feel better when I’m fucking around“, die in typischem Julian Casablancas Stil mit maximaler Langweile vorgetragen wird, bis zum überraschen ruhigen Ausklang, dem resignativen „…and the heart beats in a cage“, war Heart In A Cage ein Lied, das noch einmal die Höhen, die die Strokes 2001 erklommen hatten, in Erinnerung rief. Eine willkommene Reminiszenz, warum damals die Strokes wirklich Leben veränderten, für einen kurzen Sommer RocknRoll retteten und alles waren, was man sich immer von einer Lieblingsband erträumte.

Charts: D: – / UK: 25
Album: First Impressions Of Earth

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Horst Motor

5. Mediengruppe Telekommander – Jedem sein Disco
Der ganz große „Wohoo!“-Effekt ist mit dem zweiten Album der MTK doch
etwas verblasst. Dazu brachte der Erstling einfach zuviel Neues (oder
das neue Werk zu wenig?). Egal: Jedem sein Disco schreit einfach nur:
Tanzen! Tanzen! Tanzen! und wenn mir noch jemand sagen kann, ob nur
ich beim Refrain immer ein sehr großes „Fade To Grey“-Zitat heraus
höre, dann ändert das meine Meinung auch nicht wirklich.

Charts: D: – / UK: –
Album: Näher am Menschen

4. TV on the Radio – Wolf Like Me

Mir ist das hoch gelobte TV on the Radio-Album auf Konzert- oder
komplette Albumlänge doch etwas zu anstrengend. Dem Gefühl, dass man
hier aber ENDLICH mal wieder etwas ANDERES hört, kann ich mich aber
natürlich nicht entziehen. „Wolf Like Me“ ist das tanzbarste, treibendste
und nach vorne gehenste Stück der Platte, trotz etlicher Breaks,
Stimmungswechsel und ca. 327 verschiedener Instrumente, Effekte und
Klänge.

Charts: D: – / UK: –
Album: Return To Cookie Mountain

3. Die Sterne – Aber andererseits

Seit zehn Jahren erscheint alle ein bis zwei Jahre „Das beste
Sterne-Album seit Posen“, aber so richtig konnte auch das neuste
Sterne-Werk mich noch davon überzeugen, diese Vorschusslorbeeren zu
verdienen. Hits hat die Band aber dennoch auf jeder neuen Platte zum
Niederknien. „Aber andererseits“ fasst bereits im Titel diese innere
Zerrissenheit zusammen, die man in so vielen Stücken in diesem Jahr
hören darf und selber natürlich sowieso ständig unfreiwillig
nachempfindet. Dass der Song dazu noch absolut tanzbar ist, ist bei
den Sternen ein vollkommen überflüssiger Hinweis.

Charts: D: – / UK: –
Album: Räuber und Gedärm

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2. Kante – Die Wahrheit

Ein Stück aus dem großartigen Kante-Album exemplarisch heraus
gegriffen, dass alle Nuancen des neuen Werks beinhaltet: Aggressiver
Gesang, der den eigentlich doch recht verzweifelten Text erst beim
zweiten Hinhören ins Bewusstsein ruft. Ein fetter Sound, der den
Gedanken „Stoner Rock? Bei Kante?“ ins Gedächtnis ruft, dann aber
sofort in alle Gliedmaßen weitergeleitet wird. Und mit beinahe sieben
Minuten zwar den Radio-Single-Kontext sprengend, dennoch niemals
langweilig werdend.

Charts: D: – / UK: –
Album: Die Tiere sind unruhig.

1. Die Goldenen Zitronen – Mila

Ein Rap. Eine Klage. Ein Stream-of-Consciousness, der zu Gehör
gebracht wird. Mit einfachster Instrumentierung und Melodie und dem
wunderbaren Text von Schorsch Kamerun gelingt den Goldenen Zitronen
der Song des Jahres. Ein Zitatenschatz, der für die nächsten 365 Tage
reicht wird in ein einziges Lied gepresst. Schönster Effekt: Man
wartet die ganze Zeit darauf, dass die komplette Band in den Song
einsteigt und das Chaos losbricht. Tut es bzw. sie aber nicht.
Wunderbar.

Charts: D: – / UK: –
Album: Lenin.

Mila, live (Ausschnitt)
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1 Kommentar

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  1. Das beste Lied des Jahres, von den Strokes? Ein Scherz, oder? Und Barat ist hat ein Langweiler, der langweilige Musik macht. Der McCartney des Jahres.