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vonChristian Ihle & Horst Motor 10.01.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Wer wird in der deutschen Indie-Szene 2007 für Aufsehen sorgen?

Captain Planet

Wenn es eine Band gab, der es im letzten Jahr gelang, mich vom Fleck weg zu begeistern, dann waren das Captain Planet. Von ihrer Debüt-7-inch „Unterm Pflaster der Strand“ stellten sie den Song „Baumhaus“ ins Netz. Einmal hören reichte, um die Maschinerie in Gang zu setzen. Ein Supportgig auf der Oma-Hans-Abschiedstour und die gekaufte Vinylsingle taten ihr Übriges. In den nächsten Wochen gehen die vier Jungs aus Hannover/Hamburg ins Studio: Ein neues Album für das sympathische Ein-Mann-Label „Unterm Durchschnitt“ aufnehmen. Da gibt’s dann hymnischen Emopunk mit anspruchsvollen Texten und dem Herz am rechten Fleck. Live definitiv eines der mitreißendsten Erlebnisse des letzten Jahres. Zum Anlass der „Klassenfahrt mit Matula“ veröffentlichten sie ein Split-Tape mit zwei Songs aus der Session von den Single-Aufnahmen. Natürlich längst vergriffen, so ist das eben im DIY-Untergrund. Dafür gibt es ja bald Nachschub in Form der ersten LP.

Matula

Auf oben erwähntem Split-Tape zogen sich Matula hervorragend aus der Affäre. Im direkten Vergleich mit Captain Planet nicht abzukacken – das ist schon mal ne Leistung. Allerdings waren ihre beiden Songs auf dem Tape auch frisch aufgenommen (nicht wie bei Captain Planet noch auf Halde gelegen). Noch nicht ganz fertig gemastert zwar, aber man ist ja noch auf Labelsuche. Und das sollte doch wirklich mit dem Teufel zugehen, wenn die Hamburger Punkrocker mit ihren Songs nicht auf offene Ohren und hungrige Herzen stoßen sollten. Die zwei Vorab-Songs versprechen einiges. Emotionaler Punkrock von vier liebenswerten Nordlichtern. Nicht ganz so energetisch wie die Tourkollegen, dafür aber ne ganze Ecke melodiöser. Und Captain Planet haben die Melodien schon mit der Muttermilch aufgesogen. Aber egal, auf dem Barhocker bleibt man bei keiner der beiden Bands hocken. Mit Faust in der Luft in der ersten Reihe, das klingt schon eher nach Matula-Style.

Turbostaat

Ok, da erzähl ich dir jetzt nichts neues. Turbostaat sind schließlich bekannt wie ein bunter Hund. Aber das heißt ja nicht, dass es mit der dritten Platte nicht noch weiter nach oben gehen könnte. Turbostaat sind Turbostaat sind Turbostaat. Und die sind nun auf einem neuen Label. SameSameButDifferent nennt sich das, dahinter stecken Warner Music, der Beatsteaks-Manager und der Uncle-Sallys-Herausgeber. Wird wohl wieder auf die alte Geschichte rauslaufen: Ein paar Fans schreien Sellout, die Band sagt, dass sie mehr Freiheiten denn je haben, und uns ist das egal. Hauptsache die Platte wird gut. Ende April/Anfang Mai soll laut Homepage der Band das neue Album erscheinen. Im März wird’s in Berlin live eingespielt. Als kleinen Vorgeschmack gab es letztes Jahr bereits die Haubentaucherwelpen-Single. Die sorgte zwar nicht überall für Begeisterung. Aber sollten Turbostaat auch nur annähernd so gut abliefern, wie auf den letzten beiden Alben, dann dürfen sich SameSameButDifferent so richtig freuen. Für die großen Hallen ist das zwar nichts, aber den Clubs dieses Landes düfte ein wenig rauer Punk mal wieder gut zu Gesicht stehen. Und wenn die Platte dann mal draußen ist, wagt sich vielleicht auch Herr Lattekohlertor mal wieder an neue Sachen! Das wäre doch was.

Jupiter Jones

Vorsicht, Lieblingsband-Alarm! Klar, mit den Jungs hat man schon mal ein Konzert gemacht und sie etliche Male live gesehen. Und dennoch ist da keine Befangenheit im Spiel, wenn ich sage: Jupiter Jones machen dieses Jahr alles klar. Bereits das Debütalbum hatte alles, um den Emopunker glücklich zu machen. Raue Stimme, gute Texte, Hot Water Music-Sound. Auf Anhieb fiel mir keine bessere Konzeptplatte übers Verlassen-werden, Umfallen, Sich wieder aufrappeln und weitermachen ein als „Raum um Raum“. Jupiter Jones bestehen zu einem Großteil aus Herzblut. Sind wütend, melancholisch, kämpferisch und haben mit dem Lied „Reiß die Trauer aus den Büchern“ ein mindestens 12 Meter großes Lied über den ganzen Wahnsinn geschrieben. Gut auch, dass man bei der Online-Text-Recherche auf einer Homepage über die Zeile „Spar dir den Mut für das Alter“ stolpert. Dabei besingen die Jungs doch die Wehmut, dear John Keating. Ein bisschen Angst ist da, ob der womöglich gleichen Thematik des Fortsetzungsalbums. Gibt es Stagnation auf hohem Niveau? Über die Hälfte der Songs wurden im letzten Jahr immer wieder live gespielt. Und machten Lust aufs neue Album. Fragt sich nur, wann und wo das erscheint. Naja, werdet ihr schon mitkriegen. Vielleicht nicht auf dem Visions-Cover. Aber das hat ja auch ein ClickClickDecker nicht geschafft.

Herrenmagazin

Und wieder der Norden! Herrenmagazin aus Hamburg haben sich auf der Tour mit Flimmern und den tollen Peters (die übrigens auch 2007 ein Album veröffentlichen) in mein Herz gesprengt. Ob das was mit ner Platte dieses Jahr wird, kann man bei so Chaoten ja nie wirklich sagen, aber wenn: dann, jaha dann! 2005 veröffentlichten die Herren eine EP mit dem Titel „ich habe dieser Tage meiner selbst verloren“. Vier Songs von denen man nichts erwartet, und die einem alles geben, was man so braucht, wenn man nicht gerade unterm Tresen liegt. Jetzt wird sich erstmal rar gemacht, auf der Homepage verkündet, dass man Songs aufnimmt. Zwei davon kann man auf www.herrenmusik.de schon mal antesten. Das letzte Jahr war ein ziemlich gutes Jahr für deutsche Indiebands. Da waren Tomte, Clickclickdecker, Olli Schulz, Der Hund Marie, Katzenstreik und wie sie alle heißen. 2007 gibt’s dann Herrenmagazin. Nicht, dass mir da einer lacht. Das könnte wirklich ein großes Jahr werden. Dank Schrammelgitarren und verquerer Texte. Ach ja, Rasmus Engler spielt in der Band, falls euch Nerds das interessiert.

Sebastian Zapf

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil 1: Großbritannien

Teil 2: Amerika & Libanon…

Teil 4: Goth, Postrock und Kaiser Chiefs für Arme

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