2007 – I Predict A Riot. (Teil 4: Goth, Postrock und Kaiser Chiefs für Arme )

The Horrors

Oh mein Gott, Goth ist zurück? Lange nicht mehr gesehen, alter Freund. Nun, The Horrors werden polarisieren wie vielleicht nur die Klaxons, denn diese Frisuren, die Bono und dem Ozonloch unter Garantie nicht gefallen, wie die vollkommene Außenseiter-Stilisierung provoziert genauso potentielle Verachtung wie die Tatsache, dass die Horrors genauso früh in Stil- wie in Musikmagazine zu finden waren. Bisher produzieren The Horrors geschickt eine Hypeschicht auf der nächsten: die EPs sind streng limitiert, die Konzerte in heillos überfüllten Miniclubs (enden standesgemäß in kleinem Aufruhr) und als Wirbel-Meisterwerk konnten sie für ihr Debütvideo „Sheena Is A Parasite“ den Cliphelden Chris Cunningham (Aphex Twin!) nach sieben Jahren aus dem Video-Ruhestand zurückholen, der auch noch gleich die mehrfach oscarnominierte, beste Schauspielerin ihrer Generation, Samantha Morton mitbrachte.
Ach ja, Musik, ja die gibt’s auch noch: das Angenehme, Unerwartete ist, dass The Horrors kompromisslosen 60er Jahre Garagen-Rock spielen. Harte, schnelle, kurze Stücke, die hauptsächlich von Drums und Orgel getragen werden und über die Sänger Farris Rotter unverständliche Texte intoniert. Die Referenzen sind offensichtlich eine bis zum Exzess durchgehörte Nuggets-Compilation, die Ramones. die Cramps und Velvet Undergrounds „Sister Ray“.
Man muss nur über die oben genannten Widrigkeiten hinwegsehen können und findet eine sich mit Liebe und Hingabe gezielt in einer kleinen Nische befindende Band. Viel besser, als alle oberflächlichen Hypeskeptiker glauben machen wollen. Ob es auch für mehr als zwei, drei gute Singles reicht, das muss die Zeit zeigen.

Hören: Death At The Chapel, Sheena Is A Parasite
Schauen: http://www.thehorrors.co.uk/

The Bishops

Junge Briten, die sich in Aussehen und Klang ganz dem Liverpool-Sound der 60er verschrieben haben. Die Harmonien und die Jingle-Jangle-Gitarren auf „The Only Place I Can Look Is Down“ würden schon ausreichen, um ein Auge auf die Jungs zu werfen, doch die Super Furry Animals Fuzz-Gitarre nehmen wir gerne mit. Post-Libertines-Brit-Pop.

Hören: The Only Place That I Can Look Is Down
Schauen: http://www.thebishopsband.com/index.html

The View

Welch enormen Einfluss die Libertines auf die britische Musikszene hatten, wird jetzt erst klar: es gibt Unmengen Libertines-Copycats, aus denen allein man einen Artikel wie diesen basteln könnte. Leider besitzen nur manche auch die Rauheit und das Wilde, das die Libertines so interessant im ersten Moment machte (The Romance, Rosemary, Pigeon Detectives, Larrikin Love und Dustin’s Bar Mitzvah), die meisten klingen jedoch mehr nach einer glattgebügelten Version ihrer Idole (The Kooks, The Maccabees, The Holloways). The View werden erstaunlicherweise sowohl von Pete Doherty als auch von Carl Barât in Interviews gelobt, obwohl ihre Songs mehr wie eine kommerziell verträglichere Alternative der Libertines-Vorlage klingt.
Es wäre jedoch eine Überraschung, sollten The View nicht zumindest verkaufszahlentechnisch in die Fußstapfen von The Kooks oder The Rifles treten können, zieht man in Betracht, dass bereits die beide Debütsingles bis auf Platz 15 der britischen Single-Charts kletterten und das Debütalbum vom Oasis- und Travis-Produzenten Owen Morris betreut wird.

Hören: Wasted Little DJs
Schauen: http://www.theviewareonfire.com/

Little Man Tate

Little Man Tate sind 4 Jungs aus Sheffield, die das Konzept der Lads-Musik wieder in die idealistische Post-Libertines-Welt einbringen. Bier, die Kumpels und Frauen sind die klassischen Themen der Band mit dem unglücklichsten Namen seit Jahren. Zynisch formuliert könnte man die vier aus der Arctic Monkeys Stadt Sheffield als „Kaiser Chiefs für Arme“ titulieren, doch täte man der poppigen Unwiderstehlichkeit von Songs wie „Man, I Hate Your Band“ unrecht. Zudem zeigten sie auf einer Doppeltour mit den allseits abgefeierten Peter Björn & John im letzten Jahr den Schweden, wo Barthel den Most holt.

Hören: Man, I Hate Your Band, House Party At Boothy’s
Schauen: http://www.littlemantate.co.uk/

The Indelicates

The Indelicates machen Indie-Pop wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt: die klassische Schrammelgitarre, intelligente Texte geradewegs aus der Popkultur-Referenzhölle und das Gegenbeispiel von gut aussehend…
Berüchtigt wurden die Indelicates bereits 2005 durch ein Download-Demo namens „Waiting For Pete Doherty To Die“, das allerdings mehr den eigenen Hang zur Prokrastination, die Ziel- und Perspektivlosigkeit wie die Popkultur-Fixierung kritisierte als tatsächlich Mister Doherty und das Kunststück schaffte, davon mittels einem wunderbaren, brillant getexteten und ruhigem Akustik/Klavierstück zu erzählen.
Die letztjährige Debütsingle „We Hate The Kids“ ist wie viele der anderen kostenlos auf ihrer Homepage erhältlichen Demos ein Musterbeispiel für brillanten Indie-Pop. In diesem Sinne: Give me drugs and give me sex and blood diseases! Broken legs!

Hören: We Hate The Kids, Waiting For Pete Doherty To Die, New Art For The People, Julia We Don’t Live In The 60ies (alle hier als Demos zum Download: http://www.indelicates.com/mp3s.html )

GoodShoes

Es könnte sein, dass die jungen Briten namens GoodShoes den richtigen Zeitpunkt bereits verpasst haben. Ihr eckiger, scharfer, doch immer überaus harmonischer Indiepop in der Tradition von XTC klingt wie bei keiner zweiten Band nach der Sensation von vor zwei Jahren, den Futureheads. Doch wenn schon das Original nach einem böse gefloppten zweiten Album Probleme hat, wieder auf die Beine zu kommen, bekommen dann die GoodShoes wirklich ihre verdiente Chance?

Hören: Small Town Girl, Never Meant To Hurt You, We Are Not The Same
Schauen: http://www.indelicates.com/

iLiKETRAiNS

iLiKETRAiNS – entdeckt auf einer „Dance To The Radio“- Labelcompilations und anschließend vom legendären Fierce Panda Label unter Vertrag genommen, haben 2006 bereits das Minialbum „Progress – Report“ veröffentlicht und sich auf der Insel als singuläre Band positioniert. Komplexe Songstrukturen, My Bloody Valentine Gitarren, Mogwai-esque Stücke und Texte über oder besser gegen die Industrialisierung („Does your dirty oil-stained money make you happy?“) sind zur Zeit in England nirgendwo sonst so gut zu finden. Erschreckend gut ist ihnen „The Beeching Report“ geglückt, das ohne Zweifel den besten Männerchor 2006 aufzuweisen hatte und geradezu gespenstisch beklemmend von der Ablösung des Menschen durch die Maschine erzählt:

Our hands and our hearts are not just tools to ply your trade
Theyre ours to live our lives with
and you’re taking them away
So feel free to wrap your hands around my neck
I feel free to do the same (feel free, surround your house with gates)
Feel free to do the same

Reform, reform
Oh you are taking apart what we made
With our hands and our hearts

Hören: The Beeching Report
Schauen: http://www.iliketrains.co.uk/

Christian Ihle

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil 1: Großbritannien

Teil 2: Amerika & Libanon…