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vonChristian Ihle & Horst Motor 29.01.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die britischen Single-Charts sind eine nationale Institution. Der Ausgang des Nummer-1-Zweikampf im sogenannten „Great Chart Showdown“ zwischen Blur und Oasis wurde 1995 die Topmeldung in den BBC-Nachrichten und jedes Jahr aufs Neue werden höchst professionell Wetten auf die Weihnachts-Nummer-1 von den heimischen Buchmachern angenommen.

Im letzten Jahr machten die britischen Charts den Weg frei für Download-Singles, die allerdings immer noch an einen späteren „physischen“ Release gebunden waren, also an eine tatsächliche Single, die in einem wirklichen Laden mit den eigenen Händen angefasst werden konnte. Die Regel war, dass Downloads exakt eine Woche vor der physischen Veröffentlichung zu zählen begannen. Der erste Song, der ausschließlich über Downloads die Spitze der Charts erklomm, war Gnarls Barkleys „Crazy“. Dass „Crazy“ im Folgenden zur erfolgreichsten Single der letzten Dekade wurde und gleich ob Download oder „echte“ Single sich wie geschnitten Brot verkaufte, war eine nette Fußnote dieser Geschichte.

Nun änderten sich die Regeln erneut: die ja doch recht willkürlich gewählte „eine Woche vor physischem Release“ – Grenze wurde aufgehoben und jeder Track kann theoretisch nun in die Single-Charts allein über seine Downloads einsteigen, egal ob vor zehn Jahren einmal „wirklich“ veröffentlicht, in fünf Monaten als Single geplant oder letzten Endes sein Dasein eigentlich als anonymer Albumtrack fristend.

Am letzten Montag gab es nun die erste Nummer 1, die nur dank der neuen Regeln diesen Platz belegen konnte und wie schon bei „Crazy“ war es wieder ein Song, dem man nur das allerbeste wünscht: „Grace Kelly“ von Mika, der vor einigen Wochen im hiesigen Popblog bereits als die größte Hoffnung für 2007 abgefeiert wurde. Während der Rufus Wainwright des Pop, Mika, jedoch wenigstens plante, Ende Januar die Single tatsächlich zu veröffentlichen, sind in den unteren Chart-Regionen Kuriositäten zuhauf zu finden: Surviviors „Eye Of The Tiger“ (jedem bekannt, dem das Wort „Rocky“ irgendetwas sagt…) ist 24 Jahre nach seiner Nummer-1-Platzierung urplötzlich dank Downloads auf Platz 51 zu finden, „I Want You Back“ der Jackson 5 zwei Plätze weiter unten und die hierzulande dankenswerterweise gänzlich unbekannte Billie Piper, die in England jedoch vor gut 8 Jahren einmal ein großer Star in den Charts und der Yellow Press war, taucht dank einer ordentlich mit Ironie gewürzten Radiokampagne des Radio One Frühstücksradiomoderators Chris Moyles gar auf Rang 17 auf.

So sehr man sich freut, dass wiederum etwas mehr Kontrolle beim Käufer und weniger bei Marketingabteilungen der Plattenfirmen landet und schöne Überraschungen wie Mikas „Grace Kelly“ – Nummer 1 oder die Rückkehr des einen oder anderen unkaputtbaren Klassikers in der heutigen Singles-Welt möglich werden, zeigt insbesondere der Billie Piper Fall, welche Gefahr die neuen Regeln auch bergen: dass die Single-Charts zu einem Kuriositäten-Kabinett verkommen, wie beispielsweise die deutsche Vorausscheidung zum Grand Prix d’Eurovision über Jahre dank Guildo Horn, Stefan Raab et al ein Sammelbecken für profilierungssüchtige Komiker war. Sollte Deutschland seine Regeln dem britischen Markt anpassen, so darf man erwarten, dass Stefan Raab für mehr als eine Nummer 1 im Jahr verantwortlich sein wird.

Bis diese Horrorvision Wirklichkeit zu werden droht, trösten wir uns mit dem fantastischen Mika-Song „Grace Kelly“:

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Christian Ihle

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