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vonChristian Ihle & Horst Motor 19.02.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Oh weh, wie um alles in der Welt soll man nur eine Wundertüte wie I’m A Cyborg But That’s Ok vom südkoreanischen Regiewunderkind Chan-Wook Park beschreiben? In diesen zwei Stunden sind so viele Einfälle wie andere Autoren und Regisseure in ihrem ganzen Leben nicht haben. Am ehesten ist man noch an Charlie Kaufman – Drehbücher oder Michel Gondry – Filme erinnert. „The Science Of Sleep“ mit einer Prise Gewalt oder ein asiatischer Spike Jonze? Park, der seinen großen Durchbruch im Westen mit dem Cannes-Sieger „Oldboy“ feierte (zurecht, denn Oldboy ist der beste Film der letzten fünf Jahre) und dessen hervorragender Abschluss seiner Rache-Trilogie, „Lady Vengeance“, erst vor wenigen Wochen in den deutschen Kinos anlief, zaubert ein wundervoll wirr erzähltes und vor fantastischer Schönheit berstendes Werk auf die Leinwand. Zwar hat „I’m A Cyborg…“ sicherlich mehr dramaturgische Durchhänger als sein opnum magnus „Oldboy“, aber doch ist man verzaubert und überrascht, wie Park einen so, ja, süßen, liebevollen Film präsentiert. Ohne Frage: es gibt weltweit kaum einen Regisseur, der solch einen Einfallsreichtum besitzt und es vermag, Größe, Opulenz und Eleganz mit den abseitigsten Themen zu paaren. Ein weiterer Stein für sein Denkmal.

Ein anderer gefeierter Regisseur, Francois Ozon, überrascht ebenfalls mit einem leichten Werk nach äußerst bedrückenden Werken („Die Zeit, die bleibt“, „Unter dem Sand“) in den letzten Jahren. Der Berlinale-Abschlussfilm Angel ist eine ironische Verbeugung vor historischen Frauengemälden, der zeitweise an Jane Austen erinnern mag. Nach einem furiosen, an Lachern reichen Start, bekommt Ozon lediglich die zu erwartenden Probleme, eine tragischer werdende Geschichte im Kontext der vorherigen Ironie ohne Bruch weiterzuerzählen. Der Film über eine junge, exzentrische Schund-Schriftstellerin im England des frühen 20. Jahrhundert unterhält ohne Frage bis zur letzten Minute, doch vermisst man gegen Ende die Leichtigkeit der ersten Hälfte.

Einen seltenen Blick in die Abgründe des Trash wirft die Berlinale mit Teeth, der Geschichte eines jungen Mädchens, das ihren Körper bis zur Ehe aufsparen möchte und unwissentlich gut daran tut, da ihre Vagina mit Zähnen versehen ist, die jedem Mann seine, nun ja, Männlichkeit raubt. Das wird alles sehr amüsant und durchaus detailreich erzählt, so dass ein starker Magen Grundvoraussetzung sein sollte. Herumliegende Penisstücke, die von Hunden verspeist werden, sind ja nun auch nicht jedermanns Tasse Tee. Trotzdem ist es erfrischend, in dem eher bedächtigen Berlinale-Programm einen so unverschämt luftigen Film zu sehen, der die Gore-Schraube bis zum Anschlag dreht.

Christian Ihle

Weitere Berlinale-Berichte:

* Berlinale (1): Koreanische Schulmädchen, ein kanadischer Nervenzusammenbruch und deutsche Jagdhunde

* Berlinale (2): Dirty Harry, de Niro und der Mann mit den zwei Gesichtsausdrücken

* Berlinale (3): Subtilität vs. dreihundert Spartaner 0:2, Cate Blanchett vs. Judi Dench 3:3

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