vonChristian Ihle & Horst Motor 03.05.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Cocorosie – The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn

“Die beiden haben komplett einen an der Waffel”, versuchte mich neulich eine Freundin zum Besuch eines Cocorosie-Konzerts zu bewegen. Einen an der Waffel – im absolut positivem Sinn.
Zwei wunderliche amerikanische Schwestern, die ihr Zelt jetzt in Frankreich aufgeschlagen haben, um dort die Umgebungsgeräusche für ihre Musik aus den tiefen Wäldern zu entführen. Frösche quaken, Pferde wiehern, Spieluhren und Fahrradklingeln –äh- klingeln und Bahnübergangsschranken bimmeln, während Coco und Rosie wie Björk tief zwischen den beiden Polkappen mit den Namen „lieblich“ und „verrückt“ wandeln.
“The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn” wird von einer wundervollen Energie angetrieben, die niemals hektisch wird und auf Albumlänge bewusst zuhören lässt. Weil es immer wieder ein Geräusch zu entdecken gibt, dass man irgendwo schon mal aufgefangen hat. Weil es in dieser Zusammensetzung noch nie so geklungen hat und weil Cocorosie spinnert (das ist ein Ausdruck aus den bayerischen Wäldern) genug sind, sich mit ihrer Musik in unseren Kopf zu zwirbeln, um dorthin einfach ein paar Märchen zu transportieren.

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Rainbowarriors (mp3)
Animals
Raphael

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(säm)

Dinosaur Jr. – Beyond

Vor ein paar Jahren veröffentlichte J.Mascis sein erstes Soloalbum. Kurz zuvor hatte er Dinosaur Jr. aufgelöst, die zusammen mit Pavement, Sonic Youth, Nirvana und The Lemonheads wohl großartigste Indie-Lärm-Band der Neunziger, die zuckersüße Melodien unheimlich verzerrte und immer wieder damit experimentierte, Popmusik so wahnsinnig laut, wie nur irgendwie möglich, zu spielen. Am Ende bestand Dinosaur Jr. faktisch eh nur noch aus J. Mascis, der ursprünglich mal als Schlagzeuger anfing und sich zu einem Banddespoten entwickelte, der keine Widerrede akzeptierte und sowieso alles (vor allem das Gitarrenspiel) selber besser konnte.

Sein erstes Soloalbum musste den neuen Weg vorgeben. Wendet er sich vom Noise-Pop ab? Experimentiert er mit Neuem? Was wird aus seinem unverwechselbaren Art, die Gitarre zu spielen, dieser nöligen und quengelnden Stimme, mit der kein zweiter Sänger durchkommen würde?
Ich legte die CD noch im Laden in den Player und nach zwei Millisekunden kniedelte die Gitarre in meine Ohren, die links und rechts von lächelnden Mundzügen belagert wurden. Es war großartig. Es war wie immer.

Nach drei Soloalben hat sich jetzt die Ur-Besetzung wieder zusammengerauft. J.Mascis vorne, dahinter Murph (ehemals auch bei The Lemonheads) am Schlagzeug und endlich traut sich Lou Barlow (Sebadoh, Sendridoh, The Folk Impolsion und The New Folk Implosion) wieder an J.s Seite. Die beiden hatten, kurz vor Lous Ausstieg, ihre gegenseitige Verachtung mit blanken Fäusten auf der Bühne zementiert.
Bassist Lou Barlow (singt auf „Beyond“ selbst auch zwei Stücke) behauptete kürzlich, dass er inzwischen wieder nur mit J.s Anwalt Kontakt zu seinem Bandleader aufnimmt. Es reicht aber für eine Tournee und ein großartiges Dinosaur Jr.-Album, das sowohl 1992 als auch 1999 schon so aufgenommen hätte werden können. Oder eben 2007.

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* Been there all the Time
* Almost ready (mp3)
* Back to your Heart

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(säm)

Kings Of Leon – Because Of The Times

Kinders! Rennt die Zeit! Gerade waren doch die Kings Of Leon noch die unverschämt jungen Rabauken aus der Post-Strokes-Klasse, die durch die Gegend rotzten, die Girls abschleppten und die dreckigen Riffs auftrugen. Kommt 2007 beginnen die vier Followills ihr Album mit einem Siebenminutensplus-Stück, tauchen alles in ein geradezu absurd hallendes Produktionsgewand und sagen laut Hallo zu einem undefinierbaren Gemisch aus 80er Stadion-Rock, Punkgitarren und Country-Einflüssen. Man steht „Because Of The Times“ zunächst völlig verwundert gegenüber. Keine Singles, an denen man sich festhalten könnte, keine dreckigen Gitarren mehr – in der Garage wurde aufgeräumt.
Nach einigen Hördurchgängen akzeptiert man die Produktion, verliebt sich schon wieder in dieses trunkene Geweine von Caleb Followill und versteht, welchen Weg die Kings Of Leon hier einschlugen. Ein erstaunliches Album, das viel Zeit benötigt, um sich zu öffnen.
Man darf gespannt sein, ob diese Richtung den Kings Of Leon Glück bringen wird.

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* Fans
* True Love Way

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(Christian Ihle)

Ola Podrida – Ola Podrida

Trotz selbstauferlegtem Label-Sparkurs flattert der nächste Act ins Grand Hotel van Cleef. Der Künstler ist dieses Mal kein weiteres Tomte/Olli Schulz/Kettcar-Bandmitglied, sondern der hierzulande bis dato völlig unentdeckte Ola Podrida aus Texas.

Der heißt eigentlich David Wingo und benannte sich für sein Musik-Projekt nach einem Puppentheater aus seiner Kindheit, aber nur mit dieser Information können wir noch keine Schublade öffnen. Seine Soundtrack-Arbeiten für Filme wie „Snow Angels“ oder „The great World of Sound“ sind Otto-Normal-Multiplex-Gänger wohl kaum geläufig und die Google-Bildersuche liefert bis dato kein einzig scharfes Bild von dem Herrn aus Dallas. Man muss bei der Bewertung lustige Yellow Press- und Musik-Prominzenz-Links außen vor lassen und –ausnahmsweise- im Kern ansetzen. Bei der Musik.

Die ist wunderschön.

Eine wunderbare Melange aus Country, Folk und Singer/Songwriter.
Richtig weit weg draußen, damit kein Nebengeräusch stört und/oder eine unerwünschte Hektik ausgelöst wird.
Schön zurückgezogen, damit man im Schaukelstuhl nicht abgelenkt wird, wenn man der Musik lauscht, während man eine dampfende Pfeife raucht und der Parkettboden im Takt knarrt.

„Mit dem Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren“ sangen die Aeronauten vor ein paar Jahren und ich sag jetzt und heute: Wenn man anfängt solche Musik zu mögen, hat es sich gelohnt, älter zu werden.

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Cindy (mp3)
Instead hier
A clouded View

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