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vonChristian Ihle & Horst Motor 10.05.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Fehlfarben – Handbuch für die Welt

Nun ja, wer seinen Blog nach dem Album einer Band benennt, steht natürlich unter Fanverdacht. Richtig ist auch, dass das Fehlfarben-Debüt „Monarchie & Alltag“ für den werten Schreiber das wichtigste Album deutscher Sprache war, ist und wohl auch bleiben wird.
Richtig ist aber auch, dass man in der Popblog-Redaktion allen Reunions mit 12 Meter großer Skepsis gegenüber tritt, weil Pop NOW! und eben keineswegs „weißt du noch!“ ist. Das gilt gerade wenn einst Erderschütterndes produziert wurde.
Das letzte Fehlfarben-Album „Knietief im Dispo“ war eine durch und durch freudige Überraschung. Keine alten Männer, die gelangweilt auf der Bühne stehen, sondern wilder, guter Pop mit einem noch weiter desillusionierten Janie als Sänger, der uns die Wahrheiten der Straße entgegenschleuderte.

Umso mehr ist es schade, dass Handbuch für die Welt ein so unrundes Werk geworden ist: für jeden tollen, tollen Song wie „Politdisko“ oder „Geteilte Welt“ ist (mindestens) ein Füller auf dieser Platte. Diesem Auf und Ab passen sich Peter Heins Texte an: eine schwer zu ertragende Rammsteinisierung in „Das schöne Herz“ ist dabei als Tiefpunkt zu vermelden.
Überflüssig ist „Handbuch für die Welt“ dennoch nicht, weil Peter Hein die Brutalität des Alltags immer wieder aufs Neue einfängt. Exemplarisch dafür der letzte Satz des Albums:

und nur wenig bleibt zurück
ein kleines kästchen schmuck
der ring ist gefälscht, die kette aus rom
und mittendrin ein letztes kondom

Die große Desillusion. Hein ist der Kriegsberichterstatter aus dem Kampf jeder gegen jeden. Wie viele Jahre auch vergehen, er singt weiter die Lieder aus grauer Städte Mauern. (Christian Ihle)

Anhören!
* Politidisko (hier)
* Geteilte Welt

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The Kilians – Fight The Start EP

Ungern starte ich eine Plattenkritik mit Anmerkungen anderer, aber da es keine einzige Besprechung der jungen Dinslakener Band bisher gegeben hat, die nicht die Strokes als Hauptreferenz zitierte, kommt man kaum umhin. Das Ärgerliche dabei: fast immer sollte der Gleichklang mit der New Yorker Fünferbande als unterschwellige Kritik verstanden werden. Warum nur?
Es wird verdammt noch mal Zeit, dass auch eine deutsche Band sich des Strokes-Sounds annimmt. Wo, bitteschön, sind denn die deutschen Strokes 2002 gewesen? Warum gibt’s die Libertines nur in England? Also bitte sehr, lasst die jungen Dinger mal machen, die Idole sind schon die richtigen.
Diese Viertrack-EP überzeugt auch genau dann, wenn es geradewegs in Richtung des zweiten Strokes-Albums geht. Der Titelsong wie auch „Something To Arrive“ und „Merely Marginal Juxtaposed“ sind brillante Indiepopwerke, die eine abgebrühte Coolness ausstrahlen, die sonst tatsächlich nur auf den Straßen New Yorks zu finden ist. Wie sehr die Kilians mit ihrem Sound richtig liegen, fällt erst beim letzten Song „Suburban Lies“ auf, der einige Gänge zurückschaltet und bei weitem der schwächste ist. Also, Jungs: wieder mehr aufs Gas und weiter so. Das kann was Gutes werden! (Christian Ihle)

Anhören:
* Something To Arrive (hier)
* Merely Marginal Juxtaposed (hier)

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*Werdegang

Money Mark – Brand New By Tomorrow

Wenn man den Boden nicht mehr unter den Füßen spürt, dann könnte es daran liegen, dass man gerade fliegt. Oder es sind einem vor lauter Langeweile die Füße eingeschlafen. Womit wir auch schon beim Thema wären.

Bekannt wurde Mark Ramos-Nishita, alias Money Mark, als vierter Beastie Boy. Neben seiner Mitarbeit an deren wegweisenden Alben „Check Your Head“, „Ill Communication“ und „Hello Nasty“ begann er Soloalben zu produzieren, die zu Kritiker Lieblingen avancierten. Push The Button war aufregend, ein Lo-Fi-Funk Gewächs, ein neuer Sound, ein Ausbund an Experimentierfreude und Lebendigkeit. Aber das war 1998, und ist damit schon lange her. Was danach kam war – Entschuldigung – auch nicht mehr ganz so wichtig.

Dabei war Jack Johnson ganz anderer Ansicht und veröffentlichte Money Marks viertes Album Brand New By Tomorrow auf seinem Label Brushfire Records. Zum einen vielleicht, weil er wohl Gitarren ganz gern mag. Die sind nämlich auf dem neuen Money Mark Album recht dominant. Wobei dominant schon das falsche Wort ist, weil es Aufmerksamkeit impliziert. Die aber schafft Brand New By Tomorrow fast in keiner Sekunde zu erregen. Womit wir bei Jack Johnsons zweitem anzunehmenden Beweggrund angelangt sind: Der hawaiianische Surfertyp veröffentlicht anscheinend gern Musik, die seiner eigenen sehr ähnlich ist. Gezähmte Konsenswerke sind das, die so unaufdringlich, man könnte auch sagen beliebig, daher kommen, dass sie in erster Linie niemanden stören. Damit können sich alle irgendwie arrangieren, das kann jeder mögen. Und jetzt kommt es: Obwohl Money Mark offensichtlich einen ähnlichen Badeschlappensound anstimmen will, schafft er noch nicht einmal das! Zwar finden sich Soul, Funk und Disco auch auf Brand New By Tomorrow, insgesamt besitzt das Album jedoch eine merkwürdige Britpop Schlagseite. Und die ist bei näherem Hinhören wirklich so langweilig, dass sie schon beinahe nervt! Aber eben nur fast. Wieso nur will uns Money Mark mit seiner Langeweile langweilen, das ist die Frage!

Gegen Slacker ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Das ist klar. Aber das hier ist Musik für jene coolen Hänger, die sonnenbebrillt mit dem Cabrio umherfahren und sich den halben Tag darüber aufregen können, wenn der Latte Macchiato mal zu kalt serviert wurde.
Und euch sei geraten: Spürt ihr demnächst den Boden nicht unter den Füßen, dann hört noch einmal genau hin! Vielleicht bekommt ihr dann eine Erklärung. (Louis Parker)

Anhören:
* Everyday I Die A Little (hier)
* Pick Up The Pieces (hier)

Im Netz:
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Travis – The Boy With No Name

Travis Fans sind entzückt, ihre trauten Goldkinder schenken ihnen ein neues Album. Endlich können sie sich wieder freuen, und zwar genauso, wie über die letzten vier Alben. Denn mit „The Boy With No Name“ bleibt sich die Band, sagen wir es mal pädagogisch, weiterhin sehr, sehr treu. Von der Hybris durchgeknallter Brit-Rocktypen weit entfernt, knüpft dieses Album in seinem Bekenntnis zur Einfachheit an das Travis Frühwerk an. Zwar ist es damit ein bisschen schlichter als „12 Memories“ ausgefallen, aber noch zuverlässiger! Für viele also ein wahrer Segen. Und für alle anderen? Nun ja, für alle anderen ist es vielleicht schon unerheblich, ob sie nun „The Man Who“ auflegen, oder eben „The Boy With No Name“. Irgendwie sind dann doch die gleichen Lieder drauf.

Mit dem Albumtitel wird übrigens auf Fran Healys Sohn angespielt, dessen Geburt, nach eigener Aussage, das Songwriting maßgeblich beeinflusst hat. Aber hätte man das nicht auch anders machen können? So wie Max Cavalera vielleicht, der den Herzschlag seines Kindes in Refuse/Resist einbaute? Nein, kleiner Scherz. Travis sollen ja auch die kleinen Eichhörnchen bleiben, die sie immer waren, und weiterhin „Leben retten“, einen guten Humor haben, sehenswerte Videos machen und all so etwas. (Louis Parker)

Anhören!
* 3 Times And You Lose
* Closer (video)

Im Netz:
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https://blogs.taz.de/popblog/2007/05/10/im-plattenladen-im-april-3-fehlfarben-the-kilians-money-mark-travis/

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kommentare

  • Haha, Christoph ist ein komischer Kauz! Pop ohne Künstlichkeit? Dann aber den NME-Hype-Quatsch nachplappern. Meine Güte. Herr, wirf‘ Hirn ra‘.

  • das ist natürlich sehr interessant, denn wenn es so „durch“ ist, dann wäre es ja geradezu ehrenvoll, nicht dem neuesten trend nachzulaufen, sondern etwas anderes, „durches“ zu spielen. hm?

    abgesehen davon, dass „Hypekacke“ und der klassische NME-Diss natürlich amüsanterweise genau dem angeblich propagierten anliegen widerspricht: etwas scheiße zu finden, weil es alle anderen gut finden, ist genauso verbohrt wie etwas gut zu finden, weil es alle anderen gerade geil finden. der punkt ist doch, jede band offen anzuhören, die eigenen ohren zu benutzen und selbst zu urteilen, ob das für einen passt oder eben nicht, ob es einem etwas gibt oder eben nicht. zu sagen: „steht im NME, dann finde ich es scheiße“ lebt ja gerade davon, sich unterscheiden zu wollen. diese engstirnigkeit ist ja das absurde daran.

    unsinn nummer drei: Strokes und die „The“-Bande. die wären? natürlich eine unsinnige verallgemeinerung, da es keine kohärente szene gibt, in der sich alle gegenseitig kopieren. die gab es eine kurze zeit in London, als alles was in der nähe von McGee wohnte und eine lederjacke tragen konnte im post-Libertines-rausch mit einem plattenvertrag ausgestattet wurde – aber das was im allgemeinen unter der „The“-Bande subsumiert wird, ist ja nun wirklich nichts was sich gegenseitig kopieren würde: The Hives gab es schon jahre zuvor, ich kenne immer noch keine Band, die wirklich an die Strokes rankommen würde, die White Stripes kommen aus einer völlig anderen ecke (und waren ebenfalls jahre zuvor mit ihrer musik unterwegs) und die Libertines haben zwar den sound ihrer gitarren für das debütalbum der Strokes-Linie angepasst, kommen aber musikalisch von einem gänzlich anderen erbe, was man ja nun mit einem minimum an kenntnis der britischen musikhistorie ohne zögern heraushören kann. von den unterschiedlichen herangehensweisen bei den Texten mal ganz zu schweigen.

  • „fast immer sollte der Gleichklang mit der New Yorker Fünferbande als unterschwellige Kritik verstanden werden. Warum nur?“

    Weil die Strokes und der ganze Rest der „The“-Bande sowas von durch sind, durcher gehts gar nicht mehr. Wenn der einzige Antrieb Musik zu machen, darin besteht, dass man der Kopie der Kopie möglichst nahe kommen will, sollte man es lieber gleich ganz lassen. Niemand braucht die 62ste NME-Frisurenband, die Hypekacke nachspielt, egal woher sie kommt.

    Dieser ganze Blog krankt an einer dermaßen beschränkten Vorstellung von Coolness und Zitiergeilheit. Hier ist mir bis jetzt noch nichts Eigenständiges, in irgendeiner Art Organisches, Ungekünsteltes untergekommen. Geht eure ironischen Lederjäckchen polieren, bitte, aber hört auf zu schreiben.

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