vonChristian Ihle & Horst Motor 06.09.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Klatschen, klatschen, immer dem Rhythmus hinterher. So lange, bis der Indie-Rock zur Polonäse wird. Früher verlief die Demarkationslinie der Coolness ziemlich eindeutig zwischen Alternative-Konzerten, auf denen gutgelaunt umhergestanden wurde, und Mainstream-Versammlungen, bei denen Tausende Konzertgänger erbarmungslos die verzweifelte Begeisterungsverlautbarung des Mitklatschens zelebrierten.

Eine Überschneidung beider Welten war undenkbar. Anders heute: Wo immer man dieser Tage arglos auf ein Gitarrenkonzert kommt, wird mit emporgereckten Händen im Takt geklatscht, als hätten soeben Cindy & Bert, die Schweinstaler Sauburschen und die Sportfreunde Stiller gleichzeitig dazu aufgefordert. Es ist Bands wie Bloc Party, den Killers, Mando Diao und anderen musizierenden Röhrenhosen zu verdanken, dass die einstmals heimelige Tristesse des Indie-Rock heute sofort munter wegapplaudiert wird.

(…)

Auch die Briten Razorlight gehören zu jenen Bands, die munter einen subkulturellen Habitus auf dem Mainstream-Flohmarkt verramschen: Razorlight spielen eine schrabbelige ungebürstete Musik, die klingt wie Früh-Achtziger-Stadion-Rock, der auf dem Weg ins Stadion die Treppe runtergefallen ist. Wie betont lässiger Heroinkonsum in der Backstage-Kabine beim Klimaschutz-Konzert.

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Wird da nur der Britpop zu Grabe getragen, fragte man sich beklommen, oder ist es doch die gesamte britische Arbeiterklasse, die da gerade akustisch eingeäschert wird? Razorlight hingegen, das machen sie vom ersten Ton an unmissverständlich klar, werden hier und heute keine Gefangenen nehmen.

(…)

Im zweiten Song dann immerhin ein üppiges Versprechen: „It’s a big big world and you can do what you like“. Unter der Möglichkeit, dass man alles erreichen kann, fängt Borrell gar nicht erst an. Ein Ziel benennt er nicht, stattdessen: alles geht. Heroin, Klimaschutz und Karriere gleichzeitig.

Spätestens jetzt kommt man nur schwer umhin, die vollkommen humorlose Band schal zu finden: Borrell klagt immer wieder Absolutheiten ein, ist aber einfach nur ein selbstbesoffener Geck, der nichts zu erzählen hat. Er räumt da ab, wo es eigentlich nichts mehr zu holen gibt.

„America“, der größte Hit der Band, erklärt in diesem Zusammenhang einiges: Schon die ersten Akkorde lassen den Saal aufjaulen. Dem Song qualmt aus jeder Note eine diffus sentimentale Klassenfahrtsstimmung, alle werfen die Hände in die Luft. Borrell beklagt dazu faszinierend allgemein Werteverluste: „There’s nothing on the TV, nothing on the radio, that means that much to me.““

(Eric Pfeil, SpiegelOnline)

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