2008 – I Predict A Riot. (Teil 2: Singer/Songwriter)

Lily, Katie und Amy… die britische Insel hat ihre Liebe zu krediblen Songwriterinnen entdeckt. Nach den großen und zum Teil sehr überraschenden kommerziellen Erfolgen der Damen Winehouse, Allen und Nash stehen bereits eine Garde Nachfolgerinnen an, die zum Teil sogar bessere Lieder singen (Emmy) oder aber noch größeren Erfolg einfahren werden (Adele). Wir stellen die wichtigsten vor und werfen in unserer Jahresvorausschau für Singer/Songwriter, die noch kein Debütalbum veröffentlicht haben, auch noch ein Auge auf zwei besondere Songwriter der männlichen Gattung.

Emmy The Great

Emmy The Great ist die Königin der Londoner Antifolkszene. Die aus Asien stammende Emma-Lee Moss schreibt delikate, kleine Lieder, die vor allem durch ihre Lyrics beeindrucken. Ob sie in „Eastern Parade“ mit einem romantisierenden Englandbild von Blake über Morrissey bis Doherty abrechnet („I’m grateful for the things that you’ve tried to show me dear /but there’s no arcadia, no albion / and there’s no jerusalem here /and underneath your pastures green /there’s earth and there’s ash and there’s bones /and there are things that disappear into and then they are gone“) oder – noch besser! – in „MIA“ von einem Autoausflug mit ihrem Freund erzählt, der in einem Unfall endet. Der Freund liegt sterbend neben ihr, während noch das eigens für sie zusammengestellte Mixtape im Autoradio läuft und ein Lied der Sängerin M.I.A. spielt. Emmy liegt mit ihrem blutüberströmten Kleidchen neben ihrem sterbenden Freund und denkt daran, wie er ihr erzählt hatte, dass man M.I.A. „either mia or M.I.A.“ ausspricht. Die wundervollste, brutalste und berührendste Geschichte, die ein Song 2007 zu erzählen hatte. Von dieser Qualität hat Emmy bereits heute mehr Songs geschrieben als sie selbst Singles veröffentlicht hat, so dass wir mehr als gespannt auf ihr Debütalbum warten und Englands Regina Spektor begrüßen wollen. Emmy The Great ist die beste einer ganzen Reihen von britischen Wunderkindchen, die 2008 mit einer Gitarre bewaffnet auf unsere Bühnen drängen. Sie wird nicht die erfolgreichste sein, wohl auch nicht die bekannteste werden, aber die interessanteste… die ist sie schon jetzt.

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* MIA,
* Eastern Parade,
* Secret Circus

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Laura Marling

Meine Güte. 17 Jahre. Man mag es nicht glauben, hört man einen Breakup-Song wie „New Romantic“. Die Stimme ist mindestens zehn Jahre älter und die Texte erst recht.
Marling selbst gibt Bonnie ‚Prince‘ Billys „I See A Darkness“ Album als die Platte an, die sie musikalisch erwachsen werden ließ. Laura mag nicht Emmys intime Verrücktheit erreichen, aber verspricht doch zumindest interessanter als Adele zu werden.

Anhören: New Romantic

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Adele

Die ebenfalls noch blutjunge Londonerin Adele gilt dank „Hometown Glory“ als der Tip für 2008. Und im Gegensatz zu den sparsam instrumentierten Emmy The Great und Laura Marling greift Adele heftig in die Tasten. Musikalisch ist das nicht ganz so überzeugend und etwas zu pathetisch, aber der Weg zur Dido 2008 steht offen.

Anhören! Hometown Glory

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Duffy

Nur kurz sei Duffy erwähnt, die Dusty Springfield für 2008 oder die Amy Winehouse für Hörer, die clean statt crack mögen. Genau genommen qualifiziert sich die Waliserin auch nicht für diese Liste, da bereits ein etwas älteres Album kursiert, das im Moment von der Plattenfirma versucht wird, unter Verschluss zu halten. Neues Image, neuer Sound und eine zugegeben gute Stimme sollten ausreichen, um zumindest in England die Charts wie Adele aufzuwirbeln.

George Pringle

Um es gleich klar zu stellen: nein, George Pringle ist weder ein Mann noch Erbe des Pringle Chips Universums und jeder „heute schon gepoppt“ Witz wird im Folgenden unterlassen. Die 23jährige Schönheit aus Oxford, England, ist in dieser Liste trotzdem eine Besonderheit, trifft auf sie doch der Begriff Singer/Songwriter nur bei einem sehr offenen Verständnis zu. Weder singt George Pringle noch schreibt sie Songs im klassischen Sinn – es sind mehr Gedichte, die sie über meist sparsam akzentuierte elektronische Beats oder Geräusche spricht, was auf dem Blatt gelesen nur eingeschränkt attraktiv klingen mag, auf Platte aber beeindruckt. Als Beispiel sei das wunderbar betitelte „Fellini for Prime Minister“ genannt, in dem sie einen Post-OD-Albtraum im Chelsea Hotel rezitiert, in dem Edie Sedgwick, Bill Hicks, nach Gin schmeckende Duschen und Patti Smith Gastrollen einnehmen. Überhaupt letztere: Patti Smith Texte über amateurhafte LCD Soundsystem Beats? Nichts für die Charts, wohl aber für den Kopf!

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* Fellini For Prime Minister
* LCD I love you, but you’re bringing me…

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Scott Matthew

Als vor zwei Jahren „Shortbus“ ins Kino kam, war die Aufregung groß. Ein amerikanischer Film, der so unverhüllt wilden Sex, Homosexualität und Penisparaden auffuhr, ist schon lange nicht mehr diesseits von Larry Clark in den Festspielhäusern gelaufen. Dass der Film ein stolz pochendes Herz hatte und unter all der oberflächlichen Aufregung vor allem über Gefühlwirren erzählte, wurde gerade auch durch Scott Matthews Auftritte und seine Songs transportiert. Inmitten dieser wilden Orgien saß dieser bärtige, seltsame Mann mit seiner Gitarre und spielte kleine, fragile Folksongs. Einfach und doch dramatisch. Seine hohe Stimme erinnert an Antony & The Johnsons, vermeidet aber das Überzeichnen von Antony, was Matthews Songs noch berührender macht. In einem Jahr sollte man nicht mehr von Shortbus erzählen müssen, um Scott Matthew vorzustellen.

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* In The End,
* Language

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Lightspeed Champion

Ein kurzer Blick auf den Lightspeed Champion Dev Hynes könnte Verwirrung hervorrufen: irgendwo habe ich den Typ doch schon gesehen? Ja, richtig. Und zwar – von allen Bands – als Mitglied der Test Icicles. Während die Test Icicles vor zwei, drei Jahren New Rave vorerfanden (dabei aber Posthardcore spielten) und sich auflösten, bevor der Hype die Rechnungen bezahlen konnte, griff Hynes zur akustischen Gitarre und produziert nun Singer/Songwriter-Stuff. Sein reich instrumentierter Folk hat dabei einen für Briten ungewöhnlichen Hang zum Americana und zum Country. Ein britischer Conor Oberst, der – sieht man sich seine Kollaborationspartner (Emmy The Great!) und Konzertbesucher an – momentan der Lieblings-Songwriter der Songwriter zu sein scheint, was meist kein schlechtes Zeichen ist.

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* The Flesh Failures,
* Everyone I Know Is Listening To Crunk,
* Galaxy Of The Lost

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(Christian Ihle)

Weiteres:
Teil 1: I Predict A Riot 2008: Pop!
Teil 3: I Predict A Riot 2008: aus deutschen Landen
Teil 4: I Predict A Riot 2008: New Rave
Teil 5: I Predict A Riot 2008: Willkommen im Untergrund
Teil 6: I Predict A Riot 2008: Brit Guitar
Teil 7: I Predict A Riot 2008: Gitarren All Over The World

Kommentare (5)

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  3. dankesehr. ja, das war auch der hintergedanke des „favourite Pete Doherty songs“ in den My Favourite Records… Listen, weil ich wirklich mal wissen wollte, wer denn tatsächlich Doherty hört. im Grunde ist es fast erschreckend, wie wenig Musiker von der Musik in der Welt da draußen manchmal wahrnehmen…
    Eigentlich war Ken Stringfellow der einzige, der eine wirklich fundierte Antwort gegeben hat – aber Ken scheint ja auch nicht nur Musiker, sondern auch Nerd zu sein.

    zu Emmy:
    MIA war auf der „My Bad EP“ enthalten, auf der im übrigen auch eine Kollaboration mit dem ebenfalls hier genannten Lightspeed Champion war. aber die war ja leider limitiert und völlig unmöglich hier in Deutschland zu bekommen. Mir zumindest. Ich weiß nicht mal, ob „MIA“ eine neue Aufnahme war oder nur das Demo.

  4. …und DANKE für den Hinweis auf Emmy The Great. Hatte sie eine Zeit lang verfolgt und dann doch wieder aus den Augen verloren. Gab es ‚MIA/ M.I.A.‘ schon in einer (semi-)offiziellen Veröffentlichung/ Single/ EP?
    Ach, da wir grad‘ beim Huldigen des popblogs sind: ich verneige mich noch zutiefst vor/ für die Peter Doherty-Woche (und das beständige Anfordern eines ‚besten Songs, sofern‘ in den Faves-Listen, was recht amüsant ist, wie wenig – nicht mal der Support aus schonwiedervergessen – dann (ihn) kennen will, weil man ?bloße Medienpräsenz mit Mainstream gleichsetzt?)…

  5. schön, und absolut richtig, dass du lightspeed champion auf dem radar hasr. die platte ist großartig. sozusagen der englische conor oberst, der aber eigentlich doch amerikaner ist. zumindest gebürtig. schöne, große popsongs, die teilweise an kirchenlieder erinnern. was jetzt aber nicht abschrecken sollte.