Album des Monats Mai / Platz 3: Santogold – Santogold

Santogold ist gewissermaßen ein Kind ihrer Zeit – hektisch und ungestüm. Genauso wie ihr großartiges Debütalbum. Die Nordamerikanerin ist die vielleicht hoffnungsvollste Entdeckung des Jahres.

Santogold

Man muss es wohl so sagen: bei aller Liebe zur Vergangenheit, zu 80s Pop, zu Reggea, zu Dub und zu gutem alten Indie-Rock – in dieser Form hätte das Debüt „Santogold“ früher definitiv nicht funktionieren können. Weil es eine vermatschte Retrospektive ist, ein musikalisches Kauderwelsch, das seine Referenzen braucht wie der Mensch die Luft zum Atmen. Santi White versinkt förmlich in der Musikhistorie. Aber in diesem Versinken steckt ein Aufbruch. Die Single „“L.E.S. Artistes“ – Opener des Debüts – ist ein seltsames Gemisch aus Handclaps, brodelnden Beats und einer düsteren Erinnerung an die Anfänge des New Wave. „Creator“, die erste Single aus dem vergangenen Jahr, ist ebenfalls mit vertreten – und gerät noch am ehesten in den Verdacht, sich Inspiration bei der Kollegin und Freundin M.I.A. abgeholt zu haben. Der Rest des Albums: ein einziger, mitreißender Ritt auf 25 Jahren Musikgeschichte – an den richtigen Stellen elektronisch verpackt oder von melodischem Indie-Rock eingezäunt. „I’m a lady“ ist so eine Pixies-Variante, „Lights Out“ suhlt sich mit wohlwolend in den ausgehenden 80er Jahren und ist einer der verführerischsten Songs auf dem Album der Nordamerikanerin. Und immer wieder: Dub, Reggea, Pop.

Natürlich ist es Rassismus pur, in Santogold vor allem eine weitere Hip-Hop-Künstlerin zu sehen, wie es so viele amerikanische Medien vorschnell getan haben. Vor allem, weil Santogold gar keinen HipHop macht. Wer aber aufmerksam ihr Video „L.E.S. Artists“ verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein: Santo White ist auch stolz auf ihre Herkunft. Die gehört – ähnlich wie übrigens Barack Obama – einer schwarzen, gebildeten Schicht an, die sich ihrer Wurzeln wieder stärker besinnt als es die meisten schwarzen Rapper Amerikas jemals getan haben. Santogold lebt und verkörpert wie Obama: Veränderung, change. Sie singt es in „L.E.S. Artists“ selbst. „Change, change, change / I want to get up out of my skin / tell you what / if I can shake it / I’m ‚a make this something worth dreaming of“. Ihr Debüt ist Ausdruck dieses Veränderungswillen. Und nebenbei eine herzzerreißende und mitreißende Pop-Platte geworden. Ein echter Aufbruch eben. (Robert Heldner)

Anhören!
* L.E.S. Artists (hier)
* I’m a lady
* Creator
* Lights Out

Santogold im Popblog:
* 2008 – I Predict A Riot. (Teil 1: Pop!)

Im Netz:
* MySpace
* Indiepedia

Kommentare (3)

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  1. Pingback: Monarchie & Alltag - Gig Guide Juli 2008: Welche 5 Bands man in diesem Monat auf der Bühne sehen muss. - tazblogs

  2. das ist aber mehr einem überraschend guten Monat geschuldet, immerhin sogar das Bonnie Prince Billy Album hinter sich gelassen, das ja – wie immer – ebenfalls hervorragend ist.

  3. Nur Platz 3, … na ja.

    Übrigens: Am 11.07. im Berliner Tape!