Album des Monats September / Platz 2: 1000 Robota – Du nicht Er nicht Sie nicht

„Du nicht Er nicht Sie nicht“ – die dreifache Verweigerung tragen 1000 Robota also gleich im Albumtitel wie eine Monstranz vor sich her. In „Heute“, dem ersten Song des Albums, schlagen sie einen Marsch an und werden nicht aufhören, dieses Album durchzuknallen bis der letzte Ton des einzig halbwegs versöhnlichen (und bezeichnenderweise auch einzigen nicht von ihnen geschriebenen) Songs „Ich blicke an dir vorbei“ verklungen ist.

1000 robota

Die Texte leben von einer ähnlich Liebe zu Slogans wie bei den frühen Tocotronic. Wurde bei Tocotronic aber der Slogan mit Witz transportiert, verstehen 1000 Robota keinen Spaß. Das ist nicht lustig, das ist die Jugend, die gegen das Eisentor tritt. Auch musikalisch fanden Tocotronic bei aller Barschheit immer zur Melodie zurück; doch bei 1000 Robota bleibt nur die Verstörung durch den Krach und die Leere. Exemplarisch kann auch ein Vergleich mit Gang-Of-Four-Gitarren herangezogen werden. Die Post-Punk-Band aus Leeds ist die wohl meistzitierte Band in den Indiediscos der letzten Jahre. Aber wo Maximo Park et al. sich auf die muskulösen Riffs ihrer Kanon-Songs wie „Damaged Goods“ rekurrieren, sind es bei 1000 Robota vielmehr die spindeldürren Gitarren aus den unbekannten Gang-Of-Four-Songs, die von der Rhythmus-Abteilung getragen werden und über die Anton Spielmann nun – oder eben Jon King früher – seine Texte proklamiert. Selbst wenn den Hamburgern eines dieser Gitarrenriffs tatsächlich mal godzillahaft groß wie in Arctic Monkeys Tanzflächenknallern gerät („Trocknet eure Tränen“), wird alle bierselige Verträglichkeit sofort durch den zweifachen, nie die Musik umschmeichelnden Gesang verboten.

Das überrascht umso mehr, weil 1000 Robota auf dem Tapete-Label erscheinen, das bisher als Hort der Lieben und Netten, als Heimstatt der Braven und Bescheidenen aufgefallen war. 1000 Robota sind all das gerade nicht. Sie polarisieren wie kaum eine zweite Band derzeit und sehen mit dem Selbstbewusstsein der Jugend auch gar nicht ein, hamburgische Harmonie zu verbreiten, sondern kotzen den Platzhirschen gern auch mal in die Tränke. Nicht umsonst hieß ihre erste EP „Hamburg brennt“.

Christian Ihle

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* Ich blicke an dir vorbei (hier)
* Trocknet Eure Tränen

1000 Robota im Popblog:
* Schmähkritik Nr. 110: Schmähkritiküber 1000 Robota
* Schmähkritik Nr. 118: 1000 Robota über die deutsche Musikszene

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Kommentare (9)

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  1. Arroganz ist doch nicht das Problem. Es ist die Dummheit der Kinder. Das hat mit Kunst und gelungener Inzenierung nichts zu tun, Heldner.
    Ferner funktioniert Musik+Text natürlich auch ohne weiteres Wissen über den Künstler.
    Ich bedauer sehr, dass ich die Platte nicht mehr losgelöst von meinem Hintergrundwissen genießen kann.

  2. bleibt natürlich noch zu fragen, welche Aussagekraft Musik und Texte von 1000Robota hätten, wenn sie brav und nett den üblichen Promo-Quatsch über sich ergehen ließen, als aufgeschlossene, wissendurstige Künstler .
    Die Arroganz nimmt man ihnen wenigstens ab, weil auch die Musik arrogant wirkt. Jede andere Kombi wäre blöder Unfug

  3. Mediengruppe platt? Jetzt verliert Herr Ihle den Verstand!
    1000 Robota: Schon ein paar sehr starke Songs, aber sobald man auch nur versehntlich eine Interviewzeile gelesen hat, sind sämtliche Sympathien aufgebraucht. Nur dumm.

  4. Ach, zu platt. Mediengruppe sind halt eher unterhaltsam, aber doch nicht platt. Zumindest nicht platter als 1000Robota (schröcklicher Name, ja), bei denen ja nun auch nicht direkt John Rawls-Lektüre durchschimmert. Da hat halt jemand Tocotronictexte mit Mediengruppebeats vermischt und macht jetzt einen auf Hank WIlliams III.

  5. Ich meine das Gebahren. Ich erwarte von einer Band um die 13 Jahre ja nicht Demut oder Respekt, gar nicht. Aber muss man gleich den dümmsten Weg zwischen prollig und schnöselig wählen? Eppendorfer Jugend.

  6. Für einen Mediengruppe-Vergleich sind mir 1000 Robota zu wenig platt. Außer beim Bandnamen.

    Erstaunlich übrigens, dass sie ausgerechnet Finkenauer (mit Ich Blicke An Dir Vorbei) covern. Den hätte ich überhaupt nicht in deren Ecke verortet. der typ aus diesen Stefan Raab Shows und dem Fettes Brot featuring…

  7. Das klingt auch bisweilen sehr wie Mediengruppe Telekommander ohne Witz und Charme.

  8. meinst du jetzt das Album/Texte oder Interviews, Auftreten und Gebahren? Bei letzterem würde ich dir recht geben.

  9. Ist das nicht alles sehr gewollt? Haben die nicht vor zwei Jahren noch selbst bei Kettcar heimlich geweint? Das Album ist schon gut, aber dieses Getue, albern und kindisch, nicht?