Im Plattenregal im September (3): The Streets, Noah & The Whale, PeterLicht

The Streets – Everything Is Borrowed

streets

Mike Skinner ist irgendwie zu beneiden. Dem konnte man beim Erwachsenwerden zuhören und zuschauen. Seit „Original Pirate Material“ aus dem Jahr 2002 hat er sich Schrittweise vom Grime- und Garage-Sound wegbewegt, sich stilistisch geöffnet, selbstreflektiert und neu erfunden. Sokrates lässt grüßen. Und der Witz dabei: Skinner ist keinen Deut schlechter geworden. Im Gegenteil. Das vierte und damit, wie angekündigt, vorletzte Album ist sein Bestes.

Stilistisch breiter aufgestellt als bei „The Hardest Way To Make An Easy Living“. Das neue Album ist noch eingängiger, noch einen Deut mehr relaxt. Da wird man richtig neidisch, wenn man Skinner mehr singen als rappen hört: „I came to this world with nothing / and I leave with nothing but love / everything else is just borrowed“. Neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht – es sei denn, man verinnerlicht sie auch. Und genau das hat der Londoner getan. Vorbei die Zeiten, in denen er zugedröhnt im Wohnzimmer rumlag oder dreist Mikrophone im Radio-Studio klaute. Skinner ist jetzt erwachsen. Und legt uns seine Bewußtseinserweiterung in Form von Jazz, Pop, Rock, Garage, Rap und Soul vor die Füße. Das muss nicht jeder mögen, vor allem nicht diejenigen, die in ihm noch immer die Hoffnung der Rap-Musik sehen. Alle anderen dürfen aber gern an seiner Metamorphose teilhaben. Und damit an einem der schönsten Alben des Jahres.

Anhören!
* Everything Is Borrowed
* The Way Of The Dodo
* On The Edge Of A Cliff

Im Netz:
* Indiepedia
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Noah And The Whale – Peaceful, The World Lays Me Down

Noah The Whale

Alle Welt suhlt sich im Zynismus – Finanzkrise, Krise der Musikindustrie, Lebenskrise. Zynismus überall. Selbst das vermeintliche Indie-Magazin „Pitchfork Media“ zerreißt mittlerweile genau die Bands, deren Alben sie vor 3 Jahren noch in den Himmel gelobt haben. Die Briten Noah and the Whale geraten jetzt auch unter die Räder. Pitchfork schreibt schonungslos: „generalities, ridiculous philosophical musings, utterly banal narrator, and, most damningly, no recognizable sense. of. humor. at. all.“

Dabei haben die Mittzwanziger um Charlie Fink diesen Zynismus gar nicht verdient. „Peaceful, The World Lays Me Down“ ist ein Debüt, das zwar wie so viele Indie-Folkpop-Alben spätestens in ein paar Monaten vergessen sein wird. Aber für den Moment reichen Songs wie „Five Years Time“ oder „Shape Of My Heart“ durchaus, um mit knallblauen Jackets und gelben Strümpfen durch die Suburbs zu streifen und fröhlich pfeifend Ukulele zu spielen. Genau so wie es Noah and the Whale tun. Harmlos, melancholisch, fröhlich – und natürlich auch berechnbar. Aber so herrlich naiv. Und die wundervolle Laura Marling hat bis vor kurzem auch noch mitgemischt. Alles keine schlechten Referenzen in Zeiten des Weltuntergangs. Und genau deshalb zu empfehlen.

Anhören!
* 2 Atoms In A Molecule
* Shape Of My Heart
* Five Years Time

Im Netz:
* Indiepedia
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PeterLicht – Melancholie & Gesellschaft

peterlicht

PeterLicht hat einen Schuss weg, sagen wir es doch einfach mal so wie es ist. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er auf sein neues Album, das vor Melancholie und hinterhältigem Witz nur so sprüht, einen Song packt, der grenzdebiler nicht sein kann. „Trennungssong“ singt von Babsi und Heiner, von Pelle und Bernd. Und irgendwie zerreißt es die Stimmung, so mitten im Album. Es dauert nicht lange – nur wenige Hördurchläufe – bis man diese voreilige Meinung revidieren möchte. Jeden Tag offenbaren sich neue Stellen des sechsten Albums als kratzbürstig, liebenswert, verschroben und einfühlsam.

Dazu die Musik: ein wenig reduzierter als auf „Lieder vom Ende des Kapitalismus“, dem Durchbruch des öffentlichkeitsscheuen Musikers. Das Klavier dominiert, eine Nummer wie „Wettentspannen“ sucht man hier vergebens. Dafür findet man Harmonien, Melodien und Songstrukturen, die in der hießigen Poplandschaft ungewöhnlich sind. Selten. Das gilt auch für PeterLichts‘ Texte. Seine Pamphlete verpackt er geschickt in verschachtelte, manchmal etwas anstrengende, oft aber überwältigende Poesie. „Ich denke / also bin ich / bin ich nicht! / und kauf‘ mir was“. Der gesichtslose Herr aus Köln wird immer sympathischer. Musikalisch wie textlich.

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* Alles was du siehst gehört dir
* Marketing
* Beiflichten

Im Netz:
* Indiepedia
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(alle Texte: Robert Heldner)

1 Kommentar

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  1. besten dank für das review, aber da vergessen sie doch glatt den IMHO besten song des neuen skinner-albums, welches ein mögliche taktik gegen die jüngsten erreignise des weltmarktes anbietet:

    „the escapist“ incl. genialem „low-tech“-musicvideo

    http://www.youtube.com/watch?v=y2c6g6eG1mQ

    cheers!
    daniel