Immergut. Tag 1: I kissed a girl.

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Nachder der Immergut-Erfinder Kemper angekündigt hat, dass er letztmals das Immergut mitveranstaltet, lag ein Hauch von Abschied über unserem Lieblingsfestival. Das Line-Up trug sein Scherflein bei: das hatte weniger mit einem interessanten Booking für ein Festival im Jahr 2009 zu tun, aber dafür umso mehr mit einer Art „Best Of Immergut 10 Jahre“. So war natürlich das Grand Hotel Van Cleef in großer Mannstärke vertreten und Die Sterne gaben den Zeltheadliner.

Doch zu Beginn erfreute zunächst ein junger deutscher Songwriter. A Golden Pony Boy, der mit seinem Conor-Oberst-bevor-der-die-elektrische-Gitarre-entdeckt-hatte-Sound zu den Nachmittagssonnenstrahlen ganz wunderbar aufspielte und sein Set mit „I Kissed A Girl“ von Kate Perry beschloss. Während A Golden Pony Boy ganz offensichtlich viel Freude am Immergut hatten, wirkte Tilman Rossmy wie ein alter Griesgram, den Musik spielen sehr sehr langweilt. Ob es daran liegt, dass Rossmys Songs ja auch immer sehr zurückgelehnt klingen, jedenfalls gibt sich hier Sound und Aussehen nichts – was aber nicht schlecht sein muss, wer will auch „Na Neustrelitz, seid Ihr auch gut drauf?“ – Ansagen vom Altmeister des deutschen Indiepops hören?

Die schrecklichen Viriginia Jetzt! konnte man gut auslassen und sich auf Olli Schulz wie immer sehr unterhaltsame Ansprachen freuen. Musikalisch erfindet der Gute die Welt nicht neu und auf die Länge eines ganzen Konzertes kann er schon auch öde werden, aber dafür ist an ihm ein Stand-Up-Comedian verloren gegangen. Die ganz große Show boten dann die ganz in weiß gekleideten Polarkreis 18, bei denen man aber schon feststellen muss, dass sie nicht viele Songs der Güte eines „The Colour Of Snow“ geschrieben haben. Und der weiße Zylinder des Bassisten ist zumindest grenzwertig. Oder besser: geht gar nicht.

Bodi Bill stachen dann regelrecht aus dem Immergut-Line-Up heraus und sorgten für angenehme Abwechslung mit ihrem treibenden Discosound, was natürlich auch The Whitest Boy Alive in relaxter Version ganz hervorragend spielten. Doch auch wenn der Tag mit den überraschend guten Frittenbude beschlossen wurde, die für die Generation Audiolith dann auch noch mal ordentlich auf die Kacke hauten, legten Die Sterne einen umjubelten Wahnsinnsauftritt hin. Die Hamburger spielten ein Best-Of-Set und wohl keiner, der in den letzten 20 Jahren deutschsprachige Gitarrenmusik gehört hat, kommt daran vorbei, bei „Universal Tellerwäscher“ oder „Trrrrmer“ glücklich zu grinsen.
Dass sie das Set mit einem erstaunlichen neuen 10-Minuten-Tanzsong, der an die „Wo ist hier“ – Zeiten erinnerte, beschlossen und sich dazu Erlend Oye für die Percussion auf die Bühne holten, zeigt dass sie nach mehreren amtlichen, aber auch nicht wirklich aufregenden Rockalben immer noch genug Leben im Tanzkörper haben, um noch ein paar Jährchen der Rente entgegenzuspielen.

Christian Ihle

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