Schmähkritik (207): Twitter
von Christian IhleDie ZEIT findet dieses Internet doof:
“Das Internet hat seinen nächsten Megahype: Twitter, eine Website, die gern als gelungene Mischung aus Blog und SMS-Dienst beschrieben und von mehr als 20 Millionen Menschen im Monat besucht wird. In Wirklichkeit ist sie aber nichts anderes als die Klowand des Internets. Wer vorbeikommt, hinterlässt einen kurzen Spruch, einen Gedanken oder eine Befindlichkeit, erlaubt sind maximal 140 Zeichen. Und wer sich für die – allein schon aus Platzgründen – inhaltsarmen Beiträge der anderen interessiert, kann sie abonnieren. Das ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen.
(…)
All das ist ungefähr so spannend, wie einer frisch gestrichenen Raufasertapete beim Trocknen zuzuschauen. Selbst wenn in Hintertupfingen jemand einen Furz lassen würde, wäre man auf Twitter live dabei. (In der Twitter-typischen Verbalakrobatik läse sich das so: »@all Luft abgelassen, erleichtert.«)
(…)
An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden.
(…)
Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme! Wer auch immer den nächsten Internetpreis angeboten bekommt, sollte es Marcel Reich-Ranicki gleichtun und ihn ablehnen. Twitter ist Grund genug.
(…)
Spätestens in Momenten wie diesem hofft man, dass endlich jemand ein Online-Pendant zu Scheuermilch erfindet, um das Netz von dem Geschmiere zu befreien.”
(Jens Uehlecke vergleicht DIE ZEIT) – Toilette mit Twitter)
Verwandte Schmähkritik:
* Nr. 168: Twitter versus SternOnline
Inhaltsverzeichnis:
* Die ersten 200 Folgen Schmähkritik
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“Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden.”
und genau das sehe ich als interessantesten aspekt. wie fad ist es bitte, immer die meinungen der gleichen selbsternannten experten für irgendwas zu hören? natürlich sind diese meinungen nicht immer die durchdachtesten und die twitter-meldungen nicht immer hochwertig, aber noch leichter als twitter kann man ja eigentlich nichts ignorieren.
Sehe ich genauso. Das einzige Anti-Twitter-Argument, das ich zulasse, ist, dass die erzwungene Verkürzung eine Vereinfachung provoziert. Andererseits könnte man allerdings selbst hier argumentieren, dass durch die Verkürzung ein konzises Schreiben erlernt wird.
Ansonsten gilt wohl wie für die meisten Netz-Sachen: es kommt darauf an, wie es genutzt wird. Es wäre sicherlich eine sinnvollere Kritik, sich Twitterer herauszusuchen, die man immer gerne liest – und die eben bei Twitter unerträglich schreiben. Dann könnte man das als Indiz gegen Twitter verwenden.
Generell gilt allerdings auf jeden Fall: Klowände sind unterschätzt.
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Sehr schöne Klowand-Beispiele, Herr Ihle!
Und alle selbst gesammelt!
Mein Liebling ist ja – trotz des Schreibfehlers – “Forget Holywood, This Is Wedding”.
http://tinyurl.com/nndk3g !
den find ich ja gerade wegen des schreibfehlers so super! ich glaub ich sammel jetzt auch klosprüche. vielleicht leg ich mir einen twitter-account an, um immer von meinen neuesten entdeckungen zu berichten. herr uehlecke würde das mögen, denk ich.
Das wäre natürlich schon irgendwie meta, wenn dich Uehlecke followen würde, wenn du Klosprüche twitterst.
Wäre auch ein interessantes Projekt: Männer- vs. Damentoilettensprüche. Weil ja jeder jeweils nur die eine Welt kennt. Und ob sich die eigentlich generell unterscheiden – oder eben doch nicht.
Und was machen wir mit Unisex-Toiletten?!
die gehen an die Unisex-TypInnen