Im Plattenregal im Mai (1): Jarvis Cocker, Artery

Jarvis Cocker – Further Complications

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Jarvis ist auf Krawall gebürstet. Und macht jetzt Grunge. Gibt dafür seinen Stil und seine Unfehlbarkeit auf. Behaupten die Gegner von „Further Complications“. Und das sind nicht wenige.

Jarvis hat ein wütendes Album gemacht. Sich dazu Steve Albini als Produzent ins Studio geholt. Der war schon bei Nirvana, Superchunk, den Stooges und den Pixies für das Raue im Sound verantwortlich, hat aber durchaus auch ein Händchen für Filigranes (siehe: Joanna Newsom). Aus Jarvis holte er die finstere Seele raus. Und verpackte die in lauten, verzerrten Gitarrenwänden. Wer Jarvis Cocker in den letzten Jahren mal live erlebt hatte, wusste, dass das durchaus im Sinne des Interpreten war. Schließlich schien im live kaum ein Song soviel Spaß gemacht zu haben, als die „Paranoid“-Coverversion, die er oft als letzte Zugabe zum Besten gab. Und die keinen Deut vom Original abwich. Jarvis Cocker als Ozzy Osbourne. Groß.

Um jetzt zu den „Further Complications-Gegnern zurückzukehren: Ich war nach den ersten paar Hördurchgängen auch einer von ihnen. Mochte die Wut des Albums nicht, denn Jarvis war immer der Inbegriff von Klasse, er schien sich nie aus der Ruhe bringen zu lassen. Stand über den Dingen, von denen er sang. Wusste auch, wie man austeilt, ohne dem Opfer ins Gesicht zu schreien. Und plötzlich wütet, schnaubt und fleht er. Doch bei genauerem Hinhören (also ab dem achten oder neunten Hördurchgang) kommt „Further Complications“ dann doch. Jarvis kämpft gegen die Gitarren an. Beide schaukeln sich hoch. Doch da hat er den Hörer eh schon im Sack. Denn: die Texte.

I never said I was deep, but I am profoundly shallow
My lack of knowledge is vast, and my horizons are narrow
I never said I was big, I never said that I was clever
And if you’re waiting to find what’s going on in my mind, you could be waiting forever –
Forever and ever

Oder wie es der schlacksige Brite in den Liner Notes treffend ausdrückt:
„And remember – it`s a complicated Boogie (& I don´t know any better)”
(Säm Wagner)

Anhören:
* Leftovers
* I Never Said I Was Deep

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Jarvis Cocker – Angela

Im Netz:
* MySpace
* Indiepedia

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Artery – Standing Still EP

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Bevor die Arctic Monkeys und ihre Epigonen Sheffield eine Zeit lang zum neuen London, zum Manchester des Jetzt machten, gab es schon einmal eine Zeit, in der die Stahlarbeiterstadt musikalisch den Takt im Königreich vorgab. Ende der 70er, Anfang der 80er, als Punk zu Post-Punk wurde und sich von dort aus weiter verästelte: Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire stehen für die harsche, dem industriellen Gestus der Stadt entsprechende Musik, ABC und Human League dagegen für den Eskapismus, der vielleicht zwangsläufig zwischen rauchenden Schlöten entstehen muss, und im Sommer des Hedonismus 1982 gipfelte.
Die Sheffielder Band Artery ist bis heute dagegen weitgehend vergessen, war aber ebenfalls zu jener Zeit aktiv und stellt in gewisser Weise einen Brückenkopf dar: klar vom (Post-)Punk beeinflusst, aber ohne jene metallische Kühle der Industrial-Vorreiter.
Nun veröffentlichen Artery eine EP mit neuen Songs, die an den Sound der frühen 80er anknüpft wie er gerade auch in Liverpool, einer anderen tendenziell eher unwirtlichen Stadt, gespielt wurde. Die frühen Teardrop Explodes und Echo & The Bunnymen in ihren Zoo Record Jahren, vielleicht auch The Chameleons können wir als Referenzkarten ziehen. Lediglich der letzte, sehr schön betitelte Song „Who’s Afraid of David Lynch?“ fällt mit seinem beschwingten, an Squeeze‘ New Wave oder die mittlere Blur-Phase erinnernten Elastsound aus der Reihe. Gute EP, die auch vor 30 Jahren so hätte erscheinen können. Und das ist als Kompliment zu verstehen. (Christian Ihle)

Anhören:
* Standing Still
* Who’s Afraid Of David Lynch

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Im Netz:
* MySpace

Kommentare (2)

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  1. meiner meinung nach (das review hat ja säm geschrieben) ist die neue Jarvis-Platte auch eher durchschnittlich. Am besten sind eben (leider?) doch die Songs, die am meisten nach dem klassischen Jarvis klingen: „Leftovers“ und „I Never Said I Was Deep“ – kein losrocken, sondern gute Texte mit einer Instrumentierung, die „Don’t Let Him Waste Your Time“ (vom solodebüt) oder „Something Changed“ (von der Different Class) nicht nachsteht.

  2. jarvis, meine güte! diese angela-video hielt ich nur bis 1:14 aus. es klingt wie brian ferry, der mal losrocken will. platt und peinlich hoch zehn. wenn der rest der platte auch so ist, dann gute nacht. wieder einer weniger, auf den man achten muss…