Oya-Festival, Tag 3: …in the middle of the street

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Man muss ja nicht immer auf die Lärmwand eindreschen, man kann es auch mal ruhig angehen und dann dem Pop hallo sagen: deshalb leiten wir den dritten Tag des Oya Festivals auch mit Beach House ein. DreamPop, der manche in Verzückung versetzt, aber durchaus auch ab und an ein bisschen mehr zugreifen dürfte. Vielleicht sollte Sängerin Victoria Legrand doch einmal ihrer Vorliebe für Britney Spears nachgeben („there’s nothing wrong about a good pop song“), wo sie sich schon mit dem Popblog das gleiche Britney-Lieblingslied teilt, wie wir bei einer gemeinsamen Shuttlebusfahrt feststellen durften.

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Etwas mehr dem klassischen Indiepop der Tweeprägung zugetan sind die Schweden von Hello Saferide, die uns vor allem mit dem wunderschön-traurigen „Anna“ erfreuten. Und mit einer an eine Exfreundin erinnernde Zweitvokalistin. Für mehr kurzhaarige Frauen auf internationalen Festivalbühnen!

Bei Gang Gang Dance hingegen wurde die alte Regel „never trust a band with bongos on stage“ befolgt und sich lieber einer verteufelt schwere Entscheidung zugewandt: Jay Reatard mit seinem 30-Songs-in-30-Minuten-Ramones-Gedenk-Programm oder der Popact des Festivals, Lily Allen? Wir gehen schweren Herzens zu Lily, weil „The Fear“ eben doch der Popsong des Jahres ist. Neben „The Fear“ überzeugt am meisten ihr Britney-Cover „Womanizer“, während vor allem die eigentlich guten Songs des ersten Albums etwas dünn im Sound von der Bühne schallen. Eher okay als wirklich gut – jedenfalls kein Vergleich mit dem Wahnsinnsauftritt des Popheadliners vom letzten Jahr, den irren N.E.R.D. Aber andererseits: immerhin absolviert Lily den Auftritt und bricht nicht heulend zusammen wie tags darauf in Helsinki.

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Zwischen dem Pop dieser Dekade und den Popveteranen der frühen 80er streuen wir aber noch einen Ausflug zum Vanilla Ice der Jetztzeit ein und schauen bei Asher Roth vorbei, der alle Erwartungen übertrifft und ein erstklassiges Partyhiphopset inklusive Crowdsurfing absolviert. Etwas bizarr zwar, als er seinen Kumpel Wale, der nachmittags bereits aufgespielt hat, auf die Bühne bat, damit dieser sechs Frauen aussuchte, die mit Asher auf der Bühne bootyshaken durften und gleich danach wieder von selbiger gescheucht wurden, aber im Grunde unterstreicht das nur noch einmal wie sehr ein Asher-Roth-Auftritt einer genau geplanten Partyattacke gleicht. There’s nothing wrong about a good pop gig.

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Noch über Lily Allen stehen Madness auf dem Programm. Und leise trug man schon die Hoffnung auf den einen oder anderen Nutty Dance und ein Feuerwerk an Hits in sich – gerade weil ja auch die Berichte über die Specials-Reunion aus England immer wieder begeisternd waren, auch wenn Madness natürlich schon damals nicht die Qualitäten der Specials hatten. Bekommen haben wir aber letzten Endes schon eine Enttäuschung: alte Männer in bestenfalls ordentlich sitzenden Anzügen spielen ihre Songs mit all dem Enthusiasmus den man nach ein paar Bier im Pub nebenan noch aufbringen kann. Ein Madnessgig ein House Of Fun? Schön wärs.
Wenn wir deprimiert werden wollen, dann lieber mit voller Absicht und so stürzen wir uns in die Oya Nacht, um die beiden blutjungen Schwedinnen von First Aid Kit zu erleben, die June Carter mit den Fleet Foxes kreuzen (und den Tiger Mountain Pheasant Song von letzteren gleich covern).

First Aid Kit

Beeindruckende Harmonien, reduziertes Spiel, minimalistischer Aufbau und alles so nah an den Wurzeln, dass man gar nicht verstehen kann, wie zwei derart junge Mädchen aus Schweden diese uramerikanische Musik, für die sich die meisten erst mit dem Alter interessieren, so brillant umsetzen können.

Die Stilkritik:
– Asher Roth: sieht eben aus wie der Collegekiffer von nebenan, der er wahrscheinlich auch ist.
– BeachHouse: die Sonnenbrille von Victoria Legrand? I Like.
– Madness: Eine Schönheit war Sänger Suggs ja noch nie, aber man kann auch nicht gerade sagen, dass er zu jenen Männern gehört, die mit dem Alter besser werden.
– Lily Allen: durchsichtiges Oberteil und 10 Zentimeter hohe Absätze – wers braucht.

(Text: Christian Ihle, Fotos: Isak Frøseth, Amund Ostbye, Erik Moholdt)

P.S.: um einen kleinen Eindruck von First Aid Kit zu bekommen, hier das Video zu ihrem Fleet-Foxes-Cover

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auch sehr zu empfehlen ist das Minialbum, das sie im letzten Jahr in Schweden veröffentlicht haben.

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