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vonChristian Ihle 10.10.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Manche Musiker bekommen von ihren Plattenfirmen die Pressetexte geschrieben, die sie verdienen. Im Begleitschreiben zur neuen CD der multiethnischen Schlager-Rap-Band Culcha Candela heißt es: „Kaum eine andere Band steht so typisch für das unbändige und vielschichtige Lebensgefühl und die Energie dieser Stadt und schafft es, auch die Einflüsse und Strömungen, die in diesem kulturellen Schmelztiegel vorhanden sind, in die so Culcha-typische Einheit zu verweben.“ Man ahnt, was das bedeuten soll: Grillfest-Musik mit tüchtig wummsenden Beats darunter und ordentlich Tschickatschacka obendrauf.


Doch halt: Culcha Candela sind auch knallharte Systemkritiker, klar. Das Infoschreiben weiß zu berichten, dass die Musiker „sich vielfältig hier und dort engagieren. Gegen Rassismus, für Bildung, gegen Armut, für Gerechtigkeit“. Dieses Engagement findet seinen künstlerischen Ausdruck derzeit unter anderem im Text der Single „Schöne neue Welt“, der einen Eindruck davon gibt, wie es wohl klänge, wenn Die Prinzen ein sozialkritisches Stück fürs Kinderfernsehen schreiben würden.(…)

Im Kölner E-Werk eröffnet die Band das zweite Konzert ihrer Tournee mit dem Stück „Chica“, einer lustig gemeinten, leider aber arg unlustigen und frappierend unsinnlichen Anmach-Nummer: „Hals über Kopf komm’ ich dir im Takt näher / Baby, du bist die Einzige mit diesem Flair.“ (…) Unfreiwillig komisch wird es, wenn Culcha Candela versuchen, den charmant pseudotribalistischen Großstadt-Pop von Seeed und den antiglobalistischen Reggae-Punk-Pop von Manu Chao auf Betriebsfestmucke zu strecken oder, erbarmungslos mit dem Multikulti-Banner wedelnd, Lebensfreude auf blubbernde Einfältigkeit herunterzukochen. Unerfreulicherweise gelingt ihnen beides sogar. (…) Dann hängt man sich Trommeln um und klopft sich etwas zusammen, das jede alternative Kölner Trommelgruppe beim Stadtteilfest origineller hinbekäme. „Köln, seid ihr bereit für eine bessere Zeit?“, brüllt darauf ein Bandmitglied ins Rund. „Steh auf“ heißt der Song und feiert in Worten, die sich nicht zwischen Achtziger-Jahre-Deutschrock-Karikatur und Poesiealbumseintrag entscheiden können, die Möglichkeit der Weltgestaltung.“


(Eric Pfeil in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)


Mit Dank an Thomas.


Inhaltsverzeichnis:
* Die ersten 200 Folgen Schmähkritik
* Wer disst wen?

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