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vonChristian Ihle 30.10.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Und die Angst, die Du fühlst,
ist das Geld, das Dir fehlt,
für den Preis, den Du zahlst

(Blumfeld, Sing Sing, 1994)

Ohne Geld keine Angst
Ohne Angst kein Geld
Kein Geld ohne Angst.
The Angst & The Money.

(Ja Panik, Alles hin hin hin, 2009)

15 Jahre sind vergangen seit Jochen Distelmeyer „Das ist soziale Marktwirtschaft: langweilig wird sie nie“ sang und an Aktualität hat jene Aussage im Lichte von Bankenkrise und Börsencrash nur weiter gewonnen. Auch Ja, Panik selbst formulierten vor zwei Jahren auf ihrem letzten Album noch „The Taste & The Money“ – der taste wurde bitter, es bleibt die angst. Und das Geld, als unveränderliche Konstante.

japanik

Es gibt noch einen anderen Zusammenhang zwischen Blumfeld und Ja, Panik. Betrachten wir die letzten 15 Jahre deutschsprachiger Musik, so sind Distelmeyer und Tocotronics von Lowtzow die beiden entscheidenden Figuren im Umgang mit deutscher Sprache in Songtexten.
Während Blumfeld (vor allem) auf L’Etat Et Moi einst Referenzkästen zimmerten, die so tief und schwarz waren, dass sich Hörer darin vollends verlieren konnten und die bewusste Sperrigkeit der frühen Hamburger Schule so durch immer wieder neue Impulse (pop-)kultureller, geschichtlicher oder politischer Querverweise aufluden, ging Dirk von Lowtzow zunächst den umgekehrten Weg und reduzierte mit größter Bravour seine Texte auf eine Sloganhaftigkeit, die oft zu kopieren versucht, aber nie von jemandem mit der gleichen Leichtigkeit erreicht wurde.

Andreas Spechtl fügt nun dem Referenzkasten und der Sloganbildung eine dritte Neuerung bei: eine poetische Zweisprachigkeit. Nie zuvor gelang es, in deutschen Texten derart behände zwischen deutschen und englischen Textbausteinen zu wechseln, einen Flow zu produzieren, der beide Sprachen gleichwertig nebeneinander aufbaut. Dass Spechtl nebenbei noch sowohl die Fähigkeit besitzt, Slogans von tocotronischer Güte zu schreiben als auch – gerade in den englischsprachigen Stellen – die Freude am Querverweis nicht verhehlen kann, ergänzt die These.

Das bereits sehr gelungene Vorgängeralbum „The Taste & The Money“ findet in „The Angst & The Money“ seine logische Fortsetzung, seine künstlerische Vollendung. Waren die englischen Textteile bei „The Taste…“ noch Einsprengsel, die auflockerten, sind sie auf „The Angst…“ nun notwendige Elemente, die den Lyrics Leben verleihen. Musikalisch sind Ja, Panik profesioneller denn je ohne ihre Kanten zu verlieren. Das Klavier brennt, Spechtl schreit uns entgegen, die Gitarren dürfen immer noch ab und an Punk sein – aber gleichzeitig finden sich auch Stücke, die ebenso gut vom späten von Lowtzow gesungen sein könnten. Sowohl das Tocotronic-Spätwerk als auch die theatralischen Ausflüge Phantom/Ghosts werden bei „Pardon“ zitiert – im Gegensatz zu von Lowtzow, dem in den letzten Jahren manchmal seine übergroße Ernsthaftigkeit im Weg zu stehen scheint, gelingt es Spechtl aber immer, die Theatralik eine Textwendung weiter zu brechen ohne sie zu entwerten. In „1000 Times“ schafft Spechtl ähnliches mit dem großen Rio Reiser. Mit seiner wilden Aufzählung „flüchtig hingemachte Männermenschen, surreale Frauenexistenzen, Kostverächter, Stiefellecker, blutbefleckte Weltverdrecker, Glückverbrecher, Scharlatane, glatt geschleckte Grobiane“ erinnert er zwangsläufig an Reisers „Menschenjäger“. Wo aber Rio immer mit einem Bein im Pathosbad stand, kontert Spechtl sich selbst mit dem – urplötzlich englischsprachigen – Slogan „you can tell me a thousand times better to be patient / I tell you in return, don’t hesitate, join the angst parade“ der das wunderbar Gedrechselte der vorigen Zeilen mit einem „Join The Angst Parade!“ auflöst.

Ja, Panik sind ein Glücksfall und haben mit diesem Album im Grunde eine solche Perfektion erlangt, dass es überaus interessant sein dürfte, wohin sie sich nun bewegen werden. Distelmeyer hat sich von „L’Etat Et Moi“ über den sophisticated pop von „Old Nobody“ zu den einfacher strukturierten Texten der jüngsten Alben entwickelt. Von Lowtzow ging den umgekehrten Weg und betonte die Rätselhaftigkeit, die in den scheinbar simplen Slogans der Frühzeit steckte, um sich den Verästelungen der Sprache zu ergeben.

Ja, Panik sind derzeit nicht nur die beste Band Österreichs, sondern des ganzen deutschsprachigen Raums und The Angst & The Money, ungeachtet aller Regeners und Distelmeyers, die in diesen Wochen ebenfalls ihre Alben veröffentlichen, das Album, das jeder hören sollte. Muss. (Christian Ihle)

Anhören!
* Die Luft ist dünn
* Ja, es stimmt
* Als habe ich…
* 1000 Times

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