Alben des Jahrzehnts – 2001: “Is This It” von The Strokes

A band like The Strokes only comes along once in a lifetime. You should be grateful that they’ve come along in yours. Auch abgesehen von persönlichen Vorlieben: es kann nur eine Platte des Jahrzehnts geben. „Is This It“ war eine Sensation, ein Erdbeben.

is this it

1999, 2000 war die Euphorie des Britpop längst gewichen, in den USA regierte mit Nu-Metal eine der grässlichsten Musikrichtungen die sich der Herrgott bis heute ausgedacht hat und niemand schien der guten alten Tante Rock’n’Roll wieder Leben einhauchen zu können. Dann hörte – so erzählt es zumindest die Legende – Geoff Travis, der Chef von Rough Trade Records, die erste Minute eines Demobandes einer New Yorker Gruppe, die noch nichts veröffentlicht, bis dato nur eine handvoll Liveauftritte absolvierte hatte und war sofort so hingerissen, dass er zum Telefonhörer griff und die Band unter Vertrag nahm. Exakt jenes Demotape sollte unverändert dann als „The Modern Age EP“ veröffentlicht werden und von nun an war nichts mehr wie zuvor.

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Kurios genug, da die Strokes ja nun wahrlich nichts neues machten, sondern vielmehr Lou Reeds Velvet Underground, Richard Hells „Blank Generation“ und den Minimalismus der Ramones für eine neue Generation, eine neue Zeit übersetzten – und dennoch war der Weg in die Reduktion, in das absolut ornamentfreie eine Bombe. Beinahe jede relevante Gitarrenband der nächsten Jahre war in der einen oder anderen Weise nur denkbar, weil die Strokes mit „Modern Age“ und dem Album „Is This It“ das rulebook of rock neu schrieben und 2001 zum neuen 1977 machten.

Der NME – und das muss man ihm auch einmal anrechnen, so oft er wegen des Anwerfens der Hypemaschine auch kritisiert wird – hob die Strokes noch vor der Veröffentlichung des Debütalbums auf ihr Titelbild, ließ Pennie „London Calling“ Smith die fünf New Yorker im last gang in town Style schwarz-weiß fotografieren und titelte: „The Strokes – Why New Yorks finest will change your life. Forever.“ Und ja: die Strokes veränderten Leben.

Als am 27. August 2001 das Debüt in den Läden stand, war die Erwartung so groß wie bei keinem anderen Album seit vielen vielen Jahren. In England hielten ausgerechnet die Clowns von Slipknot das Album vom verdienten Platz 1 ab, in Amerika wurde es bis in den Oktober hinein nicht veröffentlicht. Kommerzieller Erfolg und die Strokes sollte ein jahrelanges Missverständnis werden. Aber der kulturelle Einfluss kann gar nicht überschätzt werden. Ohne Strokes keine Libertines, kein Franz Ferdinand, keine Kings Of Leon, keine Arctic Monkeys.

All die Aufregung und mediales Dauerfeuer würden aber nicht ausreichen, „Is This It“ auch zehn Jahre später noch als generationsdefinierendes Meisterwerk zu sehen, wäre es nicht schlicht und einfach makellos. Das von Julian Casablancas allein geschriebene Album hat nicht nur eine Hitdichte wie kein anderes Album – welche Band konnte es sich schon erlauben, Songs wie „New York City Cops“ und (zunächst auch) „Last Nite“ lediglich als b-Seite zu verbraten? – sondern ist vor allem in seiner Konsistenz heute noch überwältigend. Diese 38 Minuten definierten auch deshalb die Nullerjahre, weil keine einzige Sekunde hier überflüssig war. Die Kunst des Verschwindens, des Weglassens perfektionierte diese junge Band in einer Art wie niemand mehr nach ihnen, auch sie selbst nicht.

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Ebenso passte die ganze Attitude der Strokes zu dem Minimalismus ihrer Songs. Die Bandfotos schienen wie die Musik aus einer anderen Zeit gefallen, als in New York noch das Herz der Musikwelt schlug, als das CBGB heimlich, still und sehr laut alles veränderte, was in den folgenden 30 Jahren mit Gitarre zu tun haben würde. Das Konzept der Strokes knüpfte an jene untergegangene Idee eines New Yorks vor der Gentrifizierung und Bürgermeister Giulianis Law-and-Order-Politik an, ein New York, das Simon Reynolds so beschrieb: if you were prepared to live somewhere that looked like Beirut, and where heroin was easier to buy than groceries, (New Yorks) Lower East Side was paradise.

Die Videoclips der jungen Band waren ebensolche Geniestreiche. „Last Nite“ war nichts weniger als ein Statement zum Echten, zum unverfälschten Rock’n’Roll. Live aufgenommen, einfach in ein 70er-Jahre-Fernsehstudio gestellt, gelingt es den Strokes eine solche Energie zu entwickeln, dass selbst ein kleiner Rempler von Casablancas gegen Hammond (1:39) oder ein Schlag gegen das Drumset (2:32) wie ein Aufruf zu den Waffen wirkte. Rocknroll war zurück und alle Baseball-Caps dieser Welt dürfen wieder gehen. Never mind Fred Durst – here are The Strokes.

In Videoclip Nummer Zwei zu der irrwitzigen Pophymne „Hard To Explain“ bastelte der Bruder von Sofia Coppola eine dreiminütige Bildmontage, die den euphorischen Rausch von Casablancas Song aufs wunderbarste wiedergab:

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Die Stärke von „Is This It“ liegt gerade in den Songs, die keine Singles wurden. Für jedes „Someday“ kann man eben auch noch ein „Trying Your Luck“ oder ein „Take It Or Leave It“ entdecken, die den ubiquitären Killersongs der Strokes in nichts nachstehen.

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„Is This It“ war’s tatsächlich – jenes seltene Ereignis eines perfekten Debütalbums. Um Greil Marcus zu paraphrasieren: Mit ihm war die Welt am Mittwoch nicht mehr dieselbe wie am Dienstag.

Es muss die Hölle sein, so etwas mit Anfang 20 zu vollbringen, wissend, dass man niemals besser werden wird als in diesem Moment. Jules Casablancas ist das anscheinend auch bewusst: insgesamt hat der gute Mann gerade einmal 38 Songs für die Strokes in diesem Jahrzehnt geschrieben. Der laziest man in rock. Andererseits hatte Casablancas auch eine so hohe interne Qualitätskontrolle, dass bis zur Veröffentlichung des dritten Albums kein einziger auch nur mittelmäßiger Song das Strokes-Haus verlassen hatte. Weniger ist mehr, auch hier. (Christian Ihle)

Das dachten damals die anderen:

in der Welt:
* NME: The Strokes – Is This It
* Pitchfork: The Microphones – The Glow, Pt. Two

in Deutschland:
* Spex: The Strokes – Is This It
* Intro: The Strokes – Is This It
* MusikExpress: Travis – The Invisible Band (The Strokes auf Platz 2)
* Rolling Stone: Pulp – We Love Life (The Strokes auf Platz 2)
* Visions: System Of A Down – Toxicity (The Strokes auf Platz 2)

Songs des Jahres:

* NME: Missy Elliott – Get Ur Freak On
* Spex: Missy Elliott – Get Ur Freak On
* Intro: Gorillaz – Clint Eastwood
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Kommentare (2)

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  1. Im Gitarrenkontext gibt es meiner Meinung nach tatsächlich keine „wichtigere“ Band als die Strokes in diesem Jahrzehnt. Schön war ja auch zu verfolgen, wie die Nullerjahre die alte Punkentwicklung noch einmal nachspielten. Sieht man die Strokes als die Velvets/CBGB-Punkexplosion, dann sprechen wir hier also von 1967-76, kamen die britischen Brüder angefixt hinterher (Libertines et al) und spiegelten so die damalige Punkentwicklung. Kaum waren US-„Punk“ und UK-„Punk“ en vogue, sprangen die Plattenfirmen im großen Maßstab auf und verwässerten den Ansatz in Richtung „New Wave“ (View, Rifles etc).
    Parallel entwickelte sich aber auch gleich wieder der Post-Punk-Rückgriff, der wiederum zuerst in New York am Start war (damals beispielsweise die No Wave Szene oder ESG und Konsorten, heute DFA mit Rapture, !!!, Radio 4 und LCD Soundsystem) worauf wiederum auf der anderen Seite des Atlantiks mit einem Rückgriff auf die eigenen Postpunkheroen geantwortet wurde (NIE waren Gang Of Four populärer als in den mittleren 00ern!). Franz Ferdinand brachten noch die schottische Schule (Postcard: von Orange Juice zu Josef K) mit ins Spiel, andere kaprizierten sich eher auf die eckigen GItarrenläufe von Gang Of Four, Wire und The Fall (die ganzen Angular Records Bands, das New Cross Phänomen).

    Nur: wo war die deutsche Antwort? Wo waren unsere Fehlfarben? Neubauten? DAFs? Von Spar waren für einen kurzen Moment ein helles Licht, ansonsten sind die besten Ansätze so schnell in der Feier des puren Hedonismus, in der Audiolithisierung der Jugendkultur gelandet, dass man sich im Nachhinein wirklich nicht mehr freuen kann. England hatte vor New Rave wenigstens ne Bloc Party im Maximo Park mit Franz Monkeys veranstaltet!

  2. Komischerweise scheint sich ja niemand für diesen interessanten Aufsatz zu interessieren, mich dagegen treiben die Thesen seit Wochen mehr als jede Pete-Doherty-Aktion um und dewegen bin ich jetzt auch viel zu spät dran… Besonders die Behauptungen, daß 2001 das neue 1977 gewesen wäre und die Strokes so unverfälscht, beschäftigen mich hier.

    Mich hat der Text ja sehr schnell überzeugt, und „Is This It“ muß auch deshalb das Album der Dekade sein, weil es sehr gut ein gewisses post-9/11-Lebensgefühl erfasst – also Flucht ins Private und die heile Vergangenheit zum Beispiel (man hat den Strokes seinerzeit ja auch Neokonservativismus bescheinigt [1]). Wenn 2001 also das neue 1977 war, und unauthentisch das neue authentisch (so wie 1977 eben häßlich das neue schön war), dann könnte man vielleicht sagen daß die Strokes die Sex Pistols ihrer Zeit waren, so wie die Sex Pistols mal die neuen Beatles waren. Das Hinken der Vergleiche sagt dann aber auch einiges aus.

    Andererseits befürchte ich, daß vielleicht doch eher so jemand wie Eminem wichtiger war als die Strokes.

    1) http://www.textezurkunst.de/55/eine-neokonservative-warenkunde/