vonChristian Ihle 12.12.2009

Monarchie & Alltag

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„Prechts wichtigstes Anliegen darin (Anm.: in seinem Buch „Liebe“) ist es, die Evolutionspsychologie und ihre Erklärungen menschlicher Sexualität und der Geschlechterbeziehungen zu verwerfen. In diesem Zusammenhang erklärt er auch gleich, weshalb die gesamte etablierte Evolutionsbiologie und Verhaltensbiologie falsch liegt – oder jedenfalls das, was der Autor dafür hält. Dies ist ein großer Unterschied, denn Richard David Precht kennt sich auf diesen Gebieten kaum besser aus als Oliver Pocher. (…)

Man macht sich nicht leicht eine Vorstellung von dem Bild, das Richard David Precht in „Liebe“ abgibt; vom schieren Ausmaß an Inkompetenz und großspuriger Besserwisserei, das dieses Buch durchsetzt. Es ist eine pseudowissenschaftliche Blamage. Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat, und sonnt sich im Triumph rhetorischer Fragen, die seine eigene Ahnungslosigkeit unerbittlicher offenlegen, als es jeder Kritiker könnte. Nicht einmal eine kurze Erklärung der Theorie der natürlichen Selektion mag dem Autor gelingen, ohne eine kognitive Mehrfachkarambolage hinzulegen.
(…)
Das alles beruht auf unverstandenen Versatzstücken aus dritter, bestenfalls zweiter Hand, frei zusammengereimt von Precht – aber immer, immer präsentiert im Übersichtsgestus des allwissenden Erzählonkels. Seine theoriegeschichtlichen Aussagen sind dabei oft genauso frei erfunden wie die absurden Strohmänner, die er konstruiert.
Nicht einmal von den meistzitierten, paradigmenstiftenden Klassikern der evolutionären Fachliteratur des letzten halben Jahrhunderts kann Precht reden, ohne sie falsch zu identifizieren, falschen Zeitabschnitten zuzuordnen oder einfach ihre Aussagen auf den Kopf zu stellen. Irgendwann ist man so weit, dass man fast Dankbarkeit empfindet, wenn Precht bloß die Anzahl der in einem Mannesleben produzierten Spermien um einen fünfstelligen Faktor zu gering beziffert und ansonsten keinen Schaden anrichtet.
(…)
Die im Untertitel behauptete Unordentlichkeit des Gefühls der Liebe offenbart sich dabei weitaus weniger als die Unordentlichkeit von Prechts geschwätziger Themenbehandlung. Und seine verstreuten Analyseansätze bleiben stümperhaft. Die Liebe sei, so betont Precht etwa, keine „Emotion“, nein, ein „Gefühl“. Gefühle seien „durchgängiger und langlebiger“ und „mit Vorstellungen verbunden“. Als paradigmatische Beispiele für Emotionen präsentiert uns Richard David Precht allen Ernstes: Müdigkeit, Hunger, Frieren, und sexuelle Gier – rohe Sinnesempfindungen und Triebe also, keine einzige Emotion. (…) Precht, Philosoph der Liebe, hat keinen Schimmer von der Forschung in der Philosophie der Emotionspsychologie.“

(Malte Dahlgrün in der Süddeutschen Zeitung über das Buch „Liebe – Ein unordentliches Gefühl.“ von Richard David Precht – im restlichen Artikel sind noch weit mehr Schmähungen verborgen, so dass ein Lesen des Originals dringend ans Herz gelegt wird)

(mit Dank!)

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kommentare

  • Haha @jeff 🙂

    geilstes Kommentar seit der Erfindung des Rades.
    Was der Herr über Egoismus zu sagen hat, ist übrigens
    scheinbar genauso schäbig.

  • Ihr seid doch nur neidisch, weil Precht so gut aussieht, hoch intelligent ist und dank (sowie verdient) durch sein literarisches Talent reich geworden ist.

    man sollte euch für eure unmenschlichkeit vergasen

  • wenn ich mir die kritik von dahlgrün über de waals und precht anschaue, dann habe ich zumindest das gefühl, das er sich zwar mit philosophie, psychologie, evolutionspsychologie und und und beschäftigt, aber von dem all selbst keinen schimmer hat. so wie der, der vor lauter bäumen den wald nicht sieht. ich kann mir garnicht vorstellen, dass er wirklich verstanden hat, warum der mensch so ist wie er ist, und vorallem warum er sich so verhält, wie er es tut. sonst würde er sich nicht so billig mokieren. immer ein armutszeugnis. da kann er noch so tolle wissenschaftliche arbeit leisten. wobei, von dahlgrün habe ich noch nie was gehört, ausser eben diese kritiken die unter die gürtellinie gehen.

    dahlgrün erinnert mich an einen kollegen, der pauschal gegen jeden ist, der scheinbar erfolgreicher ist, als er selbst.

    prechts und de waals bücher lesen sich wunderbar. precht hat überhaupt das interesse in mir für diese fragstellungen befacht. ich lese immer mehr darüber, und ich bilde mir mein eigenes bild darüber.
    das ist doch schon mal was.

    dahlgrün ist wie der lehrer der seine schüler nicht mitnimmt, im gegensatz zu precht.

  • ach ja, wie immer, wenn einer (precht) erfolgreich ist, dauert es nicht lange bis sich irgendwelche gescheiterten möchtgernintelektuelle daran profilieren wollen. schreibt eure eigenen texte anstatt vorhandenes sehr oberflächlich (!) zu verschmähen. ihr seid so peinlich.

  • Ich muss etwas korrigieren: Der Verfasser des Artikels in der SZ ist natürlich Malte Dahlgrün. Der Name unter der Überschrift hatte mich verwirrt.

  • Liebe Forum-Teilnehmer,

    ich hatte bereits nach dem Lesen der ersten beiden Kapitel den selben Eindruck, wie der Verfasser dieses Artikels, Herr Ihle.
    Die Lektüre des Kapitels:“Was Liebe mit Biologie zu tun hat.“ reichte aus, um mir den Eindruck zu vermitteln, dass hier ein grundsätzlicher Wissenschaftsfeind unter dem Deckmantel des Themas Liebe versucht die evolutionäre Psychologie, ja unterschwellig gar die gesamte Biologie, lächerlich zu machen und in den Dreck zu ziehen. Herr Precht beschäftigt sich auf eine solch oberflächliche Art und Weise mit der Evolutionstheorie, dass einem Naturwissenschaftler, wie mir, dabei nur schlecht werden kann.
    Der Vorwurf z.B. Dawkins würde seine Theorien nicht mit Beweisen untermauern ist an den Haaren herbeigezogen und wahrscheinlich einfach nur von Theologen übernommen, von denen ich diese Kritik mehr als einmal in genau dem gleichen Tonfall gehört habe.
    Bereits nach 51 Seiten durchgängiger Lektüre und ein paar Stellen folgender Seiten bin ich geneigt dieses Buch nicht zu Ende zu lesen, da mir dazu meine Zeit zu schade ist.
    Am Ende wird, so vermute ich, sein Buch auf die These hinauslaufen, dass Liebe ein rein menschliches, unbiologisches und unklares Gefühl sei, das Biologen unmöglich erklären könnten. Soziologen, Philosophen und Theologen dagegen schon. Ist ja auch klar, denn er sieht sich ja selber als ein Mitglied dieser geisteswissenschaftlichen Zünfte.
    Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin kein Kritiker der Soziologie, der Psychologie oder der Philosophie. Dies alles sind Fachgebiete, die einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Entwicklung der menschlichen Psyche leisten können und dies auch schon mehrfach getan haben. Deshalb sollte versucht werden zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften zu vermitteln, damit sich die Erkenntnisse ergänzen können.
    Genau das fordert Precht zu Beginn seines Buches, doch seine Forderung nach einer Brücke zwischen den Disziplinen ist hier ganz besonders heuchlerisch, denn auf den folgenden Seiten tut er das genaue Gegenteil. Er macht sich über Erkenntnisse aus den Bereichen der Anthropologie, der Soziobiologie und der evolutionären Psychologie ( Welche übrigens nicht dasselbe, wie die Soziobiologie ist! ) lustig und beschäftigt sich garnicht erst mit deren Theorien, sondern pickt sich einfach nur Beispiele heraus und veralbert sie. Übrigens ohne den Grund seiner Kritik zu nennen, sondern indem Precht sie einfach nur als „ziemlich drollige Idee“ ( S. 35 ) bezeichnet. Auch der ständige Konjunktiv mit dem Precht naturwissenschaftliche Thesen beschreibt und Sätze, wie:“Es ist schon ein kurioser Sport der evolutionären Psychologen überall steinzeitliche Verkehrsschilder aufzustellen […].“ bereiten mir Unbehagen, denn Precht lässt hier durchblicken, dass, nach seiner Meinung, evolut. Psychologen keine ernstzunehmenden Wissenschaftler, sondern einfach nur unterbeschäftigte Märchenerzähler seien.
    Als ich dachte, dass es nun eigentlich kaum noch schlimmer kommen könnte, griff Precht den Evolutionsbiologen und ehemaligen Oxford-Professor Dr. Richard Dawkins in einer Weise und mit einer Sprache an, die man zu Recht als Rufmord bezeichnen könnte:“Dawkins ist ein tief religiöser Atheist.“ ( S. 51 ), „In dieser Euphorie eines neuen angeblich sachlichen und wissenschaftlichen Blicks wurden die vielen klugen Einwände gegen den Dawkinswahn kaum gehört.“ ( S. 58 ). Precht setzt sich inhaltlich kaum mit Dawkins auseinander, sondern begnügt sich damit ihn zu beleidigen und als fanatischen Spinner hinzustellen, und dies tut er schon bevor er sich überhaupt mit seinen Thesen beschäftigt hat.
    Eines kann ich jetzt schon mit Sicherheit über Precht sagen: Hier schreibt ein Mann mit einem festgelegten Weltbild, der noch dazu keine Scheu besitzt andere Menschen ohne jeglichen Respekt zu behandeln und persönlich anzugreifen.
    Trotz aller negativen Eindrücke, die ich bisher über Richard David Precht sammeln musste, werde ich die Lektüre beenden, damit ich abschließend beurteilen kann, ob meine Einschätzung seiner Person wirklich gerechtfertigt ist, oder ob er sich auf den ersten Seiten einfach nur im Ton vergriffen hat.
    Ich werde darauf achten ob Precht noch weitere nahmhafte Wissenschaftler persönlich angreift, oder ob er sich endlich inhaltlich mit Ihnen beschäftigt. Des weiteren werde ich darauf achten, ob er der Soziologie und der Psychologie die gleiche Kritik zukommen lässt. Besonders den Einfluss der Theologie, die meiner Meinung nach in keinem wissenschaftlichen Werk etwas zu suchen hat, werde ich bemerken, wenn er auftritt. Letzeres hoffe ich wahrlich nicht, denn dann müsste ich das Buch vollkommen aus der Hand legen.

    grüße,

    Daniel

  • Vorab, ohne dieses Buch gelesen zu haben, ich kenne nur den Vorgänger, (und ohne Precht verteidigen zu wollen), aber Sätze wie der schon zitierte:
    “Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat, und sonnt sich im Triumph rhetorischer Fragen, die seine eigene Ahnungslosigkeit unerbittlicher offenlegen, als es jeder Kritiker könnte.”
    Oder: „Precht, Philosoph der Liebe, hat keinen Schimmer von der Forschung in der Philosophie der Emotionspsychologie.“, lassen vermuten der Angriff, der da gegen den ‚öffentlichen Philosophen‘ mit sehr viel rhetorischem Aufwand getrieben wird (der aber durch die banalen [Zwischen-]Überschriften beinahe verpufft oder den Vergleich zu O. Pocher, nicht weil er unangemessen wäre, sondern schlicht, weil er vermeintliche Klischees bedient), kommt aus eben diesen Wissenschaftsgebieten, die ein philosophisches Nachdenken auf ihrem ‚Hoheitsgebiet‘, das ansonsten vielleicht weniger mediale Aufmerksamkeit für sich verbürgen kann, nicht dulden. Zumindest in der Philosophie ist mir bislang ein Forschungsgebiet der EmotionsPSYCHOLOGIE (ja, was denn nun?) noch nicht begegnet. Anders (will man das unsinnige N-Wort nicht bemühen) kann ich den Verweis auf die Inszenierung von Prechts Person sowohl durch sich selbst als auch die Medien als – ich würde gar nicht mal ‚Philosoph‘ sagen, sondern ‚Intellektueller‘ nach französischem Vorbild – nicht deuten. Aus eigener Lektüreerfahrung des ersten ‚Bestsellers‘ kann ich nur sagen: NATÜRLICH ist er ein Blender, der sich brillant inszeniert und den die Medien als solchen gern ‚ins Programm nehmen‘ (zumal, wenn die Alternative die Ödnis/ die Alleinherrschaft des ‚Philosopischen Quartetts‘ bedeuten würde), inhaltlich war das erste Buch natürlich auch alles andere als eine ‚Einführung in die Philosophie‘, noch weniger, ‚philosophisch‘ zu denken oder gar, wie der Klappenrücktext Heidenreich zitierte, ein Wegweiser zum Glück. Aber das ist ‚Sophies Welt‘ ja auch nie gewesen. Klassisches Spiel der PR mit Rezeptionshaltungen/ -erwartungen seitens der intendierten Leserschaft, hier irreführend. Andererseits, was man dem Autor, ob er nun „nur“ ‚promovierter Germanist‘, was vermutlich Philosophie im zweiten Haupt- oder einem Nebenfach heißen soll, ist, gutschreiben muss (zumindest für dieses Buch): er ist ein guter Wissenschaftsjournalist, der (dort) vor allem das Grenzgebiet und die Grabenkämpfe zwischen Neurobiologie, Kognitionswissenschaften und den Philosophen verständlich (das schmäht man hierzulande eher, diskreditiert es als ‚Märchenonkelton‘, der aber in ‚Die Sendung mit der Maus‘ seit Jahren für die noch nicht über sich hinausgewachsenen Hirne prima funktioniert) und ansprechend aufgearbeitet hat. Die es gibt, und in denen Hirnforscher z.T. ganz ähnlich arrogant der Philosophenkaste gegenüber aufgetreten sind – wie dieser (sich selbst mehr als gefallende) Verriss. Das heißt nicht, dass die Philosophie blind wäre für Seitenblicke auf die Forschungsergebnisse anderer Disziplinen. Was sie dann m. E. jedoch auszeichnet ist, dass sie sich dann und wann ihrer alten Rolle als ‚Metawissenschaft‘ besinnt und diese eigen interpretiert/ die Deutungshoheit nicht einfach vermeintlichen Experten überlässt, sondern kritisch prüft/ Skepsis walten lässt.
    Für mich als Leser (aber auch Germanist), der das Buch nicht kennt, belegt Dahlgrün auch zu wenig am Text, wo genau hat Precht denn keinen ‚Schimmer‘? Die herausgepickten Textfetzen illustrieren dies nicht, sondern werden nur für den Verriss vereinahmt. Was ist denn die konkurierrende, ‚richtige‘ Auffassung von ‚Liebe‘. Kann es denn/ gibt es denn diese? Und wenn schon der Werdegang des Objekts der Kritik mit gegen dieses angeführt wird (macht es denn noch einen großen Unterschied, wo er nun die Doktorarbeit absolviert hat), wäre ein Hinweis auf den des Kritikers doch auch hilfreich, angebracht, zumindest redlich. Wenn hier ein Germanist über den anderen lästert – was hieße das für die Sache? So schlecht Prechts Buch auch sein mag, das hier, so schön es auch formuliert sein mag, schmäht eher seinen Verfasser.

  • „Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat, und sonnt sich im Triumph rhetorischer Fragen, die seine eigene Ahnungslosigkeit unerbittlicher offenlegen, als es jeder Kritiker könnte.“

    autsch!

  • Wirklich groß, auch der hier gekürzte Schluss: „Zudem gilt es, wesentliche Verhaltensaspekte der Liebe von kulturell variablen Aspekten zu isolieren. Das ist nicht trivial, und es ist nicht neu. Mit Sicherheit aber ist es keine Aufgabe für Richard David Precht.“

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