Berlinale (2): Candy Darling, Roman Polanskis Ghost Writer, Sex & Drugs & Rock & Roll

Ghost Writer

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1. Der Film in einem Satz:

Ein meisterhaft inszenierter Mainstream-Politthriller und zweistündiges Tony-Blair-Bashing.

2. Darum geht‘s:

Ein junger Autor wird damit beauftragt, das Biographie-Skript des jüngst abgetretenen britischen Premier Minister zu überarbeiten, weil dessen langjähriger Vertrauter und eigentliche Ghostwriter bei einem Unglück ums Leben gekommen ist. Wie immer ist nichts wie es scheint und ein Unglück nie nur ein Unglück, wenn wir uns in Politthrillersphären bewegen.

Besondere Relevanz gewinnt die unverholene Tony-Blair-Anspielung natürlich durch die zum Berlinale-Start gut getimten Aussagen Blairs vor einem britischen Untersuchungsausschuß, denn auch in „Ghost Writer“ geht es im Grunde um die Frage, inwieweit ein britischer Premier, der sich derart der amerikanischen Außenpolitik verschreibt, seinem eigenen Volk noch dienen kann.

„Ghost Writer“ erfindet sicherlich das Genre des Politthrillers nicht neu und mag manchmal hinsichtlich des Storytelling gar betulich, aus der Zeit gefallen unaufgeregt wirken, profitiert aber von zweierlei: einmal das brillante Casting, das nicht unbedingt die weltbesten Schauspieler versammeln mag, aber jeden Typ passsgenau besetzt. Brosnan als politisch dünner, aber gut aussehender und charismatischer Politiker ist ebenso überzeugend wie Ewan McGregors junger, im Grunde zunächst an Politik gänzlich desinteressierter Autor. Die Nebenrollen – von Olivia Williams zu einem wieder einmal szenenstehlenden Tom Wilkinson – tun ihr übriges.
Gerade weil aber das Skript in Zeiten von Politfilmen wie der Bourne-Trilogie (die Actionvariante) bis „In The Loop“ (die Comedy-Variante) kaum explosiv wirkt, ist es Polanskis meisterhafter, flüssiger Regie zu verdanken, dass „Ghost Writer“ dennoch von Anfang bis Ende überzeugt.

3. Der beste Moment:

Als Ewan McGregor Tom Wilkinson aufsucht, noch nicht wissend, ob Wilkinson sein „Deep Throat“ oder sein Untergang werden wird.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Freunde von Verschwörungstheorien, die noch dicke Bücher und nicht „das Internet“ lesen. (Christian Ihle)

* Regie: Roman Polanski
* imdb

Sex & Drugs & Rock & Roll

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1. Der Film in einem Satz:

Sex! Drugs! Rock! Roll!

2. Darum geht‘s:

Das Leben des Ian Dury! Als Kind mit Polio geschlagen, kämpft er gegen die Rolle des „Krüppels“ in der Gesellschaft, in dem er Entertainer, Performer wird. Zunächst mit seiner Pubrockband, hernach – im Zuge der Punkexplosion – mit Ian Dury & The Blockheads, die eine handvoll bis heute (hoffentlich, meine Lieben!) unvergessener Hits geschrieben haben: „Plaistow Patricia“, „Hit Me With Your Rhythm Stick“ und natürlich „Sex & Drugs & Rock & Roll“. Testament Ian Durys textlicher Stärke ist, wie wenig wir uns eine Zeit vorstellen können, in der die ewige Unterhaltungsbranchen-Catchphrase „Sex & Drugs & Rock & Roll“ nicht existierte!
Ian Dury selbst wird in Mat Whitcross Film (der letztes Jahr gemeinsam mit Michael Winterbottom die misslungene Naomi-Klein-Werbe-Doku „The Shock Doctrine“ auf der Berlinale präsentierte) ganz den Legenden entsprechend als Soziopath vor dem Herrn dargestellt – Whitcross vermeidet so eine übermäßige Glorifizierung. Da er Dury aber beinahe zur Karikatur verkommen lässt, verhindert er auch jegliche Empathie mit seiner Hauptfigur. Am gelungensten ist der Versuch, die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Ian und Sohn Baxter (der in der Zwischenzeit selbst ein hervorragender Songwriter ist) in den Mittelpunkt zu rücken. Wenn der Film ein Herz hat, dann schlägt es in diesen Szenen. Ansonsten bleibt ein wildes, hässliches, oft unangenehmes Biopic, das mehr zu anerkennendem Nicken verführt als zu emotionaler Begeisterung.

3. Der beste Moment:

Wenn Andy Serkis – früher Gollum, heute Ian Dury – sich von allen Fesseln befreit und derart täuschend echte Ian-Dury-Performances auf der Bühne hinlegt, dass man gar nicht glauben mag, dass es sich nicht um Archiv-Material handelt.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Blockheads und Pubrocker, die wissen, dass alles Schöne auch seine hässlichen Seiten hat. (Christian Ihle)

* Regie: Mat Whitecross
* imdb

Beautiful Darling (The Life And Times Of Candy Darling)

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1. Der Film in einem Satz

Das kurze Leben von Andy Warhols transsexuellem Factory-Girl Candy Darling aus der Sicht ihres besten Freundes.

2. Darum geht‘s:

1974 starb Candy Darling mit 29 Jahren an einem Tumor. Rund 30 Jahre später brachte ihr bester Freund Jeremiah Newton den Filmemacher James Rasin auf die Idee, ihr Leben zu dokumentieren. Als Candy Darling noch James Lawrence Slattery hieß, wollte er nur eines: weiblicher Hollywoodstar werden. Und das hat „sie“ geschafft. Candy Darling war Andy Warhols Muse und spielte in einigen seiner Filme mit. In Form einer Collage aus Fotos, Kassettenaufnahmen, Interviews, Briefen und Filmszenen begleitet die Doku eine außergewöhnliche Person, die trotz der Erfüllung ihres Jugendtraumes nicht glücklich war. In ihrem Abschiedsbrief schrieb Candy Darling, dass sie „zu Tode gelangweilt“ und ausgelaugt davon sei, im falschen Körper zu stecken. Ihr „Walk On The Wilde Side“ (Lou Reed schrieb seinen Song für Candy Darling) war grell und bunt, aber ziemlich kurz. Etwas mehr Kürze und Prägnanz hätte auch dem Film nicht geschadet – die Aussagen der Interviewpartner doppeln und ähneln sich ab einem gewissen Zeitpunkt doch sehr.

Die zweite Hauptperson neben Candy Darling ist Jeremiah Newton, der in Andy Warhols Factory ein- und ausgehen durfte. Sein persönlicher Blickwinkel ist es, der diesem Dokumentarfilm eine für sein Genre eher untypische Zärtlichkeit verleiht. Als die tragische Geschichte zu Ende erzählt ist, bringt es Jeremiah Newton dann auch endlich über sich, Candy Darlings Urne zu beerdigen, die er all die Jahre nicht weggeben konnte. Immer wieder schön sind die Einblicke in die New Yorker Bohème, weniger schön, dafür ziemlich ernüchternd ist es, die gealterten Szenemitglieder plötzlich mit Übergewicht, grauen Haaren und schlechten Zähnen zu sehen. Der körperliche Verfall ist immerhin eine Sache, die Warhols Musen Edie Sedgwick, Nico und Candy Darling aufgrund ihres frühen Todes erspart geblieben ist.

3. Bester Moment:

Jeremiah Newtons Katze verleiht der traurigen Geschichte unfreiwillige Komik: Als er eine Haarsträhne von Candy Darling in die Kamera hält, fängt das Tier an, damit herumzuspielen.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer den Spielfilm „Factory Girl“ zu oberflächlich fand, sich für die Andy-Warhol-Ära interessiert und Geschichten ohne Happy End wegstecken kann. (Silvia Weber)

* England
* Regie: James Rasin
* imdb

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