Berlinale (3): Banksys Exit Through The Gift Shop, Martin Scorseses Shutter Island, Submarino

Exit Through The Gift Shop

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1. Der Film in einem Satz:

Banksy Superstar.

2. Darum geht‘s:

Im Grunde ist „Exit Through The Gift Shop“ mindestens zwei Filme: zunächst eine Dokumentation über StreetArt und ihre wichtigsten Protagonisten der letzten zehn Jahre (vor allem Space Invader, Shepard Fairey sowie Banksy), der es hauptsächlich mit Archivmaterial gelingt, die Aufregung und den Adrenalinrausch der nächtlichen StreetArt-Aktionen zu vermitteln. Die Figur, die im Mittelpunkt des ganzen Films steht, ist allerdings weder Fairey noch Banksy sondern der in L.A. lebende Franzose Thierry Guetta der (wohl) sämtliches Archivmaterial gedreht hat. Nachdem Banksy im Film Guetta trifft, dreht sich das Leben des Franzosen wie der Inhalt des Films. Inspiriert von Banksy wird Guetta selbst zu einem StreetArt Künstler, zu Mr. Brainwash. Wer von den Besten lernt, will natürlich gleich hoch hinaus: statt sich auf der Straße Spaß und Erfahrung zu holen, startet MBW mehr oder minder gleich mit der größten StreetArt-Ausstellung, die Los Angeles je gesehen hat. Die fehlende Street Credibility holt er sich durch zwei Zitate von Fairey und Banksy, mit denen er seine Ausstellung bewirbt – und wird durch jene Stellvertreterqualität aus dem Nichts zum Coverstar, seine Ausstellung zu einem unfassbaren Hit und Guetta verkauft Werke im Wert von einer Million Dollar innerhalb der ersten Monate.

… wenn denn alles stimmt, was wir hören – denn, und dies mag in dem an Guerilla-Aktionen und Medienmanipulationen reichen Leben Banksys die Meisterleistung sein: was wenn Mr Brainwash nichts anderes als eine Banksy-Kunstfigur ist, wenn auch eine zugegebenermaßen sehr elaborierte? Dann wird der Film nicht nur eine tolle StreetArt-Doku, sondern vielmehr ein brillantes, raffiniertes Statement über den Kunstmarkt, die Medien und den Wert bzw. die Definition von Kunst an sich. Banksy hätte dann gezeigt, wie einfach sich der Kunstmarkt und die Medien manipulieren ließen – er hätte auch aufgezeigt, wie das Prinzip der Kopie arbeitet, wie Kitsch und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, wie es keinen objektiven Maßstab für Kunst geben kann, wie sie immer dem Kontext unterworfen ist und hätte zugleich noch die ewige Frage nach Authentizität und ihren Wert im Rahmen von Kunst gestellt. Und Damien Hirst eine Breitseite verpasst… Kurz: dann wäre Exit Through The Gift Shop einer der wichtigsten (und unterhaltsamsten!) Filme über Kunst überhaupt.

In einer extra für die Berlinale aufgenommenen Nachricht, die vor der Pressevorführung gezeigt wurde, spricht Banksy selbst diesen Vorwurf an: „As it turns out, some of the people don’t believe it anyway and they think the film is some kind of spoof. This is ironic because ‘Exit Through the Gift Shop’ is one of the most honest films you’ll ever see.“ – und auf eine verquere Art hat Banksy gerade dann recht, wenn die zweite Hälfte des Films gezielt gebaut wurde, denn so ehrlich – ohne anklagendes Fingerzeigen – hätte wohl noch niemand in einem Film über den Kunstmarkt, in dem Banksy selbst ein Star ist, gesprochen.

Doch neben all der Theorie und der Fragen, die man zwangsläufig nach diesem Film stellt, hat Banksys „Exit Through The Gift Shop“ auch genügend Humor, um den Film auf einer simpleren Ebene genauso funktionieren zu lassen, wie er bereits in seiner Ansprache beweist: „My ambition was to make a film that would do for graffiti art what ‘Karate Kid’ did for martial arts. A film that would get every school kid in the world picking up a spray can and having a go. As it turns out, i think we might have made a film that does for street art what ‘Jaws’ did for water sking.”“

Selbstredend existiert keine Erklärung Banksys zu der Fake-Frage, die über obiges Zitat hinausgeht. Shepard Fairey hingegen hat auf einer Podiumsdiskussion zugegeben, dass Mr Brainwash eigentlich Space Invader ist – was im Rahmen des Films Sinn ergibt, da Space Invader als „Cousin“ von Brainwash vorgestellt wird und zudem als einziger im ganzen Film – mit Ausnahme von Banksy – nie mit dem Gesicht zu sehen ist. Es scheint, als hätten sich die drei StreetArt-Künstler verbündet, um die Figur Mr Brainwash zu erschaffen – oder zumindest hätten Fairey und Banksy ihrem alten Kollegen Space Invader die Möglichkeit gegeben, ein alter ego zu erfinden und das mit der größtmöglichen Öffentlichkeitswirkung zu supporten. So oder so: well done!

(Anm.: im Video ist es missverständlich formuliert, man kann es durchaus auch so verstehen, dass die komplette Geschichte von „Exit…“ von Fairey bestätigt wird, siehe den ersten Kommentar unter diesem Post)

ab 6.30 Minuten:

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3. Der beste Moment:

Die Grundidee, die Grundidee!

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Hipster. Und Hipsterhasser. (Christian Ihle)

* Regie: Banksy
* imdb

Shutter Island

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1. Der Film in einem Satz:

Das Kabinett des Dr. Caligari auf der ungastlichsten Insel der Welt.

2. Darum geht‘s:

In Martin Scorseses Rückkehr zu seinen Thriller-Wurzeln wird Leonardo DiCaprio als US-Marshall mit seinem neuen Partner auf die Insel Shutter Island gebeten, um im dortigen Gefängnis-Irrenhaus die Flucht einer Insassin zu untersuchen. Die Pfleger scheinen nicht aufrichtig zu sein, die Leitung der Pflegeeinrichtung gar gegen die beiden US-Marshalls zu arbeiten. Leichter wird es für Leo auch dadurch nicht, dass ihn immer wieder Visionen seiner verstorbenen Frau heimsuchen…

Scorsese gelingt mit Shutter Island ein top ausgestatteter, sehr gut fotografierter Genrefilm. Wie schon bei Kap der Angst lehnt Scorsese hier deutlich mehr in eine Horrorrichtung als beim bodenständigen Gangsterfilm The Departed. Die Plottwists sind überzeugend und gut genug (manchmal vielleicht doch zu deutlich) vorbereitet als dass sie konstruiert klängen – so schafft Scorsese das Schwierigste in diesem Genre: eine überzeugende, schlüssige Auflösung. Kein Meisterwerk, aber ein unbedingt sehenswerter Film.

3. Der beste Moment:

Die erste Konfrontation zwischen DiCaprio und der grauen Eminenz der Nervenanstalt Max von Sydow, die immer wieder von Flashbacks zur Befreiung Dachaus durch DiCaprios Kompanie der US-Armee unterbrochen wird.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer weiß, dass die wirklich Gefahr im Kopf entsteht und es mag, wenn nichts ist, wie es scheint (keine Eulen allerdings am Start). (Christian Ihle)

* Regie: Martin Scorsese
* imdb

Submarino

sub

1. Der Film in einem Satz:

Die Folgen elterlichen Versagens in einer trostlosen Welt, bevölkert von kaputten Persönlichkeiten.

2. Darum geht’s:

Weil ihre Mutter aufgrund ihrer Alkoholsucht lebensunfähig ist, kümmern sich Nick und sein Bruder, beide selbst noch Kinder, um ihren Baby-Bruder. In einem Moment der Unachtsamkeit stirbt das Baby. Jahre später leidet Nick noch immer unter der Tragödie und flüchtet sich, genau wie seine Mutter damals, in den Rausch. Bei der Beerdigung der Mutter sieht er nach langer Zeit seinen Bruder wieder, der nach dem Tod seiner Frau alleinerziehender Vater eines Jungen ist. Und in seiner Sucht nach Rausch um einiges destruktiver als Nick: Er ist heroinabhängig. Im Handlungsverlauf sterben die Filmfiguren wie die Fliegen, sei es aus eigenem Verschulden oder durch Fremdeinflüsse. Thomas Vinterbergs Romanadaption ist der Alptraum eines jeden Vaters und jeder Mutter, dessen einzig positive Botschaft vielleicht der Aufruf zur Nächsten- und Selbstliebe sein kann.

„Submarino“ dauert quälende zwei Stunden – wie passend, dass der Filmtitel, zu Deutsch „U-Boot“ gleichzeitig der Name einer Foltermethode ist: Der Kopf des Opfers wird bis kurz vor dem Erstickungstod unter Wasser gehalten und im letzten Moment losgelassen. Ungefähr so muss sich das Leben der beiden Hauptfiguren anfühlen, die ihr ganzes verkorkstes Dasein über nach Luft strampeln, und einfach nicht nach oben kommen. Doch offenbar kann selbst ein Schwarzmaler wie Thomas Vinterberg nicht ohne einen kleinen Hoffnungsschimmer auskommen. Deshalb bleiben am Ende des Films immerhin zwei Familienmitglieder übrig.

3. Bester Moment des Films:

Nach Jahren der Distanz stehen sich die beiden Brüder im Knast gegenüber, getrennt durch die Gitterstäbe ihrer Zellen. Und erstaunlicherweise sind sie sich hier zum ersten Mal seit ihrem schrecklichen Kindheitserlebnis wieder nah.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Alle, denen Vinterbergs „Das Fest“ nicht aussichtslos genug war. (Silvia Weber)

* Regie: Thomas Vinterberg
* imdb

Kommentare (5)

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  1. Pingback: abenteuer street art « VEB wortfeile

  2. Zu „exit through the gift shop“. Damit hier keine Mythen entstehen, Fairey sagt, dass er Terry schon 10 Jahre kennt. Er will sagen, dass Terry Space invders Cousin ist, bevor er das wort Cousin sagt (wesentlich später) führt er lange aus, wer Space invader ist. Er wollte nie sagen, dass Space Invader und Terry eine Person sind. Er ist nicht blöd, sondern ein Marketing-Genie.

  3. Pingback: » Banksy Film - Blog – kinkimag.com

  4. Stimmt, kann man auch so verstehen. Danke für den Hinweis.

  5. Kurze Korrektur zu Christian Ihles Vermutung, bei Mr. Brainwash handele es sich um Space Invader: Fairey behauptet nie, Mr. Brainwash sei Space Invader, Ihle hat Fairey lediglich missverstanden. Fairey beginnt den Satz mit „He is.. .actually the artist space invader…“, erklärt wer dieser ist, fährt dann fort mit „He is space invaders cousin“ und bestätigt im folgenden mehrmals die Geschichte von „Exit through the Giftshop“