Blur: No Distance Left To Run (Regie: Dylan Southern)

Dass sich ausgerechnet Blur-Sänger Damon Albarn zu dem Typen im Musikbusiness entwickelt, der einfach alles richtig macht – wer hätte das vor 15 Jahren beim Kindergartenkleinkrieg aka The Battle Of Brit-Pop gedacht?

Nicht nur dass er mit The Good, The Bad & The Queen sowie Gorillaz gleich zwei neue Projekte erfunden hat, die jedes auf seine Art unverwechselbar und von immenser durchgängiger Qualität sind, nein, er hat sogar das eigentlich Unmögliche geschafft: eine würdevolle Reunion, die nicht nach Abzockerei roch, sondern nach dem tiefen Bedürfnis, einer Geschichte einen angemessenen Abschied zu bereiten, was insbesondere im neuen Dokumentarfilm über die Blur-Geschichte und – Reunion, „No Distance Left To Run“, deutlich wird.

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In gewisser Weise ist „No Distance Left To Run“ (benannt nach dem Schlussstück des „13“-Albums) eine Antwort auf „Starshaped“, jener legendären ersten Blur-Dokumentation von 1993, die in einem Moment gedreht wurde, als Blur am Ende schien. Damals hatte man nach erstem kommerziellen Erfolg als Madchester-Bandwagon-Jumper sich den Ruf eines Onehitwonders erworben, weil Nachfolgesingle „Popscene“ fürchterlich gefloppt war, hatte eine desaströse, nicht enden wollende US-Tournee hinter sich und steckte mitten in einem Beinahbankrott durch Managementbetrug. Kurz: eine junge Band am Rande des Zusammenbruchs. Dass aus dieser gleichen Band siebzehn Jahre später eine der meist verehrtesten Gruppen des Königreichs werden sollte, hätte man damals ums Leben nicht glauben wollen.

„No Distance“ erzählt nun zweierlei: einmal die Geschichte der Band, die klassischen Kennenlern- und Formierungsjahre, das Finden des eigenen Profils, die Katastrophe (die Starshaped-Years…), den beatlesesquen Erfolg in den Mitt-90ern und die Wandlung von Albarn und Gitarrist Graham Coxon zu Musikern, die mehr wollen als Erfolg und ausverkaufte Stadien – nämlich musikalisch ihre Grenzen auszuloten, nicht stehen bleiben, nicht dem Publikum einfach immer wieder das gleiche vorsetzen (ohne jetzt die alte Blur-vs-Oasis-Frage noch einmal aufrollen zu wollen…).
Parallel dazu entwickelt sich eine zweite Storyline, die von der Reunion-Tour im letzten Sommer erzählt, wie die früheren Freunde nach langen Jahren des Schweigens schüchtern wieder zu einander finden und den Entschluss fassen, Blur doch endlich einen Rahmen zum Abschied zu geben, den diese wundervollste britische Band der 90er Jahre auch verdient hat.

So entwickelt sich die Dokumentation mit seinen beiden kunstvoll ineinander verwobenen Geschichten einmal zu einer straighten Erzählung der Blur-Geschichte, die gleichzeitig dank der Reunion-Story aus heutiger Sicht schlüssig in Wort und Bild dokumentiert wird. Ein raffinierter Schachzug, der die historische wie die retrospektive Sicht einander gegenüberstellt und so auf natürliche Art die Weisheit des Alters die Wildheit der Jugend kommentieren lässt.

Alles kulminiert in einem Auftritt als Headliner beim Glastonbury Festival von 2009. Damon Albarn, immer als kalkulierender Zyniker verschrieen, wird von seinen Gefühlen übermannt und der Film schafft es, einen Moment im Bild festzuhalten, der berührend und erhebend zu gleich ist, den man normalerweise nur im tatsächlichen Live-Augenblick spüren kann. Minutenlang singen die Hundertausend zu Glastonbury, lange nachdem die Band bereits aufgehört hat zu spielen, noch jenen Zwiegesang zwischen Albarn und Coxon, der ihr „Tender“ durchzieht: „Come on, come on, come on…“ und „Oh my baby, oh my baby…“.

Ob es nun das Ende von Blur war oder ob sich die vier noch einmal für neue Aufnahmen zusammenraufen – man weiß es nicht. Man weiß aber zweierlei – war es das Ende, so war es das beste denkbare und sollte es weitergehen: Damon wird es richten. (Christian Ihle)

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