Oya-Festival Tag 1: Iggy comes to life.

Iggy: „Do you wanna take a trip with me?“
Publikum: „YEEEEEAAAAH!“
Iggy: „Alright! It’s a DEATH TRIP!“

Iggy

Iggy & The Stooges? Die kommen doch bestimmt schon mit Kruecken auf die Buehne!
Ehm, ja. Mike Watt, ehemaliger Minuteman und nun Teilzeit-Stooge kommt tatsaechlich mit Kruecken und einer dicken Knie-Bandage auf die Buehne gehumpelt. Erstaunlich genug dass er in breitbeiniger Haltung die folgenden 90 Minuten ohne Wehklagen durchsteht. Sein Arzt moechte man nicht sein…
Aber so sehr die Band auch mit dem laedierten Mike Watt und dem schmiergelpapierhaeutigen Iggy nach einem schlechten Filmscherz aussehen mag, so wenig aendert das am beeindruckenden Spiel. Wer in Song zwei „Search & Destroy“ heraushaut, bei Song drei die erste Stageinvasion hinter sich bringt, bei Song fuenf der reichlich versammelten Rock-Aristokratie (Pavement, Gaslight Anthem,…) am Buehnenrand den Mittelfinger zeigt und das Konzert mit „No Fun“ beendet, darf aussehen wie er will.
Neben einer beeindrucken Praesentation von „Open Up And Bleed“ (waehrend derer tatsaechlich ein Fan in der ersten Reihe den Rainald Goetz gibt und sich die Stirn aufschneidet!) ist es dann aber doch „I Wanna Be Your Dog“ vorbehalten, den Sethoehepunkt zu geben. Immer noch eines der besten Intros der Musikgeschichte, das von all seiner Malizioesitaet nichts verloren hat.

A propos „Aufschneiden“. Pink Eyes, Saenger von Fucked Up, blutet sich auch bisweilen durch seine Konzerte. Zwar erspart er sich und uns diesen Anblick am heutigen Tag, aber es ist bewunderswert wie Pink Eyes seine Taktik, jeden Zentimeter des Publikumbereichs eines Clubs waehrend seines Auftritts zu betreten, auch auf der zweitgroessten Festivalbuehne beibehaelt. Fuer nichtsahnende Vorbeiflanierer muss es schon ein gewisser Schrecken sein, wenn ein glatzkoepfiger, baertiger, sehr dicker Mann dir am Buehnenrand begegnet, um dir Kampfeslyrik ins Gesicht zu bruellen. Wie gehabt: voller Koerpereinsatz. Was bei diesem Koerper etwas heissen mag.

fuckedup

Auch aus dem Punkbereich moegen The Gaslight Anthem kommen und ihre Koerper sprechen via Tattoos noch diese Sprache, aber ohne Zweifel sind die Amerikaner nun in der grossen Liga des Stadionrock angekommen – was nicht als Kritik zu verstehen ist. Brian Fallon spielt seine dreiminuetigen, melodischwuchtigen Songs, die dafuer geschrieben wurden, vor Zehntausenden gesungen zu werden. Auf einem viel kleinerem Niveau hat auch Ariel Pink in den letzten ein, zwei Jahren einen Sprung gemacht: vom Ultra-Lo-Fi-Kuenstler zum Indie-Indie-Helden. Der heutige Auftritt wirkt aber bis auf wenige Songs blutleer. Zwar sicher halbprofessionell, aber ohne die Weirdness seiner Songs ausspielen zu koennen.

Ganz im Gegenteil die Norweger Megaphonic Thrift, die ein Gitarrengewitter vom Stapel lassen, das Kevin Shields hoch erfreuen wuerde – die nur eben mit weit groesserer Wucht ihre Songs heimpruegeln als es My Bloody Valentine je getan haetten. Hoehepunkt ist die abschliessende, wahrlich passend betitelte White-Noise-Orgie „Queen Of Noise“:

YouTube Preview Image
.
Ein unbedingter Tipp!

Zwiespaeltig faellt dagegen das Urteil ueber die von uns noch juengst anlaesslich ihres brillanten Debuts so hoch gelobten Sleigh Bells aus. Natuerlich ist ihre Show unterhaltsam und die Tracks immer noch gut – und gerade weil circa 90 % des Sounds vom Band kommt, koennen Sleigh Bells die Songs ja auch kaum ruinieren. Aber reicht es fuer ein Livekonzert wirklich aus, zwei Drittel der Lyrics selbst zu singen und nur die Lead-Riffs zu spielen, waehrend alles andere als backing track eingespielt wird? Zudem ist Saengerin Alexis Krauss bei aller bemuehten Partyaggressivitaet nunmal Welten von der beaengstigenden Praesenz einer Alice Castles entfernt. Krauss versprueht mehr den Charme einer betrunkenen amerikanischen Animierdame mit einem Hang zu geschmackloser Kleidung. Hatten wir beim Albumreview noch von White Stripes im Candyshop geschrieben, revidieren wir das Urteil fuer den Liveauftritt in White Trash im Junkshop.
Mama M.I.A., die die Sleigh Bells unter ihre Fittiche genommen hat, bringt dagegen einen soliden Partyauftritt als Headliner auf die Buehne. Mit einem fast zehnminuetigen DJ-Intro beginnt M.I.A. ihr Set, durch das sich die beiden beruehmten Soundeffekte aus „Paper Planes“ (die Kassiermaschine sowie das Waffenklicken) wie ein Leitmotiv ziehen, um dann – berechenbar aber nichts desto trotz hochwillkommen – mit eben jenem „Paper Planes“ auch den Abend yu beenden. Nur warum M.I.A. ausgerechnet ihr Quasi-Suicide-Cover „Born Free“, ihre heiss umstrittene erste Single, nur fuer 20 Sekunden anspielt, bleibt raetselhaft. Ist die Dame doch nicht so auf Krawall gebuerstet wie sie in Interviews und auf Twitter gern erscheinen mag?

mia

All der Krach und Schmutz und Staub des Tages verschwindet aber letztendlich, als wir uns in einen kleinen Club in Oslo zu einem Konzert von The Low Anthem einfinden, das von einer derart bezaubernden Intimitaet ist, dass man den vier Amerikanern Ewigkeiten zuhoeren moechte. Unmengen von Instrumenten, von denen die singende Saege noch das bekannteste sein duerfte, werden reihum benutzt, die Lead-Vocals getauscht oder gleich in Vierfach-Harmonien gesungen, von minimalistischsten, zarten, leisen Liedern im Handumdrehen in Percussiongewitter gewechselt. Ein so herausragendes Konzert, dass selbst ein einminuetiges Kontrabass-Solo offenen Szenenapplaus herausfordert. Bezaubernd, beruehrend, wunderbar. (Christian Ihle)

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Klingt so, als ob mir The Low Anthem gefallen könnten. Ich höre mir sie gleich mal an.