Oya Festival Tag 3: Curtain has fallen

lay in the park
smoke in the dark
get high like i used to do
summertime, soak up the sunshine with you

girls

Pustekuchen. Anfang August in Norwegen, nichts mit Sonnenschein, Sommerzeit, sondern vielmehr sinnflutartiger Dauerregen! Trotzdem lassen wir uns unsere liebsten Lo-Fi-Slacker aus San Francisco natürlich nicht entgehen und werden zunächst mit einem neuen Style überrascht: unser langhaariger Freund, Sänger Christopher Owens, tritt im schnieken Polohemd und mit neuer Kurzhaarfrisur auf! Ansonsten spielen die Girls wie immer im Grunde zwei Sets: die ersten zwei Drittel bestehen ausschließlich aus Dreampop, der in seiner Häufung doch durchaus an der Grenze zur Langeweile entlang tänzelt, um im letzten Drittel dann recht unvermittelt mit der Abfolge Lust For Life – Hellhole Ratrace – Morning Light – Big Bad Motherfucker die Shoegazewand auf der Festivalbühne aufzubauen und einen doch wieder zu überzeugen. Nein: wegzublasen!

Einfacher machen es einem da Die Antwoord aus Südafrika, bei denen die Jury immer noch zu entscheiden hat, ob es sich um einen sehr gut gemachten Witz oder eine ernsthafte Band handelt. Um Shane MacGowan zu paraphrasieren: „Die Antwoord? I haven’t even got a question”.
Nach dieser Liveperformance bleibt zumindest zu konstatieren: wenn Die Antwoord ein Witz sein sollte, dann können sich echte Bands warm anziehen, denn ein viel begeisternderes Electro-Hip-Hop-Set ist schwer vorzustellen. Rapper Ninja besitzt bei aller White-Trash-Seligkeit die nötigen Skillz, die Songs zu tragen, die Beats sind allesamt erstklassig und lediglich Sängerin Yo-Landi trägt zum Sound der Band nichts Substantielles bei und verharrt tatsächlich auf Witzfigur-Charakter. Wobei man auch ihr zugestehen muss, dass sie die Sexyness des White Trash in einer Art parodiert (?), die beispielsweise der Sleigh Bells Sängerin abgeht. Ein ekstatisches norwegisches Publikum verabschiedet Die Antwoord mit tosendem Applaus – woraufhin sich die Südafrikaner wohl dachten, das soll noch nicht alles gewesen sein und überraschenderweise einige Stunden später in Pokemon-Schlafanzügen die Bühne bei Diplos Major-Lazer-Set stürmen – und man muss es so sagen – dessen Auftritt retten. Vor Die Antwoord: ein DJ-Set mit schwer erträglichem MC in Army-Kleidung, der Party-Sexismus in neue Tiefen führt.

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Ab Die Antwoord: eine einzige Feier, befeuert durch Rihanna-Stücke und – tatsächlich – „All That She Wants“ der schwedischen 90ies-Megapopper Ace Of Base, die Diplo vermutlich im festen Glauben aufgelegt hat, dass Schweden die Hauptstadt von Norwegen sei, oder so ähnlich.

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La Roux liefert dem gegenüber ein unspektakuläres Set ab. Wo doch in der Zwischenzeit Einverständnis darüber herrschen dürfte, dass ihre letztjährige Platte eines der besten Popalben der jüngeren Vergangenheit war, polarisiert Ellie Jackson ob ihres sirenenhaften Singorgans bei Liveauftritten immer noch. Nach anfänglichen Wacklern stabilisiert Jackson ihre Performance und hat spätestens mit „Bulletproof“ die Masse im Griff. Das Rolling Stones- Cover „Under My Thumb“ stellt sich als interessante Aufarbeitung dar – eher in Richtung minimalistischer Electro-Track gedreht als die Rockgöre der Marke Pink auf die Bühne zu lassen, ist dabei sicher eine gute Idee. Trotzdem: das beste „Under My Thumb“ – Cover kommt natürlich immer noch von Social Distortion.

flaming lips

Die Flaming Lips bevorzugen dagegen Bühnenfirlefanz wie man ihn so noch nicht gesehen hat. Konfettikanonen, aufblasbare Bälle mit Menschen drin, Kunstblut… alles, was man sich immer schön vorstellt, wenn man an Flaming Lips – Konzerte denkt, wird auch tatsächlich eingelöst. Dass die Guten im Endeffekt nur drei wirklich herausragende Songs spielen, geht in all dem Spaß unter. Die Elder Statesclowns of Indierock bringen immer noch den besten Hippie-Kindergeburtstag der Branche auf die Bühne.

Ähnlich stark dem Publikum Unterhaltung zu bieten fühlen sich offensichtlich The Specials verpflichtet. Gerade bei dem immer etwas hyperkinetischen Ska-Sound sollte es doch gerade nicht erfreuen, wenn 50jährige auf der Bühne skanken als gäbe es kein Morgen mehr, aber selbst dem größten Zyniker geht das Herz auf, wenn man die alten Engländer mit so viel Freude ihre Hits, Hits, Hits spielen hört. The Specials, bis auf Mastermind Jerry Dammers in Originalbesetzung aufgetreten, spielen vor dem wohl härtesten Fan-Kern. Bei keiner anderen Band des Wochenendes konnte man dem Publikum dermaßen ansehen, dass es ausschließlich wegen einer Band gekommen war – um nach 26 langen Jahren wieder die Heroen des 2Tone Sounds auf der Bühne sehen zu können. Fred Perry und Ben Shermans wohin man blickt, working class skin style quer durch alle Altersgruppen.

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Vom ersten bis zum letzten Takt ein makelloses Konzert. Auf die Bühne kommen die Specials zu den Klängen von Toots & Maytals „54-46 Is My Number“, spielen bis auf „Ghost Town“ wirklich alle Klassiker und beenden das Konzert, passend, mit „You’re Wondering Now“. Mit Freuden- und Abschiedstränen in den Augen umarmen sich wildfremde Skinheads, trollt sich die Fred-Perry-Crowd, wird die Idee der gemeinsamen Welt für ein paar Sekunden greifbar, singen wir leise unaufhörlich „Curtain has fallen, now you’re on your own, I won’t return, forever you will wait / You’re wondering now, what to do, now you know this is the end” vor uns hin. Könnte man sich einen schöneren Abschluss für ein wunderbares Festival denken? (Christian Ihle)

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(Fotos: Bjørnar Håland, Jan Erik Svendsen, Amund Ostbye,Isak Frøseth, Steffen Rikenberg)

Kommentare (5)

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  1. Das war leider am letzten Tag des Festivals, da musste ich vorher schon abreisen…

  2. Der Höhepunkt des dritten Festivaltages — das „Timothy’s monster“ Set der Norweger MOTORPSYCHO — wurde leider nicht mit einem einzigen Wort erwähnt…?!

  3. Ah gut zu wissen. Dachte das wäre nur eine Konzession an Skandinavien gewesen.

  4. „All That She Wants“ spielt Diplo eigentlich in allen Sets – mit Recht!