Schmähkritik (372): Schriftsteller Helmut Krausser über Oasis und Nirvana

In einem Beitrag zur „Musik der 90er“ für den Rolling Stone zeigt sich Schriftsteller Helmut Krausser wenig begeistert von den beiden das Jahrzehnt definierenden Gitarrenrockbands:

„Kunst wich zunehmend einer profitorientierten Künstlichkeit. Bedeutung wurde zunehmend durch Verkaufszahlen bestimmt. Eine mittelmäßige Band wie Oasis konnte sich mit einem halbwegs gelungenen Album als Heilsbringer gerieren, und Hand aufs Herz – wo würde Nirvana heute im Ranking stehen, hätte Kurt Cobain sich nicht im günstigsten Moment die Kugel gegeben?“


(Helmut Krausser im Rolling Stone)

Inhaltsverzeichnis:
* Die ersten 300 Folgen Schmähkritik
* Wer disst wen?

Kommentare (7)

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  1. Es ist doch immer wieder interessant zu lesen, wie unterschiedlich die Vergangenheit wahrgenommen bzw. nachbetrachtet wird. Gerade Oasis und Nirvana eine profitorientierte Künstlichkeit zu unterstellen, befremdet mich doch sehr. Hier gibt es doch deutlich bessere Beispiele (z.B. Boybands wie Take That oder abgehallfterte „Künstler“ à la Bryan Adams, Bon Jovi, Mariah Carey …).
    Die 90er Jahre waren meiner Meinung nach ein musikalisch sehr interessantes Jahrzehnt, weil eine Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Genres und Subkulturen stattfand. Dies führte auch zu interessanten musikalischen Mischformen von elektronischer und „handgemachter“ Musik (Das war in den 80er Jahren noch weitgehend tabu).

  2. Wo Nirvana heute stehen würden werden wir leider nicht erfahren. Fest steht dagegen dass Nevermind die Musikindustrie gewaltig verändert hat und damit auf lange Zeit erst den Markt für alternative Gitarrenmusik und gewachsene/ authentische acts (die vor ’91 zwischen traditionellen Großpopstars und Retortenquatsch praktisch nicht im Mainstream vertreten waren) geöffnet haben.

    Wer aus dem nichts heraus mit einer Musikrichtung die vorher nicht in den Charts existiert hat genügend Menschen berührt um in wer weiss wie vielen Ländern auf Platz 1 zu stehen, dem sollte doch -wie jedem anderen Depressiven auch- zumindest zugestanden sein nicht mit dieser wiederlichen Süffisanz auf den Umstand reduziert zu werden dass sein Leben ein so trauriges Ende genommen hat.

    Klar, Mainstream-Kunst bemisst sich in unserer Kultur nicht erst seit den 90ern in Verkaufszahlen und die Professionalisierung sämtlicher Kunstbetriebe sorgt mindestens ebensolange dafür, dass sich die Betriebswirtschaftsbanausen an die Pforten der Verbreitung stellen und frech die Hand aufhalten. Umso respektabler die Leistung, ein authentisches, vorab wenig erfolgversprechendes Stück Musik durch diese Kanäle hindurchgeschleust zu bekommen.

    Von jemandem der ebenso verdient wie erfolgreich Romane und Filmlizenzen verkauft hat würde ich mir bei seinen Ausflügen in die Musik- und Popkulturkritik einen deutlich reflektierteren Blick auf das Thema Kunst und Kommerz wünschen.

  3. Finde man kann sich da schon Gedanken drüber machen… im Gegensatz zu den großen Toten des Rock früherer Generationen konnte Kurt Cobain schon wissen, was das bedeuten wird.

  4. Ob diese beiden Bands die stilprägendsten waren, das weiss ich nicht. Was ist mit Pavement , was ist mit Radiohead, was ist mit Rage Against the Machine ? Sicherlich sind erstgenannte keine „Gitarrenrockbands“, aber das ist Oasis wie ich finde auch nicht.

    Die Dekade hat gute Künstler hervorgebracht, zweifelsohne.

  5. Zumal Krausser sich in Sachen „Künstlichkeit statt Kunst“ gerade melden muss; oder gerade lieber nicht.

  6. Ich mochte Cobain und das Unplugged-Album von Nirvana auch. Sein Selbstmord ist eine traurige Geschichte ja. Aber man wird diesen Suizid, der in der Tat nicht etwa auf dem absteigenden Ast geschah, ja noch mal auf seine mediale Wirkung hin betrachten dürfen. Die Popularität der Band wäre ohne Cobains Tod nicht annähernd dieselbe, mehr wollte ich nicht sagen. Makaber sind eher die Antworten vieler jugendlicher Fans in den Neunzigern. Gefragt, was sie an Cobain toll fanden, sagten sie: „Daß er sich erschossen hat.“

  7. Nirvanas letztes reguläres Album war immerhin ihr Bestes. Cobain hat sich nicht in einem „günstigen Moment“ die Kugel gegeben, er hat sich umgebracht und das ist eine sehr traurige Geschichte. Darüber zu schreiben als wäre dies ja eigentlich ganz passend… wie Makaber das Pop-Kritikertum doch sein kann – kein Unterschied zum alltäglichen Medienklatsch. Ohrfeigenwürdig.