Die zehn besten Popsongs 2010

Bevor wir in den folgenden Tagen die Liste der zehn besten Songs des Jahres veröffentlichen noch einmal ein Blick zurück in das Reich der Hitparaden: welche zehn Songs waren gut und erfolgreich?
Im letzten Jahr riefen wir noch überrascht „kaum sind die Charts nicht mehr relevant, werden sie richtig gut“ aus, was sich 2010 leider nicht ganz bestätigte, aber dennoch waren neben einem immer weiter wachsenden Song aus dem Vorjahr (ehrenvolle Verneigung ganz am Ende dieses Textes) doch zehn, zwanzig kleine Goldstückchen in den Charts vertreten.

10. Kylie Minogue: „All The Lovers“

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Beginnen wollen wir mit einer Altmeisterin, die im Gegensatz zu Madonna nach den frühen Teenie-Jahren nie wieder peinlich wurde, sondern seit gut 15 Jahren nun konstant krediblen Pop produziert. Zwar war „All The Lovers“ nicht mehr auf dem Dekaden-Song-Erfolgsniveau wie „Can’t Get You Out Off My Head“ aber im besten petshopboys Sinne erwachsener Pop!

Charts:
D: 10 / UK: 3

9. The Ting Tings: Hands


Die Ting Tings waren vor drei Jahren eine der überraschenderen Poperfolgsgeschichten mit dem brillanten „What’s My Name“ (2007 unsere #4) und dem nicht minder überzeugenden „Shut Up And Let Go“ (2008 unsere #4). Für ihr zweites Album zogen die beiden Tings für ein halbes Jahr nach Berlin und produzierten ihre erste Single „Hands“ in der deutschen Hauptstadt – kurzzeitig spielten sie den Gedanken, aufgrund ihrer deutschen „Herkunft“ die Single „Hans“ zu nennen, wie sie dem NME augenzwinkernd erzählten. Im Vergleich mit dem recht ähnlich klingenden Mark-Ronson-Versuch „Bang Bang Bang“ der bessere 80ies-Pop-Pastiche.

Charts:
D: – / UK: 29

8. Kanye West: Monster


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Es ist fast ein wenig beängstigend, wie sehr die sich eigentlich als cutting edge Magazine verstehenden Bannerträger des Indierock von Pitchfork über Popmatters zu NME das neue Kanye West – Album abfeierten und mit Top-Jahreschart-Platzierungen um sich warfen. Dabei ist Kanye bei weitem nicht mehr so gut wie noch zu „Gold Digger“- Zeiten und ohne Zweifel von einem Be-Here-Now-Virus befallen: selbstgefällige Songs mit 5 bis 10 Minuten Spieldauer geben sich auf „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ die Hand. Trotz aller zu kritisierender Exuberanz zeigt West aber erneut, dass er nach Jay-Z die besten Tracks veröffentlicht. Höhepunkt war sicher das – für die Maßstäbe dieses Albums – beinah minimalistische „Monster“, bei dem nicht nur der König Jay-Z selbst, sondern auch der neue Megastar des Hip-Hop-Gewerbes Nicki Minaj und der alte Einsamehüttenfolksänger Bon Iver unserem Kanye unter die Arme griffen.

Charts:
US: 18 / UK: 146

7. Rihanna: Rude Boy


Mit geradezu calvinistischer Arbeitsethik feuert Rihanna ein Album nach dem nächsten auf die willigen Käufermassen. Während das neue Album „Loud“ bisher nicht wirklich überzeugen konnte (was dem kommerziellen Erfolg keinen Abbruch tat), war es die die zu Beginn des Jahres veröffentlichte späte Single des Vorgängerwerkes „Rude Boy“, die bleibenden Eindruck hinterließ.

Charts:
D: 4 / UK: 2 / US: 1

6. HURTS: Wonderful Life


Als wir im Januar HURTS als Jahrestipp benannten, sahen wir zwar ein enormes Potential für ihren klassisch-bombastischen Mitt-80-er-Pop geradewegs aus der „Actually“-Küche der Pet Shop Boys, aber ein wochenlanger Platz 2 in den deutschen Single-Charts hat dann auch uns überrascht. So ist die kuriose Situation enstanden, dass HURTS tatsächlich in Deutschland mit weit größeren Ruhm bedacht wurden als im britischen Heimatland…

Charts:
D: 2 / UK: 21

5. Lady Gaga: Telephone


Und es hört nicht auf. Bis heute hat Lady Gaga noch keine einzige mittelmäßige Single veröffentlicht, dafür aber einen Jahrzehntsong („Bad Romance“) und ein das Wort Ubiquität neu definierendes Lied („Pokerface“). Auch die beiden diesjährigen Singles, der Europop „Alejandro“ sowie der brillante Stampfer „Telephone“, lassen die Gier nach neuen Gaga-Songs nicht abreissen. Ein bemerkenswertes Video und ein ausnahmsweise geglückter Gastauftritt von Beyonce tun ihr übriges. „Telephone“ mag vielleicht kein neues „Bad Romance“ sein, ist aber mit Sicherheit besserer Pop als praktisch alles, was sonst Acts mit einer derartigen weltweiten Dominanz veröffentlichen. Die Gaga-Hegemonie geht weiter und wir bereitwilligen worshippen in der Church of Gaga.

Charts:
D: 3 / UK: 1 / US: 3

4. Aloe Blacc: I Need A Dollar


Während man sich in England mit Plan B herumplagen musste, der dank eines bizarren Soul-Hiphop-Crossover-Albums als männlicher Amy Winehouse besetzt wird, hatten wir in Deutschland mit Aloe Blaccs „I Need A Dollar“ eine erheblich angenehmere und glaubwürdigere Variante von altem Stax-Soul in neuem Gewand auf Platz 4 der Single-Charts katapultiert.

Charts:
D: 4 / UK: – / US: –

3. Robyn: Dancing On My Own


Ich gebe es gerne zu: ich war nie ein Freund von Robyn. Weder von ihrer 90er Europop-Inkarnation noch der spexverehrten Cred-Pop-Variante des neuen Jahrzehnts. Aber die drei in diesem Jahr veröffentlichten „Body Talk“ EPs waren tatsächlich bemerkenswert – mit „Dancing On My Own“ als über allem thronenden Pop-Meisterwerk. Endlich waren die Songs so gut wie die Frisur!

2. Gorillaz: Stylo


Die Rückkehr des König Midas. Damon Albarn kann in der Zwischenzeit anfassen, was er mag – es gelingt. Letztes Jahr noch 100.000 Besucher bei den Blur-Reunion-Konzerten im Hyde Park, dieses Jahr der erste Mensch, der zwei Jahre in Folge Glastonbury-Headliner war (2009: Blur, 2010: Gorillaz) und auf einem Album The Clash, Lou Reed, Snoop Dogg, Mark E Smith und Bobby Womack neben vielen anderen versammelte. Jener Bobby Womack ist es auch, der „Stylo“ dank einer Stimme, die Jahrzehnte im Dienst des Soul verbracht hat, seine Seele gibt. Nicht unterschlagen werden darf allerdings die Produktion und die Songstruktur, die auf die Früh-80er-Electro-Rap-Tracks von Afrika Bambaataa und Grandmaster Flash verweist. Oh, und Bruce Willis spielt im Video mit.

1. Cee-Lo: Fuck You

Cee-Los wundervoller Soulsong „Fuck You“ (oder wie wir zähneknirschend im Radio hören mussten: „Forget You“) war ebensosehr ein virales Phänomen wie ein Popsong. Für einen Song mit seiner Ubiquität, seinen You-Tube-Klickzahlen muss es uns dem dicken Mann gegenüber fast peinlich sein, dass es gerade so für eine US-Top-10-Platzierung (#9) oder nur Platz 11 in Deutschland reichte. Lediglich England hat dem ehemaligen Gnarls-Barkley-Sänger den Platz an der Sonne gegönnt. Sein fröhlichwütender Trennungssong beschert ihm allerdings als erstem Künstler in der Popblog-Geschichte zum zweiten Mal einen ersten Platz! (2006 mit „Crazy“ ebenfalls auf 1)

Die Nummer 1 außer Konkurrenz:

Jay-Z feat. Alicia Keys: Empire State Of Mind

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Wir leisten Abbitte. Zwar erwähnten wir im letzten Jahr schon „Empire“ und feierten Jay-Z als den Elvis Presley des Hip-Hop, hatten aber dennoch seiner allererste Single des letzten Albums, „DOA (Death Of Autotune)“ den Vorzug gegeben. Obwohl „DOA“ nichts von seiner Schärfe eingebüßt hat, müssen wir nach weiteren 12 Monaten zugeben: es gab seit Jahren kein Lied mehr, das derart Genregrenzen sprengen konnte, das überall und zu jeder Zeit Menschen glücklich machte. Seine Hymne an New York konnte man in Berliner Garagepunk-Clubs spielen, bei Potsdamer Technopartys auflegen, in LCD Soundsystems Zugabenset eingewebt hören. Und IMMER wollten alle tanzen, feiern, singen. Ein Song für die Ewigkeit.

Und 2008?

1. Lady Gaga: Bad Romance
2. La Roux: Bulletproof
3. Jay-Z: DOA (Death Of Autotune)
4. Lily Allen: The Fear
5. Frauenarzt feat. Manny Mac: Das geht ab
6. Dizzee Rascal feat. Armand Van Helden: Bonkers
7. Kid Cudi: Day & Night
8. Pet Shop Boys: Love Etc.
9. Lenka: The Show
10. Emiliana Torrini: Jungle Drum

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Und 2008?

1. Britney Spears: Piece Of Me
2. Kid Rock: All Summer Long
3. Sido: Halt Dein Maul
4. The Ting Tings: Shut Up And Let Me Go
5. Estelle feat. Kanye West: American Boy
6. Kanye West feat. Chris Martin: Homecoming
7. Amy McDonald: This Is The Life
8. Katy Perry: I Kissed A Girl
9. Jack White & Alicia Keys: Another Way To Die
10. Das Bo: Dumm aber schlau

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Und 2007?

1. Rihanna feat. Jay-Z: Umbrella
2. Mika: Grace Kelly
3. Amy Winehouse: Back To Black
4. The Ting Tings: That’s Not My Name
5. Avril Lavigne: Girlfriend
6. Sean Kingston: Beautiful Girls
7. Gwen Stefani feat. Akon: Sweet Escape
8. Kanye West: Stronger
9. Scooter: Lass uns tanzen
10. Britney Spears: Gimme More

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Und 2006?

1. Gnarls Barkley: Crazy
2. Mika: Relax, Take It Easy
3. Justin Timberlake: My Love
4. Amy Winehouse: Rehab
5. Lily Allen: LDN
6. Pet Shop Boys: Minimal
7. Nelly Furtado: Maneater
8. Scissor Sisters: I Don’t Feel Like Dancing
9. Torsun: Ten German Bombers
10. Kelis: Bossy

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Kommentare (4)

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  1. Beste „Entdeckungen“ 2010 – auf der anderen Seite des Planeten, sieh youtube: 1. „Vinicio Franco Algodones“ (Dominikanische Republik) – 2. „Freres Dejean Naide“ (Haiti), – 3. „Mariachi Vargas Bikina“ (Mexiko), -4. „Fundo do Quintal nao quero mais“ (Brasilien), 5. „Orquesta Sinfonica Penitentiaria Chamambo“ (Venezuela, – Strafhaeftling-Orchester), 6. „Marinera Nortena“ (Peru), 7.“Verde Luz Ruben“ (Puerto Rico), 8. „Mariachi Halcon Zapata High School“ (Texas-USA), 9. „Tito Paris nha pretinha“ (Kapverde Inseln), 10. „Maria Rita nao deixe o samba morrer“ (Brasilien).

  2. „Potsdamer Technopartys“…haha. danke christian für die erwähnung bzgl. „empire state of mind“. ich geb dir völlig recht: ein song für die ewigkeit (zumindest für eine gewisse zeit).

  3. Die Idee dieser Liste ist nicht die zehn besten Songs des Jahres (die kommen morgen oder übermorgen), sondern die zehn besten „Radio“Songs des Jahres – meint, was eben „chartsrelevant“ war (dass das nicht so die 100% scharfe Abgrenzung ist, ist mir auch klar)

    Und so amerikalastig ist es doch gar nicht, 60% kommt doch gar nicht aus den USA: wir haben…
    England (3x),
    Australien (1x),
    Barbados (1x),
    Schweden (1x)…

  4. Erschreckend wie Nordamerikai-lastig all diese Top 10 sind…sind wir Europäer wirklich so langweilig geworden oder ihr in der Musikredaktion nur so USA-hörig…ich habe auch wirkliche einige vermisst. Aber über Musikgeschmack lässt sich ja nicht streiten 😉

    Pop-Musik kommt ja von populär…also kann da alles rein?! verstehe ich das richtig?