Der Filmjahresrückblick 2010. A Year In Pictures.

10. Anvil! – The Story Of Anvil. (Regie: Sacha Gervasi) imdb

Auf den ersten Blick war Anvil, die Geschichte um eine gescheiterte Hardrockband aus den frühen 80ern, eine Echtlebenvariante von Spinal Tap und wäre schon aufgrund dessen eine lobende Erwähnung wert, sind doch genügend absurde, lustige Momente auf einer Europatournee abgehalfterter Metaller zu erleben. Aber dass Anvil! über all den Klamauk hinaus ein stolzes Herz hatte und das Bild einer lebenslangen Freundschaft und des Wunschs nach ewiger Adoleszenz zeichnete, hob Anvil! weit über das große Vorbild hinaus.

9. Machete (Regie: Robert Rodriguez) imdb


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Eigentlich war Machete nur ein Versehen. Als sich die beiden Buddies Robert Rodriguez und Quentin Tarantino mit ihrem Grindhouse-Projekt austobten, drehten sie noch Fake-Trailer zu nicht existenten Filmen, um das Double-Feature-Feeling auch wirklich heimzuhämmern. Der Trailer zu Machete kam so gut an, dass zwei Jahre später Rodriguez tatsächlich aus der kleinen Idee einen großen Film schuf und im Vorbeigehen gleich noch Danny Trejo, dem ewigen Nebendarsteller Hollywoods, ein verdientes Denkmal setzte. Kuriose Fußnote: Machete war dabei auch noch besser als seine beiden Grindhouse-Mutterfilme „Planet Terror“ und „Death Proof“ – die aufrichtigste Exploitation- und Grindhouse-Hommage! Und ein Höllenspaß!

8. Enter The Void (Regie: Gaspar Noé) imdb

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Der wahrscheinlich schwierigste Film des Jahres. Noé hatte schon mit seinen beiden bisherigen Filmen Seul Contre Tous und Irreversible bewiesen, dass er der extremste Filmemacher Europas ist. In visueller Hinsicht legte Noé bei Enter The Void sogar noch einmal zu: Beinahe unerträglich, von den Epilepsie verursachenden opening credits über den konsequent subjektiven Blick und die nie still stehende Kameraführung war Enter The Void mehr Experimental- als Spielfilm, mehr Tortur als Vergnügen. Und dennoch: nach langen drei Stunden hat man das Kino im Wissen verlassen, etwas gesehen zu haben, was es so noch nie gab.

enter the void

7. A Single Man (Regie: Tom Ford)


Damit konnte nun wirklich keiner rechnen: dass ein US-Mode-Designer mit seinem Debütfilm nicht nur den stilsichersten, sondern auch einen der bewegendsten Filme des Jahres vorlegt. Wunderbare Bildkompositionen und eine ruhige Sprache, ein Film wie ein langsamer, steter Fluß.



6. Exit Through The Gift Shop (Regie: Banksy)



Man weiß immer noch nicht genau, was Banksy mit seinem Graffiti-Film über sich, den ominösen Mr Brainwash, die Sprayer-Kultur im allgemeinen und die Kommerzialisierung des Kulturbetriebs generell, eigentlich gemacht hat, aber es gab kaum einen Film, der sich so oft drehte und wandelte wie Exit Through The Gift Shop. Nichts könnte also weiter von Banksys anfangs geäußertem Verdacht entfernt sein: „My ambition was to make a film that would do for graffiti art what ‘The Karate Kid’ did for martial arts — a film that would get every schoolkid in the world picking up a spray can and having a go… As it turns out, I think we might have a film that does for street art what ‘Jaws’ did for waterskiing.“

5. Four Lions (Regie: Chris Morris) imdb



Es war wohl wirklich einmal notwendig, der Hysterie mit hysterischem Lachen zu begegnen. Der Brite Chris Morris hat mit seiner beißenden Satire auf Selbstmordattentäter den lustigsten Film des Jahres gedreht – und dennoch das zentrale Thema nicht oberflächlich behandelt, sondern mit den Mitteln des Humors scharf seziert. Religion, Politik, Terror und ihre Auswirkungen auf das Innere der Familie, auf Freundschaften und Beziehungen.

4. The Social Network (Regie: David Fincher) imdb


Erleichtert atmen wir auf: Benjamin Button war ein einmaliger Fehlgriff im Fincher-Ouevre. Der Sieben / Fight Club – Mann ist zurück aus der Hölle hollywoodscher Melodramen und zeigt einen irrsinnig schnellen, brillant geschriebenen, sehr gut gespielten Film über das Netz und Dich, über Nerds und uns, über Karriere und Verlust, über Facebook und seinen Erfinder Mark Zuckerberg.

3. Winter’s Bone (Regie: Debra Granik) imdb


Aus zwei großen Leistungen besteht „Winter’s Bone“, ein bestürzend düsteres Drama um Familienzerfall unter Crystal-Meth-Einfluß. Erstens zeigt Regisseurin Debra Granik ein Amerika des Jetzt in Illinois, das derart desolat heruntergekommen aussieht, dass keine noch so brutale Science-Fiction-Dystopie in diesem Jahr ein leereres Land, ein von aller Menschlichkeit verlasseneres Gebiet gezeigt hätte. In diesem Umfeld spielt die junge Jennifer Lawrence als Tochter einer katatonischen Mutter und eines Crystal-Meth-brauenden-Ex-Knackie-Vaters eine Tour de Force wie man in diesem Jahr im Kino keine zweite gesehen hat.

2. Ya – I Am (Regie: Igor Voloshin) imdb

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Außerhalb Russlands ist der junge Regisseur Igor Voloshin kaum bekannt und so muss man der Berlinale danken, dass sie bereits zum zweiten Mal einen Film Voloshins ins Programm eingeladen hatte. Und was für eine Offenbarung war „Ya – I Am“, der semiautobiographische Film des Punkregisseurs über eine Jugend zwischen Irrenhaus, Militärflucht, Drogen, Frauen, Alkohol und Gewalt! Neben einer merkwürdigen Schönheit im Schmutz ist immer Gevatter Tod ein stiller Begleiter, was in einem wunderbar gefilmten Epilog auf herzzerreißende Art deutlich wird: auf einer Insel sitzen zwischen verfallenen griechischen Säulen die Weggefährten des jungen Voloshins und in einer stummen Szene blendet Voloshin die Daten ihres Dahinscheidens ein. Soviel verschwendetes Leben, so viel junger Tod! Die Figuren erstarren zu Stein und zerbröseln zu Staub, aus.
Ein Film von der visuellen Wucht eines Jodoroswkys und wie beim alten Chilenen liegt auch hier die Geschichte in den Bildern, weniger im Narrativ. Ein russischer Bilderrausch aus Wahnsinn, Drogen, White Trash, Flamboyanz, Tod, Punk, Kreuzigung und „Maria Magdalena“:

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1. Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (Regie: Werner Herzog) imdb


Das vielleicht erste „Remake“ einer Filmlegende, die dem Original mindestens das Wasser reichen kann. Aber natürlcih handelt es sich auch nicht um ein Remake im klassischen Hollywood Sinne und wer würde auch erwarten, dass der letzte Verrückte des internationalen Autorenfilms, Werner Herzog, sich für derart schnödes bereitwillig hergeben würde? Nein, sein Bad Lieutenant ist ein gänzlich eigenständiger Film, der lediglich die Grundfigur des bösen Cops aus Abel Ferraras beeindruckendem, schwer katholischem Schuld-und-Erlösung-Meisterwerk aus den 90er zitiert, aber eine andere Geschichte in gänzlich anderer Stimmung erzählt. So ist Bad Lieutenant an manchen Stellen zum Schreien komisch, trotz aller Härte in der Story, in den Bildern. Ein herzerwärmendes, wenn auch hartes Märchen – The Crack, Cocaine & Corruption Feelgood Movie Of The Year! Werner Herzog, ein König.

Ebenfalls empfehlenswert:

11. Up In The Air (Regie: Jason Reitman)
12. Der fantastische Mr Fox (Regie: Wes Anderson)
13. Somewhere (Regie: Sofia Coppola)
14. Kaboom (Regie: Gregg Araki)
15. Au Revoir Taipeh (Regie: Arvin Chen)
16. Lügen macht erfinderisch – The Invention Of Lying (Regie: Ricky Gervais & Matthew Robinson)
17. Monsters (Regie: Gareth Edwards)
18. Blank City (Regie: Celine Danhier)
19. Der Ghost Writer (Regie: Roman Polanski)
20. Shutter Island (Regie: Martin Scorsese)

21. Ein Prophet (Regie: Jacques Audiard)
22. Der letzte Exorzismus (Regie: Daniel Stamm)
23. Inception (Regie: Christopher Nolan)
24. Drei (Regie: Tom Tykwer)
25. No Distance Left To Run – BLUR (Regie: Will Lovelace, Dylan Southern)
26. Brotherhood (Regie: Will Canon)
27. The Damned United (Regie: Tom Hooper)
28. Awaydays (Regie: Pat Holden)
29. A Serious Man (Regie: Joel & Ethan Coen)
30. 13 Semester (Regie: Frieder Wittich)

1 Kommentar

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  1. Bad Lieutenant auf der 1?! No, no, no!