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vonChristian Ihle 27.01.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Anja Rützel vom Business Punk Magazin:

Peguin Prison (MySpace)

Ein Bandname, den man sofort auf T-Shirts krakeln will. Reichlich apokryphe Schnurren (im Gospelchor zusammen mit Alicia Keys, Sitzzwang auf der Bühne wegen beim Feuerlaufen verbrannter Fußsohlen, Formierung einer Fake-Boyband). Inspiration durch Prince und Michael Jackson. Ein leicht angekauztes Wunderkind, das alle Instrumente spielt – lauter Häkchen auf der großen Popquatsch-Checkliste von Penguin Prison. Die Musik: Dance-Pop mit Zwinkerpolitur und Neigung zum Oxymoron: So fidel die Musik tuckert und pluckert, so mildmelancholisch sind die Texte, falls jemand hinhören mag. „Animal Animal“ zum Beispiel, eine Schnuffelnummer mit Howard-Jones-Erinnerungssynthies und Wham!-„aaahs“, handelt von ärgster Selbstentfremdung: „I wish Mike Tyson was my friend/Then I would tell him everything“. Who wouldn’t.

Anhören:

Golden Train (Radio Edit) by Penguin Prison

Uwe Viehmann, Ex-Chefredakteur der SPEX:

Retro Stefson (Homepage)

Das Intro von „Kimbabwe“, dem aktuellen Album von Retro Stefson, erinnert stark an den Beginn von „The Ides Of March“ vom 81er Iron-Maiden-Klassiker „Killers“. Was wirklich stimmt, aber auch auf die komplett falsche Fährte führt. Wie so viele andere Momente im Stilmix dieser blutjungen Band aus Island: Paul-Simon-Zitate; Vampire-Weekend-Paul-Simon-Zitat-Zitate; Rhythmen und Akkordfolgen also, die von Weißbroten gerne auch mal kollektiv unter Weltmusik subsummiert werden; hier ein kleines 8Bit-Elektro-Zwischenspiel, wie es Chilly Gonzales in seinen Teenager-Jahren auch gebastelt hätte; dort ein wenig 80er Rockpop – was für ein Unbegriff, ich weiß; großäugiger Funk; schön-schamlose Disco Licks; karibisches Orgelmarimba-Hüftkreisen, HipHop-Versatzbeats; Soul-Schwebeteilchen; Talking-Heads-Tricks; überraschende Breaks… eine insgesamt so dermaßen verspielte Unbekümmertheit, die all dem Bandsein mit selbstbewusster Leichtigkeit den Oberbegriff Dance zur Seite stellt, wie man dies so seit dem Debüt von Phoenix im Gesamtkontext unbekümmerter Pop nicht mehr gehört hat. Auf jeden Fall zu selten. Oder anders: das Album ist… Killer.
Bislang singen Retro Stefson zwar auch mal auf Englisch und in einer Art Geheimsprache, das erzählt man sich jedenfalls (Hallo Sigur Rós!), aber grundsätzlich vor allem isländisch, gemischt mit französisch und portugiesisch, wenn ich da einigermaßen richtig liege. Was der Sozialisation des Bruderpaars Stefánsson geschuldet sein dürfte: in Portugal geboren und aufgewachsen als Kinder einer angolanischen Mutter und eines Isländers. Nachzuhören auf dem wunderbaren „Mama Angola“, eines ihrer besten Stücke. Wobei der Song, welcher seit Monaten im Netz zurecht seine Kreise zieht und die Band wohl auch dank des hinreißenden Videos berühmt gemacht hat, ganz klar „Kimba“ ist. Auch ein irrer Hit. Dementsprechend sind, so munkelt man, internationale Labeldeals kurz vor unterschrieben, womit hoffentlich auch eine reguläre Veröffentlichung von „Kimbabwe“ (alleine der Titel!) hierzulande anstehen dürfte. Wie schön.
„Who could have guessed that the best cocktail of European, South-American, African and North-American music would come out of an island in the North-Atlantic?“, fragt das isländische Musikexport-Büro. Eigentlich jede/r, sind wir alle doch längst einiges an musikalischen Überraschungen vom Inselstaat gewöhnt. Dass Retro Stefson trotzdem so über die Maßen erstaunen, verdeutlicht da eigentlich nur, wie bemerkenswert diese Band tatsächlich ist. (Uwe Viehmann)

Reinhören:
Spotify
AmazonUK

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=7PIS2ZxeqTo[/youtube]
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Felix Nicklas, Vice Magazine:

206 (MySpace)

Was früher mal Düsseldorf war, ist heute noch immer Düsseldorf, aber ja etwas ganz anderes. Das neue Düsseldorf liegt heute in Ostdeutschland. Genauer gesagt im Großraum Leipzig/Halle, der in der Realität ja nach dem Abflauen der neuen Leipziger Schule wieder zum kulturellen Super-Brachland verkommen ist. Wer schon mal auf der Autobahn an dieser Ödnis vorbeigefahren ist, wird sich auch daran erinnern, warum er eben weitergefahren und nicht abgebogen ist, um sich das mal anzusehen. Ein Fehler. Denn wie es halt immer so ist, sind die Orte an denen nichts los ist auch immer diejenigen, an denen dann doch am meisten passiert. So räumt 206 auch sehr schön mit den Klischee auf, dass es im Osten nur Nazis und nur noch mehr Nazis gibt. Stattdessen liegt im Osten unserer Republik die Zukunft von Postpunk und bei 206 gibt es das Ganze ohne die leider symptomatische Linken-Rhetorik von wegen die da oben gegen uns und andersherum und überhaupt. Stattdessen bringt 206 einfach alles direkt, kantig und desillusioniert auf den Punkt. Deutschland ist schlichtweg die Hölle und schlimm. Aber so ist es ja auch nunmal, wenn man 2011 in Deutschland leben muss, besonders in Leipzig/Halle. Wenigstens gibt es dafür mit 206 in diesem Jahr die neue, neue Leipziger Schule für dieses kaputte Land. (Felix Nicklas, Vice Magazine)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Cp8kR7Mwr0o[/youtube]
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Katja Peglow vom Missy Magazin:

Vomit Heat (MySpace)

Es kommt ja heutzutage nicht allzu oft vor, dass eine Band aus Deutschland in den Dunstkreis von Pitchfork vorstößt, die nichts mit Minimal Techno am Hut hat. Noch unwahrscheinlicher wird es, wenn die Band aus dem Herzen des Ruhrgebiets stammt. Und nahezu unmöglich wird es, wenn die betreffende Band noch nicht einmal eine halbwegs reguläre Plattenveröffentlichung und nur zwei notdürftig in Eigenregie zusammengeschnittene verwackelte “Musikvideos“ vorzuweisen hat.
Umso erstaunlicher und erfreulicher also, dass es neben den zig Kompakt-Releases pro Jahr zur Abwechslung endlich einmal ein verheißungsvoller deutscher Act auf die US-Plattform schafft, der keine funktionale Tanzmusik macht und trotzdem das Zeug zum internationalen Durchbruch hat.
Vomit Heat heißt das Soloprojekt des 19-jährigen Nils Herzogenrath aus Essen, der sich sich mit seinem Lo-Fi Shoegaze schon bis ins Vorprogramm von Wavves gespielt hat (sein erster Auftritt!).
Anfang des Jahres erscheint die 7“, mit dem schönen programmatischen Titel “Everything Is In It’s Wrong Place“ beim angesagten New Yorker Indielabel Olde English Spelling Bee. Na bitte. Besser könnte das neue Musikjahrzehnt doch gar nicht beginnen. (Katja Peglow, Missy Magazine)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=eOiQzkYEN2E[/youtube]
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Lukas Heinser von Coffee & TV und BILDblog:

Polyana Felbel (Homepage)

Womöglich ist man etwas voreingenommen, wenn man mit Musikern befreundet ist und Bandinfos über sie geschrieben hat. Und trotzdem: Die Musik dieses Duos ist so herzzerreißend wie -erwärmend, so berührend und sensationell, dass ich sie immer wieder und überall empfehlen würde. Musik, die so folkig-verträumt klingt, kommt meistens aus Kanada (Kathleen Edwards) oder Schweden (First Aid Kit), aber doch eher selten aus einer Stadt wie Köln. Polyana Felbel und Taka Chanaiwa haben noch dazu trotz junger Jahre eine Vergangenheit als Straßenmusikanten, was mit Ausnahme von Maximilian Hecker jetzt auch nur so mittel kredibil ist. Aber man muss Polyana nur ein paar Takte singen hören und ist schon völlig verzaubert — um so mehr bei den regelmäßigen Liveauftritten in Köln und Umgebung. Die kleinen Folksongs leben vor allem von dieser unglaublichen Stimme und Intimität, weswegen man der Band eigentlich kaum wünschen mag, in großen Hallen zu spielen. Ich würde dennoch nicht ausschließen, dass das irgendwann ziemlich schnell der Fall sein könnte. (Lukas Heinser, Coffee & TV – Blog)

Anhören:
* Winter
* Mortal Frights

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=jilyfZ1u-9k[/youtube]
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