Interview mit Ja, Panik: „Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden“

Das größte musikalische Ereignis des Jahres kommt aus Österreich und wohnt in Berlin. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem neuen Album „DMD KIU LIDT“ in eingeschlägigen Kreisen bereits seit einiger Zeit die Gespräche beherrscht, wie man das bei einem deutschsprachigen Album zuletzt vielleicht zu Blumfelds „Old Nobody“ – Zeiten beobachten konnte.

Letzte Woche ist das Album nun veröffentlicht worden und wir haben uns mit Andreas Spechtl und Stefan Pabst zum Interview getroffen um über Bombenandrohungen, Drogenaufforderungen, Situationismus, Rassismus und, ja, auch die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben, die die Traurigkeit ist, zu sprechen. Heute Teil 1 des Interviews:

Popblog: Ihr seid von Wien nach Berlin gezogen, was man auch an der einen oder anderen Stelle in den Texten eurer neuen Platte merkt. Hatte Berlin darüber hinaus einen Einfluss auf das Songwriting?

Andreas Spechtl (Sänger & Songwriter von Ja, Panik): Wir sind noch nicht richtig angekommen gewesen in Berlin als wir die Platte geschrieben haben. Ich finde, man hört der Platte viel mehr ein hermetisches Sichzurückziehen, ein arges „wir kommen zu Fünft in eine neue Stadt und ziehen uns erstmal in uns selbst zurück“ an.

Stefan Pabst: Die Umstände des Umzugs hatten mehr Einfluss als die Stadt selbst.

Spechtl: Zum Entstehungszeitpunkt der Platte sassen wir nächtelang zu fünft in der Wohnung und haben nur daran gearbeitet hat. Es ist als hätten wir uns völlig abgeschottet in eine Holzhütte im Wald zurückgezogen. Wir hatten in Berlin noch keine sozialen Verpflichtungen, keiner hat angerufen, wir waren ganz für uns, zu fünft.

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Wie funktioniert das Songwriting bei Euch überhaupt? Andreas, Du schreibst die Texte allein, wird die Musik zusammen entworfen?

Spechtl: Ich schreibe schon grob den Song, aber der wird dann noch arg verändert. Du kannst es Dir so vorstellen: ich schreibe den Song, habe die Akkorde und die Melodie, wir nehmen ein Demo auf. Dann wird zu fünft zusammen daran gearbeitet: wir sitzen im Wohnzimmer am Computer und jeder trägt etwas bei. Es ist auch nicht so dass der Schlagzeuger sich das Schlagzeug ausdenkt und der Bassist sein Bassding, sondern eine gemeinsame Arbeit an allen Parts. Gerade auf dieser Platte gab es bei jedem Schlag, bei jedem Ton Diskussionen.

Ja, Panik – Trouble by Nein, Gelassenheit

Wie ist euer Status in Österreich was Bekanntheit oder Verkaufszahlen angeht im Vergleich zu Deutschland? Bekommt ihr mehr Beachtung, weil dann doch wieder so ein „das sind unsere Jungs“– Gedanke zum Tragen kommt?

Spechtl: Man hat Respekt vor uns, aber innerhalb Österreichs gibt es viel größere Bands als uns – die man aber in Deutschland eher nicht kennt, wie 3 Feet Smaller.
Aber es gibt auch ein paar gute Sachen aus Österreich – Clara Luzia zum Beispiel. Bei ihr kommen auch mehr Leute zum Konzert als bei uns.

Wir haben schon die Aufmerksamkeit aus Deutschland gebraucht, um in Österreich angemessen rezipiert zu werden, damit wir österreichische Aufmerksamkeit bekommen. In der Zwischenzeit ist es ambivalent: für die einen sind wir Staatsfeinde, Nestbeschmutzer und Verräter, weil wir ausgezogen sind nach Berlin, was uns manche immer noch übel nehmen.

Interessiert euch das Konzept Heimat? Sehr ihr euch als österreichische Band? Oder ist das für Euch ein widersinniges Konstrukt?

Pabst: Mit der Bezeichnung „österreichische Band“ kann ich gar nichts anfangen. Es ist sicher kein identitätsstiftendes Merkmal, dass wir Österreicher sind.

Bei Thomas Bernhard gibt es eine Stelle, in der er schreibt

„In Österreich musst du entweder erzkatholisch oder nationalsozialistisch sein. Alles andere wird nicht geduldet, alles andere wird vernichtet“

Gibt es dann – wie bei Bernhard zum Beispiel oft – das Gegenteilige, also einen Heimathass? Eine Abkehr von Österreich? Dagegen zu sein, für was Österreich – oder auch Deutschland im gleichen Maße – steht?

Spechtl: Ich finde das grundsätzlich schwierig, denn im Umkehrschluss ist man dann genau das, was man eben nicht sein will. Das ist ein ziemlich faschistischer Gedanke, womit Du ganz schnell wieder im Jahr 1940 bist, in dem es heißt „die Österreicher sind so, die Deutschen sind so, die Türken sind so und die Juden sind so“… Die Grenze verläuft für mich nicht bei Passau. Ich will nicht über Österreicher schimpfen, ich schimpfe über ganz bestimmte Personen. Sonst ist es im Kern erneut eine rassistische Denke.

Ihr hattet für die letzte Platte einem Internetmagazin namens „Die Blaue Narzisse“, das sich als zumindest rechtskonservativ herausgestellt hat, ein Interview gegeben.

Spechtl: Das war wirklich eine schlimme Geschichte. Das Label hat eine Interviewanfrage von einer „Schülerzeitung“ bekommen und wir nicht weiter recherchiert. Das passiert uns auch nie wieder… Als das Interview online war, habe ich mir die Seite zum ersten Mal angesehen – und gleich beim nächsten Artikel gemerkt, in welchem Umfeld wir gelandet sind. Wir waren die ersten, die es entdeckt hatten, aber auch Bonaparte oder Tocotronic hatten Interviews für die Blaue Narzisse gegeben.

(Anmerkung: laut des Kommentars von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow – siehe unten – hat Tocotronic nie ein Interview für Blaue Narzisse gegeben. Auf Blaue Narzisse ist kein Interview mit Tocotronic zu finden.)

Habt ihr euch überlegt, ob eine ausdrückliche Distanzierung nicht sogar mehr Wirbel verursacht und darüber nachgedacht, ob das unkommentiert nicht vielleicht in den Weiten des Netzes verschwindet?

Pabst: Wir haben zuerst dem Typen geschrieben und ihn gebeten, das Interview herunterzunehmen, was er aber verweigert hat und meinte, das wäre ja wieder typisch für „die Linken“, dass sie so wie wir reagieren…

Spechtl: Damit war für uns klar, dass wir Stellung beziehen müssen. Wir konnten uns nicht stillschweigend in diesem Umfeld aufhalten.

Beim neuen Album habe ich das Gefühl, dass alles auf den Schlusssong zuläuft, alles dort kulminiert. Das 14-minütige Stück steigert sich ja selbst innerhalb des Songs immer weiter. Wie lange hast du an dem Song „DMD KIU LIDT“ geschrieben? Ist er aus verschiedenen Teilen entstanden oder von vornherein als ein Stück geplant gewesen?

Spechtl: Die erste Hälfte des Stücks ist zur Mitte der Platte entstanden – ich wusste aber, dass ich den Song nicht fertig schreiben kann, bevor die Platte alles Ganzes steht und habe so bis einen Tag vor dem Aufnehmen daran gearbeitet. Die Version auf der Platte ist auch unsere allererste aufgenommene Version, ja, es ist sogar das allererste Mal, dass die Band selbst den Song komplett gehört hat, weil ich mit dem Text nie fertig war.
Die Version auf der Platte ist fehlerreich, aber dafür auch die Intensivste. Am Schluss geht mir die Luft aus, ich singe eine Strophe nicht… aber die Dringlichkeit war da wie nie sonst. Am schönsten finde ich den Moment, in dem wir die höchste Steigerung im Song erreichen und mir einfach die Luft ausgeht.

Der letzte Satz auf dem Album lautet „Da kommen noch ein paar Strophen, an denen mir mehr als an allen anderen liegt“ – und dann kommt nur noch Stille. Fehlt nun eine Strophe oder war das bewusst so gehalten?

Spechtl: Es fehlen ein paar Sätze, dann kommt ein Instrumental und ich beginne wieder neu – aber es fehlt kein inhaltlicher Text. Ursprünglich gab es noch Strophen danach, aber ich habe bemerkt, dass dieser Satz nach so viel verlangt, dass nichts mehr danach kommen kann. Die kommenden Strophen müssten ja nach diesem Satz alles Vorhergehende toppen – und das war einfach nicht zu schreiben! Es offen zu lassen ist das Beste aller möglichen Enden. Ich sehe das als Vorausblick auf die nächste Ja, Panik – Platte. Das Beste kommt noch…

Spielt ihr den Song live?

Spechtl: Wir haben ihn noch nicht live gespielt, aber wir werden wohl müssen… ich bin selbst gespannt, wie uns das gelingt. Wenn mir schon im Studio die Luft ausgeht und mir schwindelig wird – außerdem kann’s ja nur der letzte Song im Konzert werden, da weiß ich wirklich nicht, wie ich das körperlich überstehen soll…

Stefan, wie war es für die Band, den Song zum ersten Mal ganz zu hören?

Pabst: Bis zuletzt wussten wir nicht, wie es textlich und musikalisch ausgeht. Es war auch komisch, beim Spielen selbst nicht zu wissen, wie lange wir die Instrumentierung steigern müssen, wie viel Text noch kommt. Andi hat uns Signalwörter aufgeschrieben, die angezeigt haben „noch eine Strophe Steigerung, wenn dieses Wort kommt“… wir haben also auf die Signalwörter gewartet und die kamen und kamen so lange nicht… also noch mehr Steigerung, Steigerung… Das macht sicher auch das Intensive aus.

Spechtl: Der Schluss des Songs ist eigentlich ein Rückblick auf alte Ja Panik – Tage, gerade weil sich die Platte vorher von vielem verabschiedet hat, viel weniger theoretisch ist als früher. Aber eben auch nur um zu sagen: es ist vorbei!
Für mich ist die erste Hälfte des Songs noch einmal die Platte in klein, fängt die Stimmungen der vorangegangenen Songs ein und packt sie in eine Geschichte von einem Typen, der herumzieht. Der Refrain ist bewusst nur ein Satz, was auf viele Bob-Dylan-Stücke zurückgreift. Dylan hat bei seinen langen Stücken oft auch nur den einen Satz, auf den sich alles reimt, wie beispielsweise in „Desolation Row“.

Gibt es außer Dylan bewusst verwendete Einflüsse auf der Platte?

Spechtl: Früher hatten wir mehr 1:1-Entnahmen, Zitate, etwas ausgeborgt. Dieses Mal eher eine vage Idee, die über einem Stück steht, ohne sich etwas heraus zu stehlen. Beim letzten Stück ist es zum Beispiel „Desolation Row“ oder „It’s All Over Now, Baby Blue“, aber mehr in der Idee der Form – also zum Beispiel ohne direkten Refrain zu arbeiten – als ein direktes Zitat.

Die zweite Hälfte des Songs bewegt sich von einer Erzählung über einen Protagonisten hin zu einer – platt formuliert – gesellschaftskritischen Suada.

…von mir aus sollen sie Bomben hin tragen zu der grauslichen Bagage,
ich werde nicht daran denken, eine Träne zu zerdrücken,
nicht für Angela und erst recht nicht für Nicholas…

Hattest Du Hemmungen, die Stelle zu singen, in der du Merkel und Sarkozy Bomben androhst?

Spechtl: Ich hatte überhaupt keine Probleme damit, das ist ja auch meine Meinung. Ich würde auch in jedem persönlichem Gespräch dazu stehen. Ich sage nicht „bringt die um!“, aber ich sage „es hat schon unschuldigere Menschen erwischt“. Ich hatte mir nur überlegt, ob es zu tagespolitisch ist und wie lang die Halbwertszeit von diesem Satz wäre.

Wenn der Song sich dann in diese Wutrede hineinsteigert, war ich zunächst an „Kapitulation“ von Tocotronic erinnert, aber bei dir steckt viel mehr Wut und Weltenhass in den Zeilen im Gegensatz zur tocotronischen eleganten Dekadenz.

Spechtl: Ich will natürlich Tocotronic nicht interpretieren, aber ja, das ist ein sehr wütender Part. Ich hatte hier einen geringeren künstlerisch-formalen Anspruch, es handelt sich mehr um das Manifest zur Platte. Ich habe in diesem Teil auf all die formalen Regeln geschissen: es muss sich nicht reimen, es gibt keinen Refrain mehr, ich verschlucke einige Worten, weil es sich nicht ausgeht – es war mir wichtig, am Ende einen klaren, wütenden Teil zu singen.
Ja Panik war immer eher vage, in viele Richtungen interpretierbar. Aber ich wollte in „DMD…“ etwas singen, was nicht misszuverstehen ist.

War euch klar, was ihr für ein Monster mit diesem Song geschaffen habt?

Spechtl: Als wir im Studio zum ersten Mal den Song selbst gehört haben, hat uns das ziemlich fertig gemacht. So etwas hat ein Ja Panik – Stück bei mir noch nie ausgelöst. Normalerweise lässt mich ein Ja Panik – Song relativ kalt, weil ich ihn einfach zu gut kenne. Bei „DMD..“ war es wie ein fremdes Stück zu hören.
Ich dachte mir nur: „Ok, ziemlich arg…!“

Die Vorgängerplatte „The Angst & The Money“ war mein Album des Jahres und ich finde sie auch „hitlastiger“, aber als ganzes Album ist „DMD KIU LIDT“ noch einmal so viel größer.

Spechtl: Ja, „DMD…“ ist auch als Ganzes gedacht, „The Angst“ war mehr eine Songsammlung. Da gibt es auch Stücke, die ich selbst als Füller betrachte wie „Dynamite“, das höre ich überhaupt nicht gern. „Tür auf, Tür zu“ oder „1000 Times“ mag ich auch nicht so.

Wir haben uns bei DMD über jeden kleinen Moment viele Gedanken gemacht, über die Reihenfolge, die Übergänge… Die Platten, die mir selbst etwas bedeuten, sind eben auch Alben – ich höre keine Playlists, sondern immer ganze Alben.

Ich hatte auch ein Problem mit „Trouble“ als Download-Single, weil ich mir dachte, dass sie das Album nicht repräsentieren kann. Hatte mich bemüßigt gefühlt, Freunden zu sagen: „Hey, aber ihr müsst euch trotzdem das ganze Album anhören, der Song allein reicht nicht aus, um zu wissen, was euch hier erwartet!“ – ganz anders eben als bei „Alles hin, hin“, was ja als erste Single doch recht exemplarisch für „The Angst & The Money“ stehen konnte.

Pabst: Ja, das war auch das Schwierige beim Auswählen des Vorabstücks, weil es kein exemplarisches Stück gibt.

Spechtl: Höchstens das letzte vielleicht…

Ja, aber das als Vorabdownload auszuwählen, wäre, als würde man zuerst die Pointe und dann den Witz erzählen …

Der zweite Teil des Ja Panik Interviews über Tocotronic, Situationismus, Drogen und die „inflationäre Dummdreistigkeit“ im Musikbusiness.

Ja, Panik im Popblog:
* Album des Jahres 2009: The Angst & The Money
* Album des Monats September 2009
* 15 Fakten über das neue Ja, Panik – Album
* Andreas Spechtl bei Stermann & Grissemann
* My Favourite Records mit Ja, Panik

Ja, Panik im Netz:
* DMD KIU LIDT für 6 Euro (!) im mp3-Format
* Trouble als kostenlose Downloadsingle
* Homepage

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  2. Der geschätzte Kollege Spechtl erzählt in diesem Interview eine Unwahrheit,
    die ich richtigstellen möchte: Die Gruppe Tocotronic hat in Kenntnis der rechtsradikalen Inhalte der Internetsetseite „Blaue Narzisse“ derselben nie ein Interview gegeben.
    Mit herzlichen Grüssen
    Dirk v. Lowtzow

  3. Linke Selbstverliebtheit in Reinkultur — bösees rechtskonservatives Magazin pfui.. Ach hät ich nur Eure Probleme ……Ihr seid sooo pfaad — Gruß aus Tirol (das zu Österreich gehört!)