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vonChristian Ihle 07.02.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:


„I drive“.



2. Darum geht‘s:

Der namenslose „Driver“ ist Stuntman, Automechaniker – und Fluchtfahrzeugpilot. Obwohl emotional verschlossen, beginnt er Gefühle für seine Nachbarin zu entwickeln, die letzten Endes sogar so weit gehen, sich ihrem frisch aus der Haft entlassenen Ehemann bei einem Überfall als Fluchthelfer zur Verfügung zu stellen. Ist der Driver sonst kühl, präzise und emotionslos, ergeben sich prompt Verwicklungen als er zum ersten Mal einen Job aus Gefühlsgründen annimmt – und alles geht so sehr schief, dass Davonfahren diesmal keine Option mehr ist. Der Driver muss sich seinen Gegner stellen.


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Die Nacherzählung des Plots mag fürchterlich platt klingen und kann auch nicht annähernd die Faszination wiedergeben, die von diesem außergewöhnlichen Film ausgeht. Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn baut eine Stadt, die selbst am sonnenhellen Tag immer in die Kälte der Nacht getaucht zu sein scheint. Wortkarg, emotionslos, soziopathisch sind die Figuren des Films – und niemand mehr als die von Ryan Gosling fabelhaft dargestellte Hauptfigur. Der Driver ist durch nichts als seine Handlungen definiert, er hat keine Geschichte, keine Vergangenheit, keine Bindungen. Er ist, was er macht.

Gosling gelingt es, seinen Driver einerseits klar als die gute Figur im Spiel der Bösen zu platzieren, sie andererseits aber mit einer an mancher Stelle beinah wahnsinnigen Lust am Zerstören auszustatten. Als könnte der Driver nur zwischen Menschen existieren, wenn er sich von ihnen abschottet, weil sonst das Gute wie das Böse gleichermaßen aus ihm herausbrechen würde.

„Drive“ ist ein bedächtiger, stiller Film, der unvermittelt Geschwindigkeit aufnimmt und zwischendurch mit Gewalteruptionen erschüttert, die man so noch selten im Kino gesehen hat. Die durchwegs herausragenden Schauspieler (neben Gosling vor allem Carey Mulligan, Albert Brooks und Bryan Cranston), der brillante Soundtrack, der auf Carpenters Elektro-Sounds der Spät70er, Früh80er verweist, und der unbedingte Stilwillen von Regisseur Refn machen „Drive“ nicht nur zu einem potentiellen Film des Jahres, sondern auch zu einem jener seltenen Momente, bei denen man schon während des Kinobesuchs weiß, dass über diesen Film auch noch in zehn, in zwanzig Jahren gesprochen werden wird.


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3. Der beste Moment:

Entweder des Drivers Fahrten durch das nachtschwarze Los Angeles, unterlegt mit pulsierenden, die frühen 80er zitierenden elektonischen Sounds oder jene erste Gewalterruption, die dem Zuschauer nach all der Stille umso heftiger ins Gesicht knallt. Oder eben doch diese Aufzugszene, die in 15 Sekunden die extremsten Emotionen vereint.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer sich vorstellen kann, wie „Bullitt“ aussehen würde, wenn ihn der frühe John Carpenter gedreht hätte – oder was uns Michael Mann zu seiner „Heat“-Hochzeit präsentiert hätte und wohl mit „Collateral“ einst drehen wollte.



* Regie: Nicolas Winding Refn
* imdb

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