Songs des Monats Mai: Fehlfarben, Masha Qrella, The Cribs, Santigold, Boy Division und Superpunk

1. Fehlfarben – Lang Genug


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„Xenophonie“ ist das beste Fehlfarben-Album seit dem „Knietief im Dispo“- Comeback vor zehn Jahren – und während die erste Single aus diesem Album mit „Platz Da“ eher ein öder Stampfer ist, zeigt b-Seite und Albumtrack „Lang genug“ warum: das Saxophon ist wieder so irritierend präsent wie auf „Monarchie & Alltag“, die Band spielt lebendiger denn je und Peter Hein hat bei aller Egalheit wieder genug Wut gesammelt, die er uns entgegenbrüllt.
Hein gelingt in einem der schönsten Momente des Albums gleichzeitig an der Tatenlosigkeit der Masse zu verzweifeln, zur Revolution aufzurufen, den Herrgott zu beschimpfen und sich in typisch Hein’scher Lakonie letztendlich einfach nur das nächste Bier herbeizuwünschen. „Was passiert in Bankenland? / Wann werden Banken wieder niedergebrannt? / Hört hier wer einen Aufruf zur Gewalt? /Bleibt nach der Revolution die Küche kalt? / Was hat der Bärtige sich da wieder gedacht? / Hat mir wer ein Bier mitgebracht?“


2. Masha Qrella – Fishing Buddies


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Kürzlich bin ich dank des Films „Berlinized“ auf einen alten MINA-Song gestoßen, dessen Kraut-Pop „MINSC“ dermaßen unwiderstehlich war, dass ich mich nur geärgert habe, MINA nicht mehr live sehen zu können. Mehr oder weniger zeitgleich ist aber Masha Qrellas neues Album „Analogies“ erschienen und hat dann doch getröstet. Zwar mag Masha Meilen vom Mina-Sound of old entfernt sein, hat dafür aber mit „Fishing Buddies“ ihren vielleicht vollkommensten Popsong überhaupt geschrieben, der wie aus alten analogen Zeiten gefallen klingt. Spuren von Doo-Wop, 50ies-Sound und darüber Qrellas federleichte Stimme. Wunderbar.


3. The Cribs – Arena Rock Encore With Full Cast


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Es klingt seltsam, aber es war Erleichterung zu verspüren, als The-Smiths-Legende Johnny Marr seinen Ausstieg aus den Cribs verkündete. So sehr man Johnny Marr auch schätzt – sein versiertes, subtiles Gitarrenspiel schien die Cribs zu hemmen und sie ihrer größten Stärke zu berauben: dieser ungestümen Wildheit, jener Aggressivität, die sie zu einer der meistgeschätzten (und konsistentesten!) britischen Gitarrenbands der letzten 10 Jahre werden ließ. Und siehe da: ohne Marr klingen die Cribs wieder wie die Cribs. „In The Belly Of The Brazen Bull“ setzt demnach auch vollgerichtig nicht am letzten gemeinsamen Album mit Marr an, sondern direkt an ihrem großen Wurf „Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever“. Dass sie es wieder nicht geschafft haben, ihr Pophändchen unter Punkkontrolle zu halten, ist ihnen auch selbst bewusst, wie der augenzwinkernd betitelte Schlußsong „Arena Rock Encore With Full Cast“ verkündet – und vielleicht haben sie jetzt auch ihren Frieden mit Pophooks in Punkkleidchen gemacht, singen sie doch hier „Sorry that it’s taken years, We were victims of our own ideals, But I’d rather be tied to myself than to anyone else“.


4. Santigold feat. Karen O – Go!


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Auf ein neues Santogold (jetzt: Santigold) – Lebenszeichen musste man ewig warten. Abgebrochene Aufnahmen, Streit mit der Plattenfirma, misslungene und gelungene Kollaborationsversuche… Jetzt steht endlich das zweite Album in den Läden und der Eröffnungssong könnte nicht besser sein: „Go!“ lehnt sich etwas an M.I.A.s beste Momente an, hat aber immer noch die unverwechselbaren Vocals von Santi, die im Gegensatz zu M.I.A. ja deutlich mehr von der jamaikanischen Kultur geprägt sind. Guter Pop, schön dass sie wieder zurück ist.


5. The Cornshed Sisters – Dresden


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Es ist auch schon ein paar Jahre her als mir dieser Song in einer räudigen Demoversion einer Indierockband aus Newcastle begegnet ist, von der ich leider nie mehr irgendetwas gehört habe: „Dresden“ von Les Cox Sportifs (vielleicht auch nicht der geilste Bandname der Welt).
Aber der Refrain dieses Demos hat mich die ganzen Jahre nicht verlassen und wie konnte er auch? „In the streets we were singing / If bombs were love / then you can call me Dresden“. In den Strophen wird dann noch auf Chamberlains Appeasement-Politik Hitler gegenüber angespielt und weiter über die eine große Liebe gesungen. Nun liegt eine Neuaufnahme der Band Cornshed Sisters vor, die auch aus der nordenglischen Gegend der Cox Sportifs stammen und eine Countryfolkversion aufgenommen haben. Nicht ganz so toll wie das Original, aber immer noch: eine unbedingt Anhörempfehlung.


Originalversion von Les Cox Sportifs:
Soundcloud Link



Extra:


Superpunk / Boy Division – Neue Zähne Für Meinen Bruder und Für Mich


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Vor zwei Wochen hat sich eine der besten Livebands Deutschlands mit umjubelten Konzerten verabschiedet – passend dass sie als Farewell ihren größten „Hit“ als Split-Single mit der anderen besten Liveband Deutschlands noch einmal veröffentlichen. Über „Neue Zähne“ von Superpunk muss man nicht viele Worte verlieren: ein unverschämt eingängiger Northern-Soul-Punk-Stampfer mit klassenkämpferischen Lyrics – die b-Seite von Hamburgs bestgekleideter Coverband erfährt dann wie gehabt eine ordentliche Boydivisionisierung: da wird die Melodie mit dem Noiserock ausgetrieben, wie sich das so gehört.
Ein schönes „auf Wiedersehen“!



Songs des Monats Aprilr:
1. Die Heiterkeit / Ja, Panik – Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen
2. Mystery Jets – Lost In Austin
3. Islet – Funicular
4. Joe Goddard feat. Valentina – Gabriel
5. Blue Angel Lounge – Ewig



Songs des Monats März:
1. Gary – You, Lou and Stephen ca. 1995
2. Breton – Edward The Confessor
3. Rocket Juice & The Moon feat. Erykah Badu – Hey, Shooter
4. The Wave Pictures – Stay This Way A Little While
5. Jacques Palminger & das 440 Hz Trio – Trio von ausnehmender Hässlichkeit


Songs des Monats Februar:
1. Bleeding Knees Club – Teenage Girl
2. Perfume Genius – Dark Parts
3. Beth Jeans Houghton & The Hooves Of Destiny – Dodecahedron
4. Team Me – With My Hands Covering Both of My Eyes I Am Too Scared to Have A Look at You Now
5. Cloud Nothings – Wasted Days
6. Soap&Skin – Wonder

Songs des Monats Januar:
1. Kavinsky – Nightcall
2. Hospitality – Betty Wang
3. Howler – Wailing (Making Out)
4. Tribes – Corner Of An English Field
5. Diametrics – Twat Circus

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