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vonChristian Ihle 24.07.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Erster Teil unseres Monatsrückblicks, was man im Juni gehört haben sollte. Erstmals haben wir eine Playlist für die im letzten Monat erschienen Alben erstellt, damit der geneigte Leser sich bequem einmal quer durch die Höhepunkte der Veröffentlichungen hören kann: Spotify Playlist.

Der Vorteil: mit 19 Songs (Tracklist siehen unten) ist die Playlist ausführlicher als unser mit YouTube-Videos geschmückter Text. Der Nachteil: nicht alle Bands sind auf Spotify vertreten, so dass man nach Slime beispielsweise vergeblich sucht.



1. Slime – Zum Kampf


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Die alten Punks von Slime kommen nach zwei Jahrzehnten zurück und vertonen einjahrhundert alte Gedichte von Erich Mühsam? Zugegeben, klang nicht gerade wie ein Rezept, das einem vor Relevanz das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Aber, sieh da, in Slime ist noch genug Leben, um uns ein Punkalbum vor den Latz zu knallen, wie es in diesem Jahr wenige gegeben hat. Was wir immer an Normahl geschätzt hatten, waren deren Versuche, alte Kampfeslieder mit Punkgitarren vorzutragen (zum Beispiel das fabelhafte „Bandiera Rossa“) und „Sich lügen heißt fügen“ von Slime spielt genau auf dieser Klaviatur. Zudem hat das Slime-Album den Vorteil, dass man die anderen zwei Drittel des Normahl-Outputs, die nun wirklich kein Mensch gebraucht hat (Sex und Sauf – Songs) sich nicht antun muss. „Zum Kampf“ ist wunderbares gereckte-Faust-Revolutions-Getöse, das die Anarchie beschwört und deshalb sicher nicht zufällig zu Beginn „Anarchy In The UK“ dermaßen klaut/zitiert, dass man jede Sekunde mit einem von Johnny Rotten entgegengerotzten „RIIIIIIGHT NOOOOW!“ rechnet.


2. Crocodiles – Electric Death Song


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Eins kann man den Lo-Fi-Recken von den Crocodiles nicht vorwerfen: dass sie mit zuviel Experimentierlust ihre Fans vergraulen würden. Auch Album Nummer 3 klingt exakt so wie Album Nummer 1 und Album Nummer 2 und serviert eine Trash/Surf/Bubblegum-Perle nach der anderen. Selbst die Songtitel klingen in der Zwischenzeit wie mit einem Crocodiles-Generator erfunden: „Electric Death Song“, „Bubblegum Trash“, „Endless Flowers“, „My Surfing Lucifer“…
Wer prinzipiell mit ihrer Popversion von The Jesus & Mary Chain etwas anfangen kann, der ist so reich bedient, dass man gar nicht weiß, welchen Song man nun explizit herausheben sollte. Würde „My Surfing Lucifer“ nicht mit einer nervigen Soundcollage zwei Minuten wertvolle Lebenszeit verschwenden bis wir endlich den verdienten Zucker & Adrenalin – Shot bekommen, wäre wohl der Teufel auf dem Surfbrett die Nummer 1, so entscheiden wir uns aber für „Electric Death Song“.


3. Friends – I’m His Girl


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Als Ende letzten Jahres dieser Song zum ersten Mal die Runde machte, war das Raunen groß. Wann konnte man zuletzt eine junge Band auf ihren Debütsingles so perfekt ESG und Liquid Liquid zitieren hören? Minimalistischer Postpunk, der von Percussion und Funk lebt, Attitude ausstrahlt und so selbst für Hipster-Welthauptstadt Brooklyn schon zu lässig klang! Das nun im Juni erschienene erste Album ist eine milde Enttäuschung, reicht doch das Songwriting leider nicht für viel mehr als die bisherigen bemerkenswerten drei Singles, aber das soll uns nicht davon abhalten, jedem noch einmal „I’m His Girl“ ans Herz zu legen, das in alter Shangri-Las-Tradition einen altbackenen, konservativen Titel haben mag, aber beim zweiten Blick auf die Lyrics ein profeministisches Herz offenbart.


4. Dexys – Lost


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Und nochmal Rückkehrer, ebenso wie Slime beinah zwei Jahrzehnte nach dem letzten Lebenszeichen: die Dexys (formerly known as Dexy’s Midnight Runners) um Kevin Rowlands. Die vielleicht unterschätzteste Band, die aus den Wirren des Punk hervorgegangen ist, weil heutzutage – zumindest hierzulande! – doch jeder nur den Studentendiscoknaller „Come On Eileen“ kennt, dabei aber immer das perfekte Soul-Punk-Album „Searching For The Young Soul Rebels“ und das New-Pop-Meisterwerk „Don’t Stand Me Down“ übersieht. Das neue Album knüpft direkt an diesem dritten Album an und hat in „Lost“ wieder Seelenoffenbarungslyrics wie sie nur Kevin Rowlands schreiben und dann leidend singen kann.


5. Velvet Two Stripes – Bottleneck





Kommt nicht oft vor, dass Bands aus dem D/AUT/CH-Länderdreieck dermaßen scheiße cool wirken wie die Velvet Two Stripes. Mit Ausnahme der Jolly Goods würde uns gerade sogar keine andere Band einfallen, die sich so geschickt an The Kills und die schmutzige Ecke der White Stripes anlehnt, dabei aber keine Sekunde wie ein Derivat klingt. Kämen die drei Damen aus England, wären sie bereits auf dem Cover des NME!



Spotify-Playlist Juni 2012



1. Lost – Dexys
2. 1904 – The Tallest Man On Earth
3. Electric Death Song – Crocodiles
4. The House That Heaven Built – Japandroids
5. Husbands – Savages
6. I’m His Girl – Friends
7. A Ring On Every Finger – Liars
8. Äpfel, Birnen – F.S.K.
9. Liar – Gaggle
10. Flutes – Hot Chip
11. Stupid – Bobby Womack
12. Pixalize Me – Stereo Total
13. One Drop – Public Image Ltd
14. Bottleneck – Velvet Two Stripes
15. I Got News For You – OFF!
16. Heartbreaker – The Walkmen
17. Throw It To The Universe – Soundtrack Of Our Lives
18. I Don’t Wanna Pray – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros
19. Ewig – Blue Angel Lounge

Songs des Monats Mai:
1. Fehlfarben – Lang Genug
2. Masah Qrella – Fishing Buddies
3. The Cribs – Arena Rock Encore With Full Cast
4. Santigold feat. Karen O – Go!
5. The Cornshed Sisters – Dresden
Extra: Superpunk / Boy Division – Neue Zähne für meinen Bruder und für mich


Songs des Monats April:
1. Die Heiterkeit / Ja, Panik – Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen
2. Mystery Jets – Lost In Austin
3. Islet – Funicular
4. Joe Goddard feat. Valentina – Gabriel
5. Blue Angel Lounge – Ewig



Songs des Monats März:
1. Gary – You, Lou and Stephen ca. 1995
2. Breton – Edward The Confessor
3. Rocket Juice & The Moon feat. Erykah Badu – Hey, Shooter
4. The Wave Pictures – Stay This Way A Little While
5. Jacques Palminger & das 440 Hz Trio – Trio von ausnehmender Hässlichkeit


Songs des Monats Februar:
1. Bleeding Knees Club – Teenage Girl
2. Perfume Genius – Dark Parts
3. Beth Jeans Houghton & The Hooves Of Destiny – Dodecahedron
4. Team Me – With My Hands Covering Both of My Eyes I Am Too Scared to Have A Look at You Now
5. Cloud Nothings – Wasted Days
6. Soap&Skin – Wonder

Songs des Monats Januar:
1. Kavinsky – Nightcall
2. Hospitality – Betty Wang
3. Howler – Wailing (Making Out)
4. Tribes – Corner Of An English Field
5. Diametrics – Twat Circus

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