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vonChristian Ihle 05.09.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:

Symptome: orientierungslose 30jährige
Diagnose: Dysfunktionale Familie
Rezept: KEIN Heimatwochenende bei den Lieben



2. Darum geht‘s:

Marko und Jakob stammen aus einer gutbürgerlichen Kleinstadt-Familie. Während Jakob in der Heimatstadt Zahnarzt geworden ist, hat es Marko nach Berlin gezogen, um Schriftsteller zu werden. Beide werden zu einem Heimatwochenende zur Familie eingeladen, bei dem der Vater davon erzählen will, dass er seinen Verlag teuer verkauft hat und sich zur Ruhe setzt. Doch das bleibt nicht die einzige Ankündigung, schiebt Mutter Gitte doch hinterher, dass sie erstmals seit 30 Jahren keine Medikamente mehr gegen ihre Depressionen einnimmt.

Diese Enthüllung schockt die Familie und legt Schicht für Schicht all die verdrängten Ängste, Gefühle und Begierden frei – ganz wie Gitte aus ihrem Betäubungsnebel erwacht, müssen sich auch die anderen Familienmitglieder ihren jeweiligen Realitäten stellen.
Während man zunächst nach Vorstellung der beiden Brüder mit gegensätzlichen Lebenswegen, die nur die eigene Unzufriedenheit eint, einen weiteren Film über die orientierungslosen Dreißigjährigen erwartet, legt Schmid die Geschichte größer an, in dem er nach den Ursachen für Veranlagungen fragt und die Eltern immer stärker in den Fokus rückt. Corinna Harfouch spielt dabei wunderbar als sich ins Leben zurücktastende Mutter, die nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden möchte.
Schmid gelingt es in erstaunlich kurzer Spielzeit (85 Minuten!) das Bild einer ganzen Familie zu entwerfen und für jede Figur ausreichend Begründungen für ihr jeweiliges Handeln zu liefern. Eine klare, präzise Regie und ein Drehbuch, das sich selten in Nebensächlichkeiten verliert, sorgen dafür, dass das alte Dysfunktionale-Familie-Genre hier frisch und fesselnd aufbereitet wird.



3. Der beste Moment:

Als für einen kurzen Moment die Familie fröhlich zusammen kommt und spontan ein Lied am Klavier singt – aber selbst in diesen Momenten immer all die Sorgen und Ängste im gesungenen Text durchscheinen.

Der Soundtrack ist übrigens wie bei Schmids letztem Film wieder von The Notwist, allerdings ein Soundtrack-Score, also keine Notwist-Songs.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer grundsätzlich auch gutbürgerlichen Familien das Recht zum Unglücklichsein zugesteht und in kurzer Zeit das Bild einer ganzen Handvoll von Menschen mit all ihren Beziehungen zueinander entworfen sehen mag.



* Regie: Hans-Christian Schmid
* imdb

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