Die Woche im Pop: Clint Eastwood, Bruce Willis, Dum Dum Girls, Pet Shop Boys und die GEMA

Actionhelden gegen Obama


Während die Expendables um Stallone, Schwarzenegger und Bruce Willis das deutsche Kino aufmischen (recht sensationelle 381.000 Zuschauer wollten das zweite Nostalgiefest des 80er-Jahre-B-Movies am ersten Wochenende sehen!), äußerten sich gleich zwei amerikanische Rauhbeine zur US-Politik. Viel geschrieben wurde über Clint Eastwoods bizarren Anti-Obama-Auftritt beim republikanischen Parteitag, als Dirty Harry zehn Minuten lang einen einen leeren Stuhl anraunzte, der irgendwie Obama darstellen sollte. Nachdem Eastwood bereits vor einigen Wochen mit der bizarren Äußerung aufgefallen war, eine Wiedererlangung der Macht für Republikaner würde endlich ein faires (!) Steuersystem bedeuten, läßt sein Parteitagsauftritt langsam daran glauben, dass die erste Hälfte von „Gran Torino“ kein Spielfilm, sondern eine Dokumentation Eastwood’schen Gemütszustandes war:


YouTube Preview Image


Nicht nachstehen wollte natürlich Chuck Norris und kündigte in einem faszinierend pathetisch aufgesagten Video gleich „1000 Jahre Dunkelheit“ an, wenn die amerikanische Bevölkerung sich noch einmal trauen würde, diesen linken islamistischen Kommunisten zu wählen:


YouTube Preview Image


Erfreulicher war da schon Bruce Willis‘ Wortmeldung aus der letzten Woche, die subtil darauf hinweist, dass auch er nicht mehr zu den Jüngsten zählt, es aber dennoch mit den größten Schurken der ganzen Welt aufnehmen kann. Willis strengt demzufolge eine Klage gegen Apple an, weil seine iTunes-Library nach seinem Dahinscheiden nicht auf seine Kinder vererbbar sei! Norris, Eastwood: so wird’s gemacht!
(Anmerkung: klingt eigentlich zu schön, um es anzuzweifeln, das Bildblog verweist aber auf die Fragwürdigkeit der Originalquelle)


Kirche gegen Kultur


Nachdem der Papst vs Titanic – Fight nun scheinbar kampflos mit einem Sieg für das Satiremagazin geendet hat, ist man andernorts nicht so zimperlich und schickt gleich die Anwälte zum Filmfestival nach Venedig, um den österreichischen Querkopf Ulrich Seidl zu belangen. Seidl ist bekannt für die offenherzig-deprimierendsten Filme der Welt und zeigt in seinem neuen Werk „Paradies: Glaube“ welche Verwendungsmöglichkeiten für Kruzifixe denn noch bestehen außer sie schlicht an die Wand zu hängen. Extase irdischer Art ist die Folge.


YouTube Preview Image


Im Kino


In den US-Kinocharts ist in dieser Woche der auch schon im Popblog abgefeierte Exorzisten-Film „The Possession“direkt auf Rang 1 eingestiegen, während am unteren Ende der US-Top-10 eine (negative) Dokumentation über Barack Obama bereits sensationelle 20 Millionen Dollar eingespielt hat. In Deutschland ist dagegen wie erwähnt das Expendables-Sequel verblüffend erfolgreich.


Hans Unstern, die Pet Shop Boys und die Dum Dum Girls





Bevor wir uns dem Berlin-Festival-Trubel ergeben, wohnte das Popblog drei kleinen, feinen Veranstaltungen bei. Berlins favourite Singersongwriter Hans Unstern hat im Merve Verlag das Buch „Hanky Panky Know How“ veröffentlicht und aus diesem Anlass eine „Presseperformance“ veranstaltet, in der flugs das Prinzip Popstar, Authentizitätswahn und Presseskepsis künstlerisch aufbereitet wurde. Unstern verweigerte die eigene Anwesenheit und ließ sich von einem blauhaarigen, glattrasierten New-Wave-Popper mit verspiegelter Pilotensonnenbrille doublen, der die Pressekonferenz ad absurdum führte. Bizarr, aber durchaus, nun ja, interessant. Als Beispiel sei auf die Diskussion zwischen „Hans Unstern“ und dem Popblog hinsichtlich der Buchcovergestaltung verwiesen:





Die Pet Shop Boys hingegen spielten in „intimer Atmosphäre“, wie das wohl heißt, im Berliner HAU-Theater, präsentiert von „electronic beats by Telekom“ wie die PR-Agentur nicht müde wird zu betonen. Ein wenig zweifelhaft sind solche Exklusiv-Veranstaltungen natürlich immer (auch wenn man vielleicht nicht gleich mit so einem Furor wettern muss wie Bertold Seliger), aber gut, um die Pet Shop Boys mal wieder live zu sehen, macht man ja einiges mit. Schade nur, dass das neue Album ihr schwächstes seit „Nightlife“ geworden ist und einiges an Durchhaltevermögen abverlangt, um es wertschätzen zu können – was zu einem Gutteil an der sehr unmotivierten Produktion des Kanye-West-Kumpanen Andrew Dawson liegt, der den Pop der Briten scheinbar überhaupt nicht verstanden hat und alles mit seichten, dahinplätschernden Schlagerbeats unterlegt.


Dum Dum Girls 8mm


Beeindruckend dagegen die Dum Dum Girls auf der 8mm Musik Night. Nicht nur dass die Damen um Dee Dee Dum Dum die derzeit wohl bestaussehendste und stylishste Band überhaupt sind, auch scheinen die Dum Dum Girls erst live wirklich zu sich selbst zu finden. War das erste Album zu sehr „ins Rote“ produziert und zu scheppernd, um die Melodien noch erkennen zu können, hatte Platte Nummer 2 genau den entgegengesetzten Fehler begangen: auf einmal kleideten die Dum Dum Girls ihre Songs in soviel Zuckerwatte und Hochglanz, dass der Lo-Fi-Exzess im Herzen der Songs zugekleistert wurde – mehr Bangles als Ramones war die Folge. Doch live im kleinen Berliner Club Bassy sind Dum Dum Girls auf den Punkt, energetisch, wild, scheppernd – aber immer melodisch. Auch die Vorband Velvet Two Stripes aus der Schweiz unterstreichen live die nach der hervorragenden Debüt-EP gewonnene Vermutung, dass mit ihnen eine hiesige Konkurrenz zu The Kills heranwachsen könnte. Das im nächsten Februar erscheinende Debütalbum sollte sicherlich für einiges Aufsehen sorgen:


YouTube Preview Image


Disco gegen Gema


Während sich in Amerika die Action-Opas aufbäumen, um gegen Obama, die Krankenversicherung und iTunes zu rebellieren, ist Deutschland immer noch im Kampf GEMA vs. Disco gefangen. Als zu Beginn der Woche eine intere Mail an GEMA-Mitglieder – man muss an dieser Stelle wohl zu dieser Formulierung greifen – „geleaked“ ist, konnte die Verwertungsgesellschaft ein weiteres Kapitel zu ihrem sicherlich bald erscheinenden Lehrbuch „Wie man Shitstorms entfacht – ein Leitfaden für PR-Desaster“ hinzufügen, in dem sie bedauernd ihren Mitgliedern mitteilte, dass selbst die von Gott direkt eingesetzte Gewalt GEMA nichts am Grundgesetz ändern könne:

“Ein rechtliches Vorgehen der GEMA dagegen ist – auch wenn von den Organisatoren vielfach mit falschen und polemischen Behauptungen gearbeitet wird – aufgrund des grundgesetzlich gewährleisteten Versammlungsrechts nicht möglich.”

Die De:Bug hat sich darüber hinaus auch den Versuchen der GEMA, die Diskussion „plakativ“ zu „versachlichen“ (Zitat!), an- und die Argumente auseinandergenommen. Lesenswert, sowohl sachlich als auch plakativ, übrigens.
Weniger lesenswert ist dagegen die „Aufarbeitung“ der Sachlage von Spiegel Online geraten, deren Redaktion sich nun wohl endgültig damit zufrieden gibt, Pressemitteilungen umzuformulieren, denn an keiner Stelle des Artikels versucht Spiegel Online eine Wertung, Einschätzung oder gar Kritik der jeweiligen Argumente von GEMA bzw. GEMA-Gegnern. Vielleicht dann doch in Zukunft lieber gleich nur noch TV-Talkshows besprechen, lieber Spiegel Online?


Noch Fragen?


YouTube Preview Image

(mit Dank an Motor für die Gran Torino-Stelle)

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Pingback: Die Woche im Pop: Olli Schulz, Thomas Gottschalk, die GEMA, Judith Butler und Bettina Wulff | Monarchie & Alltag