Blank City (Regie: Celine Danhier)

Im Rahmen des Unknown Pleasures – Festivals für amerikanische Independent-Filme läuft die hervorragende Dokumentation “Blank City” über No-Wave- und Punk-Filmszene im New York der späten 70er. Aufführungen: SO 6.1. 18:00; SO 13.1. 18:00.





1. Der Film in einem Satz:


No Wave in No York!


2. Darum geht‘s:


“If you were prepared to live somewhere that looked like Beirut, and where heroin was easier to buy than groceries, Lower East Side was paradise” schreibt Simon Reynolds in seinem Post-Punk-Buch “Rip It Up” über New York. Genau dieses Zeitfenster fängt “Blank City” ein und zeigt wie eng Kunst, Musik und Film in diesen Jahren verwoben waren. Gerne spricht man ja als Punkhistoriker vom Year Zero durch die Sex Pistols, aber in “Blank City” wird deutlich, dass jenes Jahr Null, jener komplette Neustart nirgendwo notwendiger, logischer und deutlicher war als im New York der ausgehenden 70er, beginnenden 80er.


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Regisseurin Celine Danhier hat in einer Fleißarbeit die besten Bilder dazu gefunden: alte Aufnahmen von einem zerfallenden New York, die Reynolds oben zitierte Aussage tatsächlich bestätigen und einem heute unwirklich, unglaublich vorkommen. Wie mitten in Manhattan Stadtteile so völlig dem Verfall Preis gegeben wurden, wieviele Freiräume dadurch für Künstler entstanden sind und mit welcher Radikalität diese Räume besetzt wurden! “Blank City” ist zwar untrennbar mit der Punk- und No Wave – Explosion New Yorks verbunden und zeigt alte Aufnahmen der Ramones, Television, Richard Hells und Talking Heads ebenso wie Interviews mit Thurston Moore (Sonic Youth), James Chance (The Contortions) und Debbie Harry (Blondie), doch liegt der Fokus auf der unbeachteteren Seite der Do It Yourself – Zeitwende: dem Filmemachen. Amos Poe sorgte mit seinem sechzigminütigen “Blank Generation” (für das er Konzerte im CBGB filmte) für den ersten Anstoß. Im Folgenden sollten sich Jon Lurie und Jim Jarmusch, Michael Oblowitz oder James Nares einen ersten Namen im Indie-Film-Bereich machen bis der Übergang zum Cinema Of Transgression vor allem dank Nick Zedd und Richard Kern für Furore sorgte: „We propose that all film schools be blown up and all boring films never be made again.“. Das Cinema Of Transgression war weiterhin dem DIY-Gedanken verpflichtet, bewegte sich aber in seinen Ausdrucksformen von einem kontemplativen Kunstkino eines Jim Jarmusch weg zu wilden, sich der bewussten Grenzüberschreitung widmenden Streifen.


Celine Danhier hat neben den Archivaufnahmen New Yorks der End-70er mehr oder minder alle wichtigen Player der damaligen Bewegung zu Interviews versammeln können und – noch schöner – zeigt enorm viele Ausschnitte aus den zumindest hierzulande praktisch nie aufgeführten Filmen, in denen die jungen Steve Buscemi und Vincent Gallo mitspielten, Lydia Lunch das It-Girl der Szene war und Regisseure den Punk-Ethos – das Nichtkönnen, aber gerade deshalb trotzdem machen – auf die Filmszene übertrugen und den Independent-Film auf immer veränderten.


“Blank City” ist eine wunderbare Reise in diese Zeit, eine mitreissende Dokumentation mit großartigen Bildern, brillantem Soundtrack und erstaunlich gut gealterten Protagonisten.


3. Der beste Moment:


Neben den vielen alten Filmausschnitten sind es wohl die erstaunlich häufigen Verbindungen zu Deutschland, die immer wieder auftauchen. Ob Jim Jarmusch als erster aus dieser Szene ausgerechnet auf der Berlinale damals seinen ersten Preis gewann und damit Anerkennung und Aufmerksamkeit der Szene zuführte, ob Rainer Werner Fassbinder als Gelegenheitsdrogenbuddy das eine oder andere Mal erwähnt wird oder auch das Cinema Of Transgression dank des Abbruch einer Berlinale-Aufführung von “Fingered” Mitte der 80er auf der Titelseite von Variety wiederfand…


4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Punkhistoriker und DIY-Fetischisten.


(Christian Ihle)

* Regie: Celine Danhier
* imdb

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