Berlinale (1): The Grandmaster von Wong Kar Wai und Paradies: Hoffnung von Ulrich Seidel

The Grandmaster (Regie: Wong Kar-Wai)




1. Der Film in einem Satz:


Martial Arts meet Doktor Shivago.


2. Darum geht‘s:


Der Kung-Fu-Kämpfer Ip Men vertritt den Süden in einem Duell mit dem Großmeister aus dem Norden und gewinnt überraschend – doch sowohl der Protegé des besiegten Großmeisters als auch dessen Tochter sinnen auf Revanche. Über die Jahrzehnte begegnen sich die vier Figuren in immer neuen Konstellationen, auf der ewigen Suche nach Erfüllung und Ehre.



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Klingt nicht irre aufregend, aber Wong Kar-Wai hat mit “The Grandmaster” etwas Erstaunliches geschaffen: ein Epos, das zwar sicherlich den Kung-Fu-Kampf und – vor allem – dessen Philosophie in den Mittelpunkt stellt, aber bei weitem das Martial-Arts-Genre transzendiert, ohne es jedoch an irgendeiner Stelle zu verraten. “The Grandmaster” ist eine Homage an die Schönheit der Kampfkunst und ihre mannigfaltigen Abwandlungen, zugleich eine große Erzählung über die Historie und das Schicksal Chinas, durch etliche Epochen, von Vorkriegszeit zu japanischer Besatzung und der Entstehung der Insel Hongkong – alles erzählt am Lebensweg von Ip Men, einem legendären Meister und späteren Lehrer von Bruce Lee.

Neben einem Martial-Arts-Film und der großen Erzählung über Chinas Geschichte ist aber die größte Stärke des Films klassisches Wong Kar-Wai Kino, dessen Filme immer von Einsamkeit, vergeblicher Liebe und dem Sehnen nach einem Ankommen durchsetzt waren. So nimmt es auch nicht wunder, dass der eigentliche Klimax, das dramaturgisch heftigste Aufeinandertreffen mitnichten ein Kung-Fu-Kampf, sondern ein Duell mit Worten ist, das Einsicht, Bedauern und das Eingeständnis verpasster Chancen zu seinem Grundthema hat.

The Grandmaster ist fabelhaft schön gefilmt, auf einem technischen Niveau wie kaum ein zweiter Film und gerade in den Kampfszenen von solcher Brillanz, dass Yuen Woo-ping, der Choreograph der legendären Kampfszenen aus “Tiger & Dragon” und “Matrix” hier selbst für seine Verhältnisse noch einmal neue Standards setzt. Ein einziger Tanz!

Narrativ hat The Grandmaster allerdings arge Schwächen, viele Figuren werden nur angerissen, droppen nach Gutdünken rein und wieder raus aus der Geschichte, werden nie erklärt, bleiben rätselhaft – das mag der Tatsache geschuldet sein, dass Wong Kar-Wai angeblich einen Vierstundenfilm hier auf die Hälfte zusammen schneiden musste/wollte. Andererseits hat sein Grandmaster durchaus Längen, so dass ein Director’s Cut nicht per se ein besserer Film sein dürfte.





Etwas ärgerlich ist vor allem, dass gerade Tony Leungs Hauptfigur Ip Men als bescheidener Saubermann überaus blass bleibt und gegenüber einem wunderbar geschriebenen, ambivalenten Charakter wie Gong Er (gespielt von einer tollen Ziyi Zhang) nur eindimensional bleibt.

So ist Wong Kar-Wais erster Film seit sechs Jahren kein Triumph, weil doch von zu vielen Schwächen gezeichnet – andererseits verheiratet Wong hier mehrere disparate Elemente großmeisterlich und präsentiert erneut einen visuell atemberaubend schönen Film.



3. Der beste Moment:


Ein Schlussdialog im Schnee. Einsamkeit, Bedauern um verpasste Chancen, vergebliches Sehnen, nie ausgesprochene, nie erwiderte Liebe. Klassisches Wong-Kar-Wai-Kino in all dem Martial-Arts-Mayhem.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wenn’s gut läft bekommt “The Grandmaster” alle: die Freunde des Martial Arts – Kinos, des großen epischen Films und die Arthouse-Crowd, die die unterdrückten Emotionen abfeiert.



* Regie: Wong Kar-Wai
* imdb


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Paradies: Hoffnung (Regie: Ulrich Seidel)


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1. Der Film in einem Satz:


If you’re happy and you know it, clap your fat!


2. Darum geht‘s:


Die 14jährige, übergewichtigte Melanie wird von ihrer Mutter in den Sommerferien in ein Diätcamp abgeschoben. Mit 15 anderen dicken Kindern soll sie dort Disziplin, Abnehmen und gesunde Ernährung lernen. Doch genauso lernt sie auch das Feiern, die Freundschaft und die erste Liebe kennen. Doof nur dass letztere ausgerechnet der 50jährige Internatsarzt sein muss…

Mit seiner “Paradies”-Trilogie ist Ulrich Seidel etwas außergewöhnliches gelungen: mit jedem der drei Teilen war er bei einem der drei großen Filmfestivals vertreten: “Paradies:Liebe” um Sextourismus alter deutscher Frauen in Afrika lief in Cannes, “Paradies:Glauben” hatte dank einer Kruzifix-Masturbationsszene einen ordentlichen Skandal im italienischen Venedig verursacht und “Paradies:Hoffnung” läuft nun als Abschluss des Seidel’schen Tryptichons im Wettbewerb der Berlinale.

Wie immer bei Seidel ist auch “Paradies:Hoffnung” mit seinem symmetrischen Bildaufbau in jeder einzelnen Szene ein gnadenlos durchkomponierter Film, doch schafft diese Künstlichkeit der Komposition im ansonsten ja sehr dokumentarisch anmutenden Stil Seidls wie immer einen Leerraum für Absurdität und Komik, womit “Paradies:Hoffnung” nicht geizt. Ein sehr unterhaltsamer, erstaunlich leichter Film trotz der Schwere des Themas (no pun intended).


3. Der beste Moment:


All diese wunderbaren Bildkompositionen von Seidl.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wer statt wie im Fernsehen über Dicke zu lachen lieber mit ihnen lacht.



* Regie: Ulrich Seidl
* imdb

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