Berlinale (7): Upstream Color, In Bloom




Upstream Color


1. Der Film in einem Satz:


Menschen sind Schweine.


2. Darum geht‘s:


Hah! Eine Synopsis zu “Upstream Color”? Eigentlich unmöglich – und wenn doch, dann auf jeden Fall zu kurz greifend, unzulänglich. Ein Versuch:
Akt 1: Die junge, erfolgreiche Kris (atemberaubend: Amy Seimetz) wird entführt und mit einer neuen organischen Droge (?) betäubt, die sie in eine Art Dauerhypnose versetzt. In diesem Zustand wird sie dazu verdammt, Thoreaux’ “Walden” abzuschreiben und diese Notizen in einer Art Möbius-Schleifen-Origami aneinanderzuketten – und im Folgenden wird ihr Bankkonto leer geräumt.
Die organische Droge ist mittels eines Wurms in ihren Körper gelangt. Kris sieht, wie sich der Wurm unter ihrer Haut fortbewegt, und versucht sich mit Küchenmessern selbst zu operieren – so weit, so Cronenberg. Ein innerer Drang führt sie schwerverletzt auf eine Waldlichtung, dort wartet ein Wissenschaftler (?), der den Wurm aus ihrem Körper heraus operiert und in ein lebendes Schwein hinein transferiert.





Akt 2: Kris wacht alleine in ihrem parkenden Auto auf, ohne jede Erinnerung, aber mit Wunden am ganzen Körper. Sie wird ein verängstigtes, unscheinbares Wesen, verliert ihren Job – und ihre Persönlichkeit. In der U-Bahn trifft sie auf Jeff, einen ebenso kaputten Charakter. Die beiden fühlen sich verbunden. Sie entdecken dank bestimmter Operationsnarben, dass sie wohl ähnliches durchlitten haben.
Akt 3: Kris und Jeff bemerken über Texte aus “Walden”, dass sie ihre Erinnerung doch irgendwie triggern können und machen sich auf die Suche nach dem Wissenschaftler mit den Schweinen.


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Das mag jetzt schon ordentlich nach What The Fuck? klingen, kann aber nicht mal ansatzweise beschreiben, wie What The Fuck? das Ganze als Kinofilm wirkt. Obwohl im ersten Akt niemand auch nur ansatzweise erklärt, was hier warum geschieht, hat man zumindest noch eine Art Plot-Struktur, die halbwegs straight erzählt wird. Akt 2 dagegen arbeitet beinah ausschließlich daran, das Gefühl der Desorientierung, das beide Charaktere nach ihrer Entführung haben, auf den Zuschauer zu übertragen. Dialoge, so vorhanden, sind für sich genommen nicht aussagekräftig, sondern bilden eher in ihrer Gesamtheit eine Idee dessen ab, was hier in den Charakteren – und zwischen ihnen – passiert. Akt 3 verabschiedet sich dann gänzlich von irgendeiner Art Storytelling, obwohl auf eine Auflösung zugearbeitet wird.

Wer wie warum hier was macht? Ein Rätsel, eigentlich. Und doch erzählt Shane Carruth, der hier nicht nur den Regisseur, sondern auch Hauptdarsteller, Komponist, Kameramann und Cutter gibt, auf eine Art und Weise, dass wir fühlen, dass wir etwas wissen, ohne genau benennen zu können, was wir denn nun verstehen. Carruth schneidet immer wieder zwischen Kris & Jeff und jenem Wissenschaftler mit den Schweinen hin- und her und wir verstehen, dass eine Art Fernsteuerung, eine Verbindung zwischen den verschiedenen Wurm-Wirtstieren (Menschen, Schweine) und dem gottgleichen Orchestrator des Ganzen besteht. Warum? Keine Ahnung.





Shane Carruth ist vor neun Jahren mit einem No-Budget-Film namens “Primer” aus dem Nichts auf den Plan getreten. “Primer” hat einen geradezu legendären Ruf als einer der komplexesten, undurchdringlichsten, aber dennoch faszinierendsten Filme des letzten Jahrzehnts. Und ich übertreibe nicht, wenn ich “Upstream Color” als noch komplexer, irrer, unfassbarer einstufe. Im Vergleich zu “Primer”, einem doch eher kühlen, geradezu mathematischen Gedankenexperiment ist “Upstream Color” bei aller whatthefuckness ein warmer, emotionaler Film. Ja, Carruth schafft gerade in Akt 2 und 3 durch ein unbeschreibliches Sounddesign und seine Schnitttechnik ein All-Sinne-Gefühl zu kreieren, er erzeugt eine Art Synästhesie für den Zuschauer.

Will man einem Film, der sich jeglicher Zuordnung verweigert, der ein völlig alleinstehendes Werk ist, doch zur Orientierung in Schubladen pressen, so könnte man “Upstream Color” noch am ehesten als einen Sci-Fi-Thriller über Identität und Individualität, über den Zyklus des Lebens und über die Grenzen überschreitende Verbindung zwischen Lebewesen bezeichnen, wie ihn sich höchstens Terence “Tree Of Life” Malick ausdenken könnte, Carruth gelingt es aber statt prätentiöser Gottsuche die bedrohliche Atmosphäre von David-Lynch-Filmen einzufangen.

Der irrste, aufregendste Film der Berlinale. Polarisierend, sicher, aber dafür ein Erlebnis, das man so noch nicht gesehen hat und mit etwas Offenheit eben gerade nicht eine Avantgarde-Masturbation eines prätentiösen Künstlers ist, sondern sich letztendlich als beinah undurchdingliche, aber hyperintelligente, komplexe Studie und Demonstration unserer Sinne präsentiert.



3. Der beste Moment:


Die Atmosphäre des Films, dieses Gefühl der ständigen Bedrohung, des verrückt werdens (im Doppelsinn), der Desorientierung.


4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wer sich “Tree Of Life” fresher gewünscht hätte, wer sich im Kino herausfordern lassen will, wer nachher seinen Freunden sagen möchte: “Alter, sowas hast du noch nicht gesehen!” (Text: Christian Ihle)


* Regie: Shane Carruth
* imdb


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In Bloom


1. Der Film in einem Satz:


Die Sowjetunion zerfällt, die Sitten zerfallen, die Häuser zerfallen, Familien zerfallen, Freundschaften zerfallen – oder?


2. Darum geht‘s:


Tiflis im Jahr 1992: Eka und Natia, beide 14, beide aus nicht allzuheilen Familien, lassen die Kindheit und tasten sich in die Welt der Erwachsenen vor. Bloß: wie diese Welt funktionieren soll, dass wissen die Erwachsenen vor lauter Unsicherheiten selbst nicht so genau. Wie es überhaupt wenig Sicherheiten gibt – außer vielleicht einer von einem Verehrer geschenkte Pistole. Oder der Gewissheit, dass zuhause nur Streit wartet und dass Respekt und Anstand
nicht lohnen, wenn das Brot verteilt wird.
In ruhigen, intensiven und oft poetischen Episoden folgt „In Bloom“ Eka und Natia durch die turbulente Umbruchszeit in Georgien – und durch die turbulente Umbruchszeit der Pubertät. Was diesen Coming-of-Age besonders auszeichnet: dass er sich nicht auf die alberne Seite des Jugend kapriziert, sondern die innere Unsicherheit sehr behutsam und mitfühlend
herausarbeitet.


3. Der beste Moment:


Wenn Eka, die schüchterne und kindlichere der beiden Freundinnen in Namen der Freundschaft tanzt, tanzt, tanzt und die Zweifel Zweifel und die Welt Welt sein lässt.


4. Diese Menschen mögen diesen Film:


All jene, die wissen, dass die großen Dramen des Lebens und des Films nicht notwendigerweise in dramatischen Szenen in Erscheinung treten. (Text: Daniel Erk)


* Regie: Nana Ekvtimishvili & Simon Groß
* Berlinale-Katalog

Kommentare (2)

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  1. Habe was von April 2013 gehört als Kinostart.

  2. Prima Besprechung, hab den Film auf der übergroßen Leinwand im Sony Center Cinestar Event-Kino gesehen und das war geradezu überwältigend. Besonders das Sound-Design des Films hat etwas soghaftes und trägt viel zur Atmosphäre des Films bei. Ob der wohl in die deutschen Kinos kommt?