vonChristian Ihle 12.04.2013

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:


24 Stunden Oslo. 24 Stunden auf der Suche nach einem Grund zu leben.


2. Darum geht‘s:


Anders steht kurz vor dem Ende seiner Zeit in einer Entzugsklinik. Er ist seit zehn Monaten clean, kein Kokain, kein Heroin mehr, nicht einmal ein Bier. Heute kann er seinen ersten Tag ohne Betreuung in Oslo verbringen, ein Vorstellungsgespräch für einen Job als Journalist ist der Grund.
Anders fährt nach Oslo, besucht einen alten Freund, absolviert das Vorstellungsgespräch, hat eine Verabredung mit seiner Schwester, geht auf eine Feier, trifft alte Kumpels und junge Studentinnen, bricht mit ihnen zu den ersten Sonnenstrahlen ins Olsoer Schwimmbad ein, kehrt in das verlassene Haus seiner Eltern zurück.





Ein Tag im Leben eines ehemaligen Drogensüchtigen. Aber „Oslo, 31. August“, eine freie Neuinterpretation von Pierre Drieu La Rochelles Roman „Das Irrlicht„, ist keine Geschichte um einen möglichen Rückfall, sondern ein viel existentialistischeres Werk. Anders kämpft in diesen 24 Stunden nicht etwa gegen einen Drang an, wieder Drogen zu nehmen, sondern sucht irgendetwas, das seinem Leben einen, ja, in Ermangelung eines besseren Wortes, Sinn gibt.
Etwas, das er fühlen kann. Begegnungen, die ihm irgendetwas bedeuten. Gründe, die das Leben rechtfertigen.

Und hier gelingt Regisseur Joachim Trier etwas wirklich meisterhaftes: wie wir Anders Weg durch diesen Tag begleiten, begegnen wir ihm zunächst mit einer ähnlichen Befangenheit und einem Unverständnis, das ihm auch in vielen Begegnungen entgegenschlägt, die er im Laufe dieses Tage haben wird – wobei die allermeisten weder bös gemeint oder gar drogenkritische Erhobenezeigefingerbegegnungen sind, sondern nur Anzeichen dafür, dass das Leben außerhalb weitergezogen ist, aber für Anders still stand in den Monaten (Jahren?) in der Entzugsklinik.

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Aber mit jeder weiteren Begegnung spüren wir die Verlorenheit von Anders, diese allumgreifende Leere, die ihn umgibt. Auf diese Weise erzählt Trier auch, warum Anders vor vielen Jahren überhaupt angefangen hat, Drogen zu nehmen als bourgeoiser, liberal erzogener, gut situierter, im Grunde keine Probleme kennender Typ. Trier braucht dafür keine Rückblenden, keine ausgesprochenen Erklärungen – es genügt, dass er Anders zeigt, wie er still daran verzweifelt, keinen Grund in all dem Leben zu finden.





Joachim Trier vermeidet es völlig, einen letzten Tag im Leben eines Süchtigen pathetisch zu skizzieren und seine Figur so auf ein „Leaving Las Vegas“ – Tränendrücker – Niveau zu führen, sondern fragt viel genereller, was uns am Leben hält, welche Begegnungen, welche Ereignisse diesen ganzen Aufwand des Daseins rechtfertigen können.

Dabei fühlt sich „Oslo, 31. August“ auch noch auf eine erschreckende Art echt an, vermeidet jede Verlogenheit und geht kaum manipulativ, sondern unkommentiert vor, so dass die Erkenntnis der Leere nur umso härter trifft.

Ein bemerkenswerter Film. Einer der besten des Jahres.



3. Der beste Moment:


Vielleicht einer der völligen Stille: Anders sitzt alleine in einem Café und wir hören mit ihm Dialogfetzen aus Unterhaltungen an Nebentischen. Tauchen kurz in das Leben der Anderen ein. Spüren unausgesprochen gleichzeitig seine Wehmut über die Fähigkeit der Anderen, das Leben einfach so leben zu können. Und gleichzeitig die völlige Nichtigkeit, die in allen Unterhaltungen hier mitschwingt.





Gegen Ende dieser Szene zählt ein Mädchen eine klassische „100 Sachen, die ich einmal erleben möchte“-Liste auf und auch hier wird gleichzeitig die Unmöglichkeit eines perfekten, von der Gesellschaft akzeptierten Lebens sowie die Irrelevanz aller Lebensziele deutlich, ohne dass die Szene irgendwie kommentiert und damit in eine profane Konsum- oder Moderne-Gesellschaft-Kritik umschlagen würde.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Camus-Leser. Leavinglasvegas-Verächter.


* Regie: Joachim Trier
* imdb





Mehr von Joachim Trier:


* Reprise (Auf Anfang)
(Platz 3 unserer besten Filme des Jahres 2007)

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