Plattenhören mit Eddie Argos (Art Brut)

Wie die Zeit vergeht: es ist nun bereits zehn Jahre her, seit es für Art Brut, Helden des britischen DIY-Indierock, hieß: „We formed a band“.
Zwar ist die Aufmerksamkeit ein wenig zurückgegangen, die Nackt-Covershoots auf dem Titelblatt des NME ebenso Historie wie die überraschend große Begeisterung in Deutschland, aber das Best Of – Album, das zum Zehnjährigen erschien, ist eine willkommene Erinnerung, wieviele clevere Kracher Art Brut geschrieben haben.
Da Art-Brut-Frontmann Eddie Argos wohl einer der Nerds schechthin im Musik-Business ist, haben wir uns zusammen gesetzt und Platten angehört:



Billy Childish – Punk Rock Ist Nicht Tot


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Eddie Argos: Ah, das kenne ich natürlich! Das ist Billy Childish! Wir haben den Refrain aus „Punk Rock Ist Nicht Tot“ auf einem unserer eigenen Songs ebenfalls benutzt, ich singe da „Sorry if my accent’s flawed. I learnt my German from a 7 inch record. Punk rock ist nicht tot!“, was ich natürlich tatsächlich von diesem Billy-Childish-Song gelernt habe.
Die Geschichte dahinter stimmt übrigens auch: ich war eine zeitlang in Hamburg und der einzige deutsche Satz, den ich sprechen konnte, war eben „Punk Rock ist nicht tot“ – da ich aber die ganze Zeit auf St. Pauli verbracht habe, hat das auch völlig ausgereicht, dass mich jeder mochte lacht
Ich habe einfach in Kneipen, auf Konzerten oder im Kiosk „Punk Rock ist nicht tot“ gesagt und die Leute auf St. Pauli waren dann nett zu mir und haben mir ein Bier geschenkt…


Ist Billy Childish für Dich eine Inspiration? Art Brut haben mich häufig an Childishs Sachen erinnert?


Argos: Oh ja, definitiv. Ich war wirklich mal richtig „obsessed“ mit Billy Childish, er ist auch sowas wie ein Blueprint für meine Karriere.
Ich habe viel Billy Childish gehört, auch seine Bücher gelesen. Erst kürzlich habe ich im Internet geschaut, ob ich ein Buch von ihm, das ich verloren habe, wieder irgendwo bestellen kann, aber auf eBay verlangen sie dafür in der Zwischenzeit 300 Pfund!
Meine Freundin wollte mir auch mal vor einigen Jahren ein Gemälde von Billy Childish kaufen, hat dann seine Telefonnummer herausgesucht und dann war tatsächlich Childish selbst am Telefon – sie ist so erschrocken, dass sie gleich wieder aufgelegt hat. Im Rückblick schon ärgerlich, seine Bilder sind auch heutzutage enorm viel wert…

Ich habe auch wirklich obskure Billy-Childish-Platten, auf denen er über einer singenden Säge die Horoskope von Ameisen und Grashüpfern verliest, weil meine damalige Freundin – bevor es so richtig das Internet gab – mir Platten von Billy Childish schenken wollte, deshalb einfach bei seinem Label Damaged Goods angerufen und gefragt hat, was denn die drei besten Childish-Alben wären. Und die haben ihr dann natürlich nicht die drei besten verkauft, sondern drei von denen, die sie sonst nicht losgeworden sind, haha. So bin ich zu wirklich strangen Billy Childish Alben gekommen.

Tocotronic – Aber hier leben, nein Danke!


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Argos: Mhhh… lass mich raten, sind das Tocotronic?
Ich kenne auch das neue Album, find ich auch gut. Er erinnert manchmal an Morrissey, finde ich. Es gibt auch diesen einen Song „Pizza essen mit Mark E Smith“, oder so ähnlich?


Ja, genau. Ich bin überrascht, dass du sie kennst. Ich dachte immer, deutschsprachige Gitarrenmusik wäre praktisch nicht existent in England?


Argos: Ja, da hast du schon recht, aber wir haben in Art Brut ja auch deutsche Bandmitglieder und unser Drummer hat mir Tocotronic früher schon vorgespielt. So bin ich auch zu der ganzen „Hamburger Schule“ – Geschichte gekommen, finde ich auch alles toll. Am liebsten mag ich davon Die Sterne, auch wenn ich weiß, dass die sich selbst gar nicht gern als Hamburger Schule wohl bezeichnen lassen, aber wer ist schon gern Teil einer „Szene“? Auch die Texte von Frank Spilker: toll. Mein Lieblingslied ist „Universal Tellerwäscher“! Das ist so großartig, diese Idee, bei einer großen Plattenfirma nur wie ein Tellerwäscher zu sein! Meine liebste deutsche Band sind Robocop Kraus, meine liebste deutschsprachige sind aber Die Sterne.


Ja, Panik – Run From The Ones That Say I Love You


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Argos: Oh. Das klingt toll. Wer ist das?


Das sind Ja, Panik. Eine österreichische Band, die in der Zwischenzeit in Berlin wohnt.


Argos: „Ja, Panik“? Das muss ich mir merken, das Album muss ich mir besorgen.


Das Album heißt „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“… wie Du siehst, sie sind also das, was man wohl eine intellektuelle, linke Band bezeichnen könnte.


Argos: Haha. Ja, klingt so. Ich finde aber auch wirklich spannend, wie er hier zwischen deutsch und englisch wechselt, das ist wirklich sehr gelungen. Und er hat eine sehr gute Stimme für die Art der Musik, das passt sehr gut zusammen. Gute Band, Ja, Panik. Muss ich mir merken.


Mikrofisch – The Kids Are All Shite


Soundcloud-Link


Argos: Das kenne ich! Warte… sind das die Woog Riots?


Nein, die Band heißt Mikrofisch, ist aus Hamburg bzw. ein Teil lebt in London.


Argos: Ah. Das kenne ich aber trotzdem auf jeden Fall, irgendjemand hat mir das mal auf einer CD gegeben! *hört weiter zu, lacht immer wieder wegen Textstellen* Wirklich super Song.


Kannst Du die Attitude aus diesem Song nachvollziehen?


Argos: Definitiv. Ging mir genauso, diese ganze „Indie-Szene“ des NME Mitte des letzten Jahrzehnts, fast nur schreckliche Bands. Es gab zwar sicher auch einige interessante, aber diejenigen, die abgefeiert wurden, waren es nicht.


*lacht bei der Textstelle „I bet that you look good on the dancefloor / but nowhere else“ und „Are You Gonna Be My Girl? Fuck Off!“*


Argos: Tolle Lyrics. Ich liebe solche Songs. Kennst du die Band Teen Anthems? Die haben auch mal so einen Song über Oasis gemacht , das ist praktisch eine ähnliche Idee, nur über eine andere NME-Szene


Babyshambles – Pipe Down


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*beendet das Zuhören schon nach kurzer Zeit*


Argos: Oh weh. Das ist gar nichts für mich. Ich halte Pete Doherty auch wirklich für überschätzt, er ist nicht dieses "Genie", dieser "Poet" als der er von vielen gezeichnet wird.


Du hast früher auf Konzerten nach dem Song „My Little Brother“ gern den Satz „Stay away from Pete Doherty! He is a very bad man!“ gesagt.


Argos: Oh ja, aber ich habe damals immer viel nach dem Song erzählt. Ich habe die Leute auch davor gewarnt, sich Alan McGee zu nähern *lacht* Er hatte doch nach Creation diese andere Plattenfirma (Anm.: Poptones) und hat in den Nullerjahren all diese schrecklichen Bands unter Vertrag genommen. Deshalb habe ich nach „My Little Brother“ auch immer gesagt: bleibt weg von Alan McGee! damit nicht noch mehr schlechte Bands Platten veröffentlichen. Später hat aber McGee immer wieder sehr nette Sachen über Art Brut gesagt und dann tat mir das im Nachhinein leid. Weil eigentlich ist er natürlich ein toller Typ, nur all die von ihm betreuten Bands zu der Zeit waren fürchterlich.


Konntest Du auch mit den frühen Doherty-Sachen nichts anfangen? Also nicht mal das Libertines-Debüt?


Argos: Doch, das war schon toll, so wild, so energiegeladen. Das Libertines-Debüt ist ja auch mehr ein Alkohol- als ein Drogen-Album. Es ist eher diese „verzweifelter Poet nimmt Drogen“-Masche, die ich blöd fand und außerdem drehte sich Mitte des letzten Jahrzehnts in England einfach alles um ihn, die ganze Presse war komplett auf Doherty eingeschossen – und so gut ist er meiner Meinung nach einfach nicht. Auch was jetzt Drogen-Songs angeht: ich meine, das hier ist doch nicht auf einem Level von, zum Beispiel, „Another Girl, Another Planet“ der Only Ones, oder?


Da gebe ich dir recht, obwohl ich andererseits glaube, dass viele Doherty-Songs stark von den Only Ones beeinflusst sind.


Argos: Das kann gut sein, er ist damals auch viel mit den Söhnen von Pete Perrett (Anm.: Sänger der Only Ones) rumgehangen.


Die waren sogar mal kurz Mitglieder in einer der vielen Babyshambles-Inkarnationen. Wie wahrscheinlich halb London…


Argos: Ja, wie gesagt, zu der Zeit hat sich wirklich in England alles um ihn gedreht und die Presse hat das noch befeuert. Ich kann mich noch erinnern, dass uns der NME mal auf die Rolle geschoben hat: sie wollten uns für ein Gruppenfoto mit anderen „London – up & coming“ – Bands, damit hatten wir natürlich kein Problem und haben zugesagt. Als das Foto aber dann erschienen ist, wurde darunter abgedruckt: „Wir sind alle von Pete Doherty beeinflusst!“ Na dankeschön!


The Indelicates – Waiting For Pete Doherty To Die


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Argos: Ah, I see what you did there!
Dieser Song hier wurde ja auch oft missverstanden, viele haben das immer als Hass-Song gegen Doherty interpretiert. Wobei ich mich wirklich frage, wie wenig man einem Song zuhören kann, ich denk mir dann immer: „Listen, you idiot!“ – es ist ja sogar so, dass der Text eher pro-Doherty ist. Es wird doch in den Lyrics total klar, dass es nicht darum geht, Doherty den Tod zu wünschen, sondern um eine Kritik der Glorifizierung des Ausbrennens, dieser Verehrung des „kaputten Genies“, auf dessen Altar junge Menschen geopfert werden. Spätestens die Zeile „Waiting for Pete Doherty to die… / Someone come and tap this pain! / I haven’t cried since Kurt Cobain“ muss doch jedem klar machen, dass hier ein Mechanismus und kein Mensch kritisiert wird!

Ich liebe übrigens die Indelicates! Die sind wirklich großartige Texter!
Als ich die ersten Songs der Indelicates damals gehört habe, wusste ich: ich muss mich mehr anstrengen, wenn ich eigene Lyrics schreibe, sie heben das Ganze wirklich auf einen anderen Level.

Ich fand es immer schade, dass die Indelicates diesen Song nie offiziell irgendwo veröffentlicht haben.


Argos: Ja, irgendwie schon. Aber andererseits wollten sie einfach nicht „diese Band mit dem Doherty-Song“ sein. So sind halt die Indelicates: immer lieber einen Umweg mehr als zu direkt auf irgendetwas festgelegt zu sein.
Ich mein, welche Band veröffentlicht schon heutzutage ein Musical/Konzeptalbum über David Koresh und nennt das dann auch noch „David Koresh Superstar“… *lacht*

The Robocop Kraus – Fake Boys


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Argos: Mh… das kenn ich auch… verdammt, komme jetzt nicht drauf…


Das sind The Robocop Kraus mit „Fake Boys“.


Argos: Oh Gott! Stimmt natürlich. Ah, das ist mir jetzt fast peinlich, dass ich das nicht gleich gewusst habe. Ich liebe Robocop Kraus! Warum sind Robocop Kraus nicht berühmter? Ich kann mich noch erinnern, dass in Magazinen bei bei Tourankündigungen von Robocop Kraus geschrieben wurde „sounds like Bloc Party“ – und ich dachte mir, „no, man! Bloc Party sound like Robocop Kraus“. Die machen das schon viel länger. Die waren schon da, bevor es Bloc Party oder Franz Ferdinand überhaupt gab!


Die sind wirklich, ernsthaft, die beste Liveband, die ich je gesehen habe!
Wir haben die auch mit uns auf eine US-Tournee mitgenommen und sie waren jeden Abend beeindruckend. (Anm: Robocop Kraus – Sänger Thomas Lang) Thomas is amazing. Er ist ein so brillanter Frontmann. Ich hab all meine Tricks von ihm geklaut – aber wir sind ja alle Elstern *lacht*

Thomas hat sich vieles ja wiederum von den Talking Heads „geliehen“. Nein, wirklich, Robocop Kraus sind toll, so schade dass sie sich jetzt aufgelöst haben.


Wie hast Du Robocop Kraus denn eigentlich kennengelernt?


Argos: Wir haben zusammen auf einem Festival gespielt, ich glaube das war in Holland. Sie waren direkt vor uns dran, wir sind am Rand der Bühne gestanden, haben auf unserem Auftritt gewartet und dann Robocop Kraus gesehen und dachten uns nur: shit, so gut wie die gerade sind, das können wir niemals toppen!
Backstage haben wir uns dann super verstanden und so kam eines zu anderen. Sie haben ja dann auf Epitaph ein Album veröffentlicht, auf dem unter anderem „You Don’t Have To Shout“ drauf ist, das ich auch immer spiele, wenn ich irgendwo als DJ auflege, und wir haben sie zweimal nach UK eingeladen, um mit uns aufzutreten, und dann auch auf unsere große US-Tour mitgenommen. Und Robocop Kraus wiederum haben uns zu einer ihrer jährlichen Weihnachtsshows in Nürnberg eingeladen…


… ja, da war ich auch. Ich bin ja ursprünglich aus Nürnberg…


Argos: Ah, sieh an! Das war auch echt super. Eigentlich sind Robocop Kraus auch der Grund, warum ich jetzt in Deutschland lebe. Als ich zur Weihnachtsshow bei Thomas übernachtet habe, habe ich seine Wohnung gesehen, Euer köstliches Brot gegessen und dann gehört, was er hier fürs Leben und Wohnen zahlt … das mal gedanklich mit London verglichen und mir dann gedacht: ich sollte definitiv nach Deutschland ziehen *lacht* Aber weil Nürnberg dann doch keine so richtige Szene hat, hab ich am Ende zwischen Berlin und Hamburg geschwankt, ’ne Münze geworfen und bin jetzt letztendlich in Berlin gelandet.


Wusstest Du übrigens, dass Thomas sich so ein wenig Geld nebenher verdient hat als Touristenführer für englischsprachige Touri-Gruppen in Nürnberg? Er hat mir auch erzählt, dass er für die das alles immer ein wenig lebendiger gemacht hat, indem er sich einfach touristische Höhepunkte ausgedacht hat: „Und hier sehen Sie das Geburtshaus von Adolf Hitler…“ *lacht*






Das Geburtstagsalbum, 10 Jahre Art Brut Greatest Hits namens, richtig, „Top Of The Pops!“ ist bereits erschienen:


Alle (German) Blind Date – Folgen:
* Plattenhören mit Laura Marling
* Bleached über Tocotronic, Chicks On Speed, Die Heiterkeit, Ja Panik und Jolly Goods
* Adam Ant über Tocotronic, Ja Panik, Blumfeld und Fehlfarben
* Team Me über Tocotronic, Ja Panik und Die Sterne
* Yeasayer über Seeed, Fehlfarben, Blumfeld und Die Sterne
* Maximo Park über Tocotronic, Die Sterne, Ton Steine Scherben, Ja Panik
* Smoke Fairies über Ton Steine Scherben, Tocotronic, Blumfeld, Ja Panik
* Hot Chip über Die Sterne, Fehlfarben, Justus Köhncke, Tocotronic, Blumfeld, DJ Koze
* The Stranglers über Die Sterne, Tocotronic, Blue Angel Lounge etc
* Die Sterne über Ja Panik, Chuckamuck, Ecke Schönhauser etc
* The Levellers über Hans Unstern, Ton Steine Scherben, Blue Angel Lounge, Die Sterne
* We Were Promised Jetpacks über Tocotronic, Ja Panik, 1000 Robota etc
* The Walkabouts über The Walkabouts über Tocotronic, Ja Panik, Hans Unstern etc
* Los Campesinos! über Tocotronic, Blumfeld, Ja Panik etc
* Troy von Balthazar über Tocotronic, Fehlfarben, Kante, Ja Panik