Reeperbahn Festival: welche Acts man nicht verpassen sollte (Mi & Do)

Das Reeperbahn Festival in Hamburg ist ja ein Gegenentwurf zum klassischen Hauptbühnen-Festival: statt auf einer grünen Wiese (oder einem grauen Flughafen) riesige Bühnen aufzubauen nutzt das Reeperbahnfestival die tolle Kneipen- und Clublandschaft auf St. Pauli und bespielt die vorhandenen Locations. Im Zweifel macht es einfach mehr Spaß, einem Künstler in einer gut gefüllten „Hasenschaukel“ oder dem „Molotow“ zuzuschauen als sich mit ein paar anderen Unverdrossenen nachmittags in einem Flugzeughangar die Füße in den Bauch zu stehen.





Auch in diesem Jahr findet wieder „Ray’s Reeperbahnrevue“ statt, die man gar nicht genug loben kann. Wer in den 90ern das Vergnügen hatte, noch so etwas wie echtes Musikfernsehen kennenzulernen, wird sich mit Freuden an Ray Cokes‘ legendäre Show „Most Wanted“ zurückerinnern. Die Reeperbahnrevue funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Cokes gibt den schlagfertigen Stand Up Guy, interviewt zwischendurch ein paar Bands und stellt gleich noch die spannendsten neuen Acts des Festivals vor. (Do-Sa, 17.00 Uhr, Schmidt Theater)


Bands nach Tagen:
Mittwoch, 25.9.


Am „Vorab“-Tag sind natürlich die Berliner Garagenstürmer Chuckamuck der große Höhepunkt, haben die jungen Burschen doch gerade mit ihrem zweiten Album bewiesen, dass sie die vielleicht interessanteste junge Band des Landes sind (21.40 Uhr, Molotow).




D E N A zeigt dagegen, dass die M.I.A. – Idee durchaus auch in Ostberliner Plattenbauten gedeihen kann (22.50 Uhr, Prinzenbar)






Donnerstag, 26.9.


Mit einer gewissen Spannung darf man Eric Pfeils Auftritt erwarten. Der vielleicht beste, mindestens aber witzigste Popkritiker des Landes (und Stammgast in unserer Schmähkritik-Rubrik. Als Schmähungsverfasser!) hat sich dieses Jahr überraschenderweise selbst dem Musikmachen zugewandt und veröffentlicht mit nun stolzen 43 sein Singer/Songwriter-Debütalbum (20.30 Uhr, Angies Nachtclub).





Bereits etablierte Acts spielen dagegen in den Docks an diesem Donnerstag: zunächst zeigt Kate Nash, dass sie in der Zwischenzeit Full-Time-Riot-Grrrl ist und ihre Popvergangenheit weit hinter sich gelassen hat, danach spielen die Schweden von Shout Out Louds Indie-Pop, der wiederum die garagigen Anfänge abgestreift hat und über die Jahre mehr Pop geworden ist. (21.35 & 23.30 Uhr, Docks)





Riten anderer Kulturen stellen dagegen Highasakite aus Norwegen (22.30 Uhr, Imperial) und Kofelgschroa aus Oberammergau vor – erstere sind Indiepop zwischen Team Me und Shout Out Louds, letztere die LaBrassBanda der Tuba-Moll-Songs (Haspa, 21.00 Uhr).

Jacco Gardner wird im NME hoch gehandelt als Ein-Mann-Psych-Pop-Band und ist nach Child Of Lov gleich der nächste eigenwillige Solo-Künstler aus den Niederlanden, der derzeit für Aufsehen sorgt. Ebenfalls Stammgast im NME sind Spector (19.45 Uhr, Knust), was aber derzeit, wenn man ehrlich ist, eher am Talent für freche Interviews als am kommerziell durchschlagenden Erfolg liegen dürfte. Dennoch: wer sich nach dem Brit-Pop-Sound der zweiten Generation zurücksehnt, ist bei Spectors killers-esquen Hymnen gut aufgehoben (19.45 Uhr, Knust).





Ebenfalls in Sachen hymnischer Indiepop sind Naked Lunch unterwegs und das nun schon seit fast zwei Jahrzehnten. Aber noch immer gilt: schwärmerischere Songs als die Österreicher macht sonst kaum jemand, unterstrichen durch den Wahnsinnshit „Hardcore“ aus diesem Frühling: „Keep it hardcore / keep it real / keep it left / and please keep your will / like a hammer / like a bullet / like a bomb“


Eine kleine Enttäuschung war dagegen die neue Platte der Smith Westerns, ist deren Entwicklung von räudigen Garagenkatzen zu fluffigen Dream-Pop-Häschen nicht überall mit Begeisterung aufgenommen worden. Andererseits kann man guter Hoffnung sein, dass auch aus den ersten beiden Alben Songs gespielt werden. Noch frischer am Start als die Smith Westerns ist einmal Fyfe (20.00 Uhr, Prinzenbar), der in England als nächster Patrick Wolf gehandelt wird, und Drenge, eine schön kratzige Zweimannband, die mit ihren Gitarrenbreitseiten gern überall reingrätscht, wo unnötig viel gute Stimmung und Nettigkeit herrscht. Für den jungen Misanthropen in uns, der Songtitel wie „People In Love Make Me Feel Yuck“, „I Wanna Break You In Half“ und „I Don’t Want To Make Love To You“ schätzt (0.15 Uhr, Molotow).





Wer sich dagegen nach Black Music sehnt, findet mit Marques Toliver (21.20 Uhr, Mojo) einen Singer/Songwriter, der sich dem Soul verschrieben hat, und mit Ghostpoet einen der am meisten respektierten Hip-Hop/Electronica Künstler des Kontinents (23.10 Uhr, Mojo).


Am Pop-Ende der Veranstaltung wiederum befindet sich mit Chloe Howl (0.00 Uhr, Prinzenbar) einer der heissesten Tipps für Mainstream-Erfolg in den kommenden Monaten. Dank der eher etwas überraschenden Einladung von James Blunt hat man zudem die Möglichkeit, den Mann zu erleben, der Singer/Songwriter-Stuff einen schlechten Namen seit 2004 gibt. Andererseits aber bietet sich so eine sehr willkommene Gelegenheit, eine der liebsten Schmähkritiken der Popblog-Geschichte noch einmal droppen zu können:

“We tried. Honestly we gave it a good three or four listens from start to finish, just searching for something, anything positive to say about the easiest target in showbusiness (or, for that matter, in any business). Is there a point, we thought, in making yet more gags about how James Blunt is posh / is a wet blanket /has a name that so handily rhymes with the word that sums up the world’s opinion on him? Will it really put even the tiniest of dents in the inevitable nine zillion album sales?
It is with this in mind that, rather than wasting any space on such things as describing the actual music here (insipid, beige, devoid of… oh come on, you know) we now present some of the lyrical howlers that more effectively demonstrate his Satanic levels of hideousness. “Why don’t you give me some love / I’ve taken a shitload of drugs!” he rasps on “Give Me Some Love”; “But the wall come tumbling down / Will you go down on me?” some poor sap by the name of “Annie” is asked; “Is a poor man rich in solitude, or will Mother Eart complain?” he ponders on “I Really Want You”. For the best one of all though we must return to “Give Me Some Love”: “Me and my guitar play my way… and it makes them frown”. Frankly, James, that is the understatement of the fucking century.” – (Hamish McBain, Time Out Magazine)



Die Vorschau auf Freitag und Samstag folgt in den kommenden Tagen.

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.