vonChristian Ihle 04.03.2014

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Der am Samstag in hohem Alter verstorbene französische Regisseur Alain Resnais war auf den ersten Blick kein wilder Ikonoklast wie Godard. Neben den wichtigsten Godards wie „À bout de souffle“ und „Le Mepris“ oder Ingmar Bergmans Großtaten gibt es aber wohl kaum Filme, die so sehr Bestandteil der Revolution der Erzählweise und der Bildgeschichte des europäischen Arthouse-Kinos im letzten Jahrhundert geworden sind wie Resnais‘ Meisterwerke „Letztes Jahr in Marienbad“ und „Hiroshima, Mon Amour“.

Vier Erinnerungen an das Werk eines der ganz großen Regisseure der Filmgeschichte:



1. Letztes Jahr in Marienbad / L’année dernière à Marienbad (1961)





Immer noch der König aller Arthouse-Filme. Ein unzerstörbarer Klassiker, gleich in mehrerlei Hinsicht. Der womöglich stilistisch schönste Film, der je gedreht wurde. Bestechend klare schwarz-weiß Bilder, makellos arrangierte Tableaus mit unfehlbarem Stilwillen. Doch der Zauber von Marienbad liegt nicht nur in den Bildern, sondern auch gerade in seiner Geschichte, die so vertrackt und undurchdringlich, so bewusst verworren in einer Art Möbius-Schleife erzählt ist, dass Resnais Meisterwerk auch 53 Jahre nach seiner Veröffentlichung so modern und mitreissend bleibt, als sei er gestern im Kino gelaufen und auch heute noch heftig polarisiert.

Alain Robbe-Grillet schrieb das Drehbuch, das sich zum Ziel setzte, die Strukturen des „Nouveau Roman“ auf die Kunstform eines Filmdramas zu übertragen – und hat nebenbei damit die Mutter aller Mindfuck-Filme geschaffen.
Robbe-Grillet selbst antwortete 1963 übrigens auf die Fragen nach Struktur und Lösung des Films: „Die Welt, in der der ganze Film spielt, ist ja gerade die Welt einer ständigen Gegenwart, die jede Zuflucht zu Erinnerungen unmöglich macht. Es ist eine Welt ohne Vergangenheit, die sich selbst in jedem Augenblick genügt und die sich nach und nach zerstört (…) Diese Liebesgeschichte, die man uns erzählte, als gehöre sie der Vergangenheit an, rollte in Wirklichkeit hier und jetzt vor unseren Augen ab. Denn natürlich gibt es ebensowenig ein Anderswo wie ein Damals“.

Ein Film für die Ewigkeit, einer der Besten aller Zeiten.


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Pop-Fun-Fact:

Das Blur-Video zu „To The End“ ist mehr oder minder eine Drei-Minuten-Version von „Letztes Jahr in Marienbad“.


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2. Hiroshima, Mon Amour (1959)





„Hiroshima, Mon Amour“ ist der Debütspielfilm von Resnais, zwei Jahre älter als „Marienbad“ und kaum minder beeindruckend. In „Hiroshima, Mon Amour“ (was für ein Film-Titel!) ist die Frage nach Erinnerungen das Herz des Films und auch hier die Einsamkeit des Individuums Dreh- und Angelpunkt von Resnais‘ erneut verschachtelt erzählter, wenngleich zumindest auflösbarer, von Marguerite Duras geschrieber Geschichte um zwei Menschen, die sich in Hiroshima treffen.

Die Aufnahmen aus dem atombombenversehrten Hiroshima sind echt und hier sieht man Resnais‘ Herkunft als Dokumentarfilmer, wenn er mit kühler Präzision den Horror des Lebens zeigt. Godard beschrieb „Hiroshima, Mon Amour“ als Kombination aus William Faulkner und Igor Strawinski, Eric Rohmer nannte ihn den „bedeutendsten Film der Nachkriegszeit, das erste moderne Werk des Tonfilms“.


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Pop-Fun-Fact:

Als Ultravox! noch ein Ausrufezeichen im Namen trugen und Post-Punks waren, also bevor sie sich dem leicht kitschigen Synthiepop der Vienna-Jahre zuwanden, schrieben sie einen nach „Hiroshima, Mon Amour“ benannten Song, dem es in seiner eisigen – und doch berührenden – Kühle tatsächlich gelang, die Atmosphäre des Films widerzuspiegeln.


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(Video beginnt erst bei 1 Minute)


3. Nacht und Nebel / Nuit Et Bruillard (1955)





Keine zehn Jahre nach der Befreiung dreht Resnais seinen Dokumentarfilm über die Vernichtungslager und KZs der Nazis. Ein Film, der sich ins Gedächtnis einbrennt, den man einmal gesehen nie wieder vergessen kann. Eine ruhige Erzählstimme aus dem Off trägt die Gräuel vor (der Text wurde von Schriftsteller Jean Cayrol geschrieben, der selbst in einem Konzentratoinslager interniert war), die Resnais in einer Art bebildert, die nie sensationsheischend ist, dabei aber nicht weniger direkt trifft. Wie seine Bilder aus der Jetzt-Zeit (also von 1955) das langsam verfallende KZ zeigen, wie die Natur sich selbst diesen Ort zurückerobert, die Gräser die Baustrukturen zu überwuchern beginnen, das ist auch ein Bild für die Gefahr der verblassenden Erinnerung – und auch ein Grund für den Film.

Fassungslos macht im Rückblick die Reaktion der Bundesrepublik Deutschland auf „Nacht & Nebel“: dieser so wichtige und großartige Film wurde für den Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes nominiert, doch die Bundesregierung verlangte in einem offiziellen Brief die Absetzung von „Nacht & Nebel“:

Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber die Festspiele von Cannes sollten zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und seien daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Dieser werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden; denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

(Quelle)

Unglaublich, aber wahr: Frankreich kam dem Ansinnen der Bundesregierung sogar nach und strich „Nacht & Nebel“ aus dem Cannes-Programm.


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4. Herzen / Coeurs (2006)





Zur Geschichte des Alain Resnais gehört auch, dass er nie aufgehört hat, Filme zu drehen. Noch vor zwei Wochen lief sein letzter Film „Aimer, boire et chanter“ im Wettbewerb der Berlinale. Allein im Alter von 90+ hat Resnais noch zwei Spielfilme gedreht, die immer noch experimentell waren und die Sehgewohnheiten herausforderten. „Herzen“, den er 2006 mit bereits Mitte Achtzig gedreht hat, ist sein vielleicht schönstes Spätwerk: ein märchenhafter Ensemble-Film über – mal wieder – Einsamkeit und (vergebliche) Erfüllung nach einem Theaterstück von Alan Ayckbourn.


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Und so ist es auch dem Drehbuchautor unmöglich, den über das Schicksal der Helden nach dem Wort „Ende“ beunruhigten Zuschauer zu beruhigen. Nach dem Wort „Ende“ geschieht überhaupt nichts mehr, wie eben das Wort „Ende“ besagt. Die einzige Zukunft, die das Werk akzeptieren könnte, wäre ein neuer, gleicher Ablauf: indem man also den Film von neuem in den Projektionsapparat spannte.

(Alain Robbe-Grillet über Letztes Jahr in Marienbad)

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https://blogs.taz.de/popblog/2014/03/04/alain-resnais-1922-2014-vier-erinnerungen/

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kommentare

  • Die hab ich beide noch nicht gesehen, aber My American Uncle ist schon länger auf meiner Watchlist.

    Zwar schade, dass keiner der ganz großen Resnais gezeigt wird, aber andererseits wenigstens eine Möglichkeit, einen der selten ausgestrahlten mal zu sehen.

  • @christian
    Danke. Die auf Arte habe ich gleich mal beim Onlinetvrecorder programmiert.
    🙂

  • Zeigt eigentlich irgendein Fernsehsender demnächst einen oder gar mehrere Filme von Resnais?

  • Ich find das ja auch ein wenig komisch, dass Marienbad scheinbar doch so polarisiert, aber wenn man mal Kommentare bei imdb überfliegt, ist das ein 10/10 oder 1/10 – Film. Obwohl da doch wirklich einige der Godards erheblich schwieriger durchzustehen sind (wie Week-End zb).

    Dabei ist Marienbad ja allein auf einer visuellen, technischen Ebene so unglaublich gut, dass das ja schon rechtfertigen würde, den Film anzuschauen. Als ich den irgendwann in den 90ern mal im Kino gesehen habe (praktisch ohne jedes Vorwissen), hat der mich wirklich weggeblasen wie kaum ein anderer Film. Und ich finde ihn immer noch makellos.

    Ultravox: Es ist halt eine andere Band geworden, Songs wie Dancing With Tears In My Eyes ist schon guter Pop, aber eben auch immer etwas kitschig (und in Richtung Hymn, Vienna dann doch schon beinah drüber…).
    Die Anfänge mit Hiroshima oder Young Savage, Frozen Ones sind natürlich viel spannender, wilder.

  • Schöne Hommage, macht Spaß zu lesen.

    „Letztes Jahr in Marienbad“ ist interessanterweise die einzige cineastische Teilmenge zwischen mir und meiner Frau, die meinen Filmgeschmack ansonsten für bekloppt hält (Godard, Ferrara, DePalma und so).

    Und bei den post-John-Foxx-Ultravox kann man das „leicht“ vor „kitschig“ ruhig weglassen. Das war eine aufregende Band, in einer Liga, wie ich finde, mit Magazine, Cure und Siouxsie & The Banshees, bis sie nach dem Einstieg von Midge Ure gleichzeitig erfolgreich und unerträglich wurde.

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