Mad Men – Lost In The Sixties.

Mit dem Siegeszug des „seriellen Erzählens“ hat erfreulicherweise auch eine Literatur-Sparte Aufwind erfahren: die Sekundärliteratur zu einzelnen Fernsehwerken. Neben Diaphanes, die eine schön gestaltete Booklet-Reihe zu verschiedenen Serien wie „The Wire“ herausgebracht haben, bringt sich auch Bertz + Fischer ein, die schon Reader zu Sub-Sub-Kultur wie das Terrorkino (sehr lesenswert) oder das Rape-Revenge-Kino (hier besprochen) veröffentlichten.


„Mad Men – Lost In The Sixties“ von Daniela Sannwald wählt dabei eine eher ungewöhnliche Herangehensweise, ist ihr „Lost In The Sixties“ doch streng nach Charakteren sortiert: ein Kapitel pro Figur. Einerseits bietet sich so schön die Möglichkeit, in die Tiefe der Charakterzeichnung einzutauchen und das Typische, das Für-etwas-anderes-Stehen der Figur herauszuarbeiten. Andererseits fällt es Sannwald doch schwer, so einen übergreifenden Bogen zu spannen, der die Serie als Ganzes interpretiert.

Überhaupt ist der Charakter von „Lost in the Sixties“ mehr der einer Kontextualisierung denn einer Interpretation. Hier hat Sannwald ihre größten Stärken, in dem sie die bei „Mad Men“ ja generell subtil eingewobenen Hinweise auf die sich umwälzende Gesellschaft des Amerikas der 60er Jahre aufzeigt und an realen Gegebenheiten demonstriert. Eine zusätzlich Perspektive gewinnt das Buch durch den Schwenk auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse der gleichen Zeit, die – wenngleich im Prinzip ja bekannt – doch immer wieder verblüffen, zum Beispiel wenn Sannwald anhand der Frage der Berufstätigkeit von Frauen (einem der Hauptthemen von „Mad Men“) auf einen damals gültigen BGB-Artikel verweist:

„Eine real existierende Sekretärin in der Bundesrepublik von 1962 hätte über diese Genehmigung ihres Ehemanns (einen Beruf zu ergreifen, Anm.) ebenso froh sein müssen: Bis 19777 konnten verheiratete Frauen ohne schriftliche Einwilligungserklärung ihres Ehemanns keinen Arbeitsvertrag abschließen. Diese Regelung basiert auf § 1356, Abs 1, des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB):

‚(1) Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung (2) Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, so weit dies mit ihren Pflichten in Haushalt und Familie vereinbar ist.'“

In der stark charaktergebundenen Erzählung ihres Booklets verliert sich Sannwald aber auch im Unwichtigen – demonstriert durch einen etwas wunderlichen Namensinterpretationsfetisch, der bei aller Liebe manchmal ins unfreiwillig Komische gleitet, wie bei der Interpretation des Pete-Campbell-Charakters:

„Campbell heißt nicht umsonst Peter. Es ist ein vielgebrauchter, solider Name (Petra bedeutet im lateinischen Felsen), den auch einer der zwölf Apostel trug. Petrus, der Fischer. Pete ist also ein Auserwählter, ein Kundenfischer.“


Alles in allem ist „Lost in the Sixties“ aufgrund der Charaktergebundenheit kein Buch für einen flüchtigen Mad-Men-Follower, da der fehlende, alles überspannende Bogen kaum ein Lesen ohne Kenntnis der Figuren ermöglicht. Seine Stärken liegen in der Kontextualisierung und der Verdeutlichung all der gesellschafdtspolitischen Subtexte, die in „Mad Men“ mitschwingen – und die am Ende ja eigentlich das Herz der Serie sind. Da „Mad Men“ so entschieden nicht plot-driven ist, ist der Treibstoff generell das Nichtgesagte, das Nurgestreifte. Sollte es also tatsächlich Mad-Men-Zuschauer geben, die die Serie wirklich nur auf „geiler Style, coole Typen“ reduzieren, hier ist das Buch, das die nötige Tiefe in kleinen Häppchen nachreicht.






„Mad Men – Lost In The Sixties“ ist im Bertz + Fischer – Verlag erschienen

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